Haltern, Dörthe: Wieso nicht einfach nur leben?

(Auszug aus: Das Buch des AlkKao, Dörthe Haltern, 2002/2003)

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[…]
„Glaubst du daran?“, fragte der Dämon [Anrar1] sie. „Glaubst du, Menschen hätten einen solch starken Glauben, dass sie Dinge aus diesem Glauben heraus erschaffen können? Ein beunruhigender Gedanke, oder nicht?“
„Es ist eine Theorie.“, meinte Faith² trocken. Sie wusste, dies war keine Antwort, doch etwas gescheitertes fiel ihr im Moment nicht ein.


„Ja, eine Theorie.“, stimmte er ihr zu. „Doch mit Theorien ist es so eine Sache. Man weiß nie, wie viel Wahrheit sie enthalten können. Ich persönlich glaube daran. Es erklärt so viele Dinge, für die es im Leben keine Erklärung gibt. Es fällt einem leichter, das Leben um einen herum zu verstehen und zu akzeptieren. Alle diese möglichen Erklärungen, eine besser als die andere. Was sind sie schon, wenn nicht mehr als ein Anker, der dem Schiff sicheren Halt gibt? Als der Fels in der Brandung? An das alles sich das denkende Wesen klammert, denn es kann gar nicht anders. Sobald es anfing zu denken, versuchte es gleich alles um sich herum zu erkunden, zu analysieren und zu begreifen. Es fing an in Dimensionen zu denken, in welche es gar nicht denken konnte, welche seine Vorstellungskraft sprengten. Doch einmal Fragen gestellt, so benötigten sie auch Antworten. Antworten, die keinen Sinn ergeben, die sicherlich die größten Irrtümer der Geschichte sind, aber ohne Antworten geht das denkende Wesen zu Grunde, denn der einzige Sinn in seinem Leben besteht in der Jagd auf Wissen und Antworten. Nur wie viel wissen wir eigentlich?“

[…] „Was geht hier vor?“, fragte sie [Faith] mit ihrer gewöhnlich leisen Stimme, die trotz allem ausreichend Selbstbewusstsein wiederspiegelte. „Wer seid Ihr?“

„Schon wieder Fragen.“, antwortete der Dämon. „Fragen über Fragen und keine Antwort in Sicht. Wie grausam muss dieses Leben doch sein. Wer ich bin? Ich bin Anrar, die Stimme Justakas³ und Justaka spricht zu dir.“
„Wie ist das möglich?“, wollte sie weiterhin wissen. […]

„Ich bin überall.“, erklärte Justaka durch Anrar erneut. „Überall in dieser Welt und außerhalb dieser Welt. Einmal dort und im gleichen Moment auch wieder da. Mir stehen Wege offen, die Menschen niemals betreten können. Im Gestern, Heute und Morgen. Ich bin in ihren Köpfen, ich bin in ihren Häusern, wenn ich dies will, ich bin mitten unter ihnen, ohne das sie es merken und doch bin ich nirgends.“

„Und wieso seid Ihr nun hier?“, erkundigte sie sich zögernd. „Was wollt Ihr?“

„Die Frage lautet doch diesmal was möchtest du? Doch das wisst ihr Menschen meistens nicht. Wenn du dir eine Antwort aussuchen müsstest, auf irgendeine Frage, die du schon immer beantwortet haben wolltest, ich bin mir sicher, du könntest dich nicht entscheiden. Überlege einmal für dich, wüsstest du es? Dir gehen sicher tausend Fragen durch den Kopf, doch du wüsstest nicht, welche du wählen solltest. Sie erscheinen dir auf einmal alle so schrecklich unwichtig. Oder es sind Fragen wie ‚Wo liegt der Sinn des Lebens?‘ mit deren Antworten die Menschen zwangsweise unglücklich würden. Jeden Tag stellst du dir neue Rätsel. Rätsel, die sich mit weiteren Rätseln immer weiter ausdehnen und am Ende stehst du da mit ein paar Fäden in der Hand und weißt nicht mehr wozu und wohin. Wieso nicht einfach nur leben? Das ist der Fortschritt des Menschen. Rätsel. Eines Tages werden sie daran zu Grunde gehen, da bin ich sicher. Du fragst dich, wer die Götter sind? Wie sie aussehen, wer sie sind? Diese Frage ist leicht. Wenn wir davon ausgehen, die gängige Theorie ist korrekt, so schufen die Menschen ihre Götter selbst. Sie entstanden in der menschlichen Fantasie, waren stark und verfügten über grenzenlose Macht. Und was geschah? Die Natur macht es sich einfach. Sie erschuf keine neuen Götter. Nein, die nahm einfach das mächtigste Volk dieser Welt und erhob sie in die neue Position. Waren die Menschen so naiv und glaubten sie wären es? Das mächtigste Volk dieser Erde waren nicht die Menschen, nein, es waren die Ursa4. Hast du von ihnen gehört? Sie waren grausam und schrecklich. Wüteten und plünderten. Doch sie beinhalteten alle Eigenschaften, wie sie die Menschen ihren neuen Göttern gaben. So verläuft das Leben.“
[…]

Erklärungen:

1)Anrar: Dämon des Chaos. Durch ihn spricht Justaka, denn „Justakas Stimme bringt den Tod“.
2)Faith: Seherin. Dieser Textauszug stammt aus einer ihrer Visionen in die Vergangenheit. Obwohl andere sie nicht bemerken können, gelingt es Justaka mit ihr in Kontakt zu treten.
3)Justaka: Dämonenherrscher, wird mit dem Tod gleichgesetzt. Verband sich einst mit der Magie und verfügt nun über allmächtige Fähigkeiten.
4)Ursa: Volk der Götter. Einst Herrscher über viele Völker der Welt und erklärter Feind der Elfen und Menschen. Verschwanden auf mysteriöse Weise und so stürzte eines der größten Herrschaftssysteme ein. Dieser Einsturz brachte den Untergang oder die Versklavung vieler der ihnen untergebenen Völker mit sich.

© 2003 by Dörthe Haltern

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