Engel, Heidemarie: Momente

Ich sitze hier und denke über mein Leben nach. Das mache ich sehr oft, denn irgendwie bin
ich nicht glücklich. Wer um Himmels willen, ist schon glücklich..
Bin eine Frau, die ihr Leben eigentlich schon gelebt haben müsste und sich nun, in ihren wohlverdienten Sessel zurückfallen lassen könnte. Ganz und gar nicht, jedenfalls, nicht bei mir.
Will nicht zugeben, dass ich auf die fünfzig zugehe, habe Probleme damit..

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In die Vergangenheit geschaut…mein Gott, was war ich nur für ein dummes Küken. Mit sechszehn ein halb, lernte ich meinen Mann kennen, Hals über Kopf verknallt und wollte nicht darauf hören, wenn meine Eltern mich warnten. Heute, oder Jahre später, musste ich es am eigenen Leib erfahren, dass sie recht hatten. Achtzehn Jahre geworden, Heirat und zwei Kinder. Mein Mann hatte keinen Nerv für seine Familie und mit mir ist in der Richtung, auch nicht sehr viel los gewesen. Konnte nicht kochen, von backen war gar keine Rede und von Kinder und Familie schon gar nicht…
Selbstverständlich, ging unter diesen Bedingungen und miesen Voraussetzungen, meine Ehe in die Brüche. Ich konnte es nicht mehr aushalten, täglich einen angetrunkenen Mann in unserer Wohnung zu haben und die Gewalttätigkeiten, schon gar nicht. Irgendwie würde ich es schon schaffen. Wie oft rannte ich nachts aus der Wohnung, wenn der Alkoholpegel meines Mannes so hoch war, dass die Tracht Prügel für mich, wieder fällig war. Es musste weiter gehen, irgendwie würde ich es schon schaffen..

Ich schaffte es, natürlich schaffte ich es. Am Ende eines jeden Tunnels, scheint immer ein kleines Licht. Und genau dieses Licht schien auch mir und ich rannte in Riesenschritten, darauf zu.
Eine kurze Zeit war ich allein mit meinen Kindern und wir schafften unseren Alltag irgendwie. Nicht gut und ganz sicher nicht perfekt, aber es ging voran. Besser, als ich es erwartet hatte.
Ein zweiter Mann kam in mein Leben und nun lernte ich die andere Gattung Mann, kennen. Verliebt, bis über beide Ohren, stürzte ich mich in diese Beziehung. Gar nicht klüger geworden, ging auch diese Beziehung schief. Er betrog mich, wo es nur ging, kannte keine Skrupel. Irgendwann war für mich, das Ende der Fahnenstange, erreicht. Ich trennte mich wieder. Zwar unter großen Schmerzen, denn, wie dumm es sich auch anhören wird, ich liebte ihn wirklich. Er schlug mich ja nie, er trank auch nie, nur die Schmerzen, die er mir zufügte, sah man eben nicht.

Irgendwie am Ende, keine Hoffnung mehr sehend für mich, lernte ich wieder einen Mann kennen. Ich hatte zwei fasst erwachsene Kinder und aus der letzten Ehe, noch einen vierjährigen Sohn, der mein ein und alles war. Ich war nicht mehr so dumm, wie früher, denn wenn ich schon sonst nichts gelernt hatte, so hat mir das Leben, doch einige Lektionen erteilt.
Ich lies mich mit diesem Mann ein, denn er war in seiner Art, keiner von meinen beiden bisherigen Errungenschaften. Er war lieb, ruhig, nett und ein Mann, wie ich ihn mir vielleicht in einsamen Stunden , erträumt hatte.

Jahre waren wir zusammen, hatten geheiratet und ich war zufrieden. Endlich einmal richtig zufrieden. Wenn mich einmal jemand fragte, ob ich glücklich sei, konnte ich nur antworten, dass ich sehr zufrieden bin. Denn das… war ich. Wollte es bis zum Ende meines Lebens, auch bitte, bleiben. In unserer Ehe hatte sich nichts negatives ereignet und ich war wirklich rund um, zufrieden.
Plötzlich tastete ich mich an die Materie Computer und Internett heran.
Lernte sehr viele Menschen kennen und konnte durch sehr viel Gespräche, erleben, dass es anderen Menschen genau so , oder wenigstens so ähnlich, wie mir, erging.

Aber ich war ja zufrieden mit mir und meiner Umwelt, mich konnte ja jetzt, nichts mehr erschüttern.
Plötzlich, nie an etwas derartiges gedacht, kommt ein Mann in mein Leben, der alles, aber auch wirklich alles, auf den Kopf stellt.
Anfangs eine normale Unterhaltung im einen der Chats. Er war ganz nett und für eine gelegentliche Unterhaltung, würde es ganz lustig sein, seine Zeit mit ihm zu verbringen.
Er ist etwas jünger als ich aber nicht verheiratet. Lebt seit acht Jahren in einer Beziehung, in der auch er nicht so ganz glücklich zu sein, scheint. Auch er suchte Unterhaltung, wie ich. Er erzählte mir so einiges aus seinem Leben und auch ich gehe mit einem ziemlich großen Vertrauen, auf ihn zu.
Er ist oft einsam, fühlt sich unverstanden und sucht nach Wärme und Geborgenheit. Ich scheine seine Erwartungen zu erfüllen und durch lange Gespräche, haben wir uns ziemlich gut, kennen gelernt. Er ist sehr sympathisch, nett, klug und lustig.
Schleichend kam die Veränderung in unsere Beziehung, wenn man von Beziehung sprechen kann. Wir tasteten uns langsam an uns heran, ohne, dass es uns bewusst war.

Wir schreiben uns sehr viele SMS, treffen uns täglich im Internett und ich habe mich vollkommen in ihm verloren. Er scheint dasselbe Gefühl für mich zu haben und beteuert mir immer wieder , wie lieb er mich hat. Von Liebe wird gesprochen, ganz ohne Scheu. Tausend schöne Gedanken und Gefühle haben wir gemeinsam erlebt. Treffen wir uns am Telefon, natürlich immer mit ungutem Gefühl, dass wir in unserer Beziehung zu Hause, etwas anrichten könnten. Es ist wahnsinnig schön mit ihm, hocherotisch und wir haben ein unendliches Vertrauen ineinander. Er gehört ganz einfach zu meinem Leben, meine Gedanken, meine Welt, dreht sich nur noch um diesen Mann. Kommt mein Ehemann nach Hause, will mich begrüßen, kann ich ihm schon lange nicht mehr in die Augen schauen. Was hat er mir angetan, dass ich ihn so behandle. Nie konnte er mir das geben, was dieser Fremde zu geben bereit ist. Versuche mir wirklich nichts anmerken zu lassen, denn ihn trifft keine Schuld. Ich hab schon jahrelang von Romantik geträumt, bin es schon immer gewesen. Nie sind meine Träume in der Richtung , erfüllt worden. Jetzt, wo ich endlich zufrieden mit mir und meinem Umfeld bin, passiert mir so etwas.

Bin unendlich glücklich, wenn ich an ihn denke und furchtbar traurig, wenn ich an das denke, was ich zu zerstören, bereit bin. Meine Kinder sind aus dem Haus, gehen ihrem eigenen Leben nach und mir, passiert so etwas…

Versuche in stillen Stunden, mit mir ins reine zu kommen, vernünftig zu entscheiden. Aber ich kann nicht auf ihn verzichten. Es geht einfach nicht. Er gibt mir all das, worauf ich mein Leben lang, gewartet habe und was ich so lange Jahre entbehren musste. Ich kann ihn nicht aufgeben! Ich kann ihn nicht loslassen… Vielleicht bin ich nur in meine Träume und Illusionen verliebt, vielleicht ist er nicht das, was ich in ihm sehe. Viel mehr , als ein Traum ist es nicht, denn, wir haben uns noch nie gesehen…

Er schickte mir ein Foto und ich war enttäuscht, hatte mir meinen eigenen Traummann zurecht gebastelt.. Aber ich habe erkannt, dass das Aussehen eines Menschen, gar nicht wichtig ist. Ich war enttäuscht, nicht dass er nicht gut aussah, nur eben ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Vielleicht, wenn man noch sehr jung ist, legt man großen Wert darauf. Sicher hatte auch er, sich etwas ganz anderes vorgestellt, denn ich schickte ihm auch ein Bild von mir..
.Lebenswichtig für mich, sind seine Worte, was er sagt, wie er es sagt, seine Nähe, die er mir so gut vermitteln kann , auch wenn uns eine große Entfernung trennt.
Wahnsinn ist es , ihn am Telefon zu hören, lachen und einfach Spaß zu haben. Ich kann nicht mehr ohne ihn leben, hab ich das Gefühl.

Wir reden von Zukunft, schieben sie aber ganz lange vor uns hin. Treffen keinerlei Entscheidungen, denn es ist noch viel zu früh, um überhaupt etwas zu entscheiden. Ob es jemals überhaupt etwas zu entscheiden geben wird..
Möchte so gern einmal seine Hand spüren, so gern einmal seine Nähe…
Verträumt, wie ein junges Mädchen, wache ich morgens auf und finde mich in meiner alten Welt wieder.

Ich bin glücklich, dass er da ist, dass es ihn gibt. Ich befürchte und hoffe zugleich, dass er seine Beziehung beenden wird, werde auch ich das tun? Werde gerade ich, noch einmal, einen neuen Anfang wagen?

Aber vielleicht hat er gar nicht vor, sein Leben zu ändern, vielleicht liebt er dieses Risiko und das Gefühl, irgendwie ein Zweitleben zu führen und vielleicht, ist auch er, zufrieden in seiner Umgebung, zufrieden…. so, wie ich. Doch mein Inneres schreit, „Michael, ich liebe Dich“
Ich denke, ich werde eines morgens aufwachen und fühlen, dass alles nur ein Traum war. Ein Traum mit wahnsinnigen Gefühlen und ein Traum, der mit tausend Tränen zu Ende ging. Ich weiß, dass es so enden wird und dennoch, träume ich ihn zu ende.

© 2001 by H. Engel

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