Heim, Wilhelm: Bibliotheks-Sonntag

Es war einmal ein Bibliotheks-Sonntag. Schon der dritte hintereinander. Der Lesesaal ist relativ leer und wenn man sich nicht unbedingt auf seinen Text konzentrieren muß, ist es unheimlich langweilig.
Beim ersten Mal schleppte ich mich am Sonntag dorthin, weil es zu Hause arschkalt war und es sich nicht lohnte den Kohleofen zu heizen. Wenn allerdings schon die Samstage kalt werden, ist sonntags in der Bibliothek nicht viel zu tun. Da es zu den natürlichen Prinzipien des Menschen gehört, sich nicht als ein Randgruppenzugehöriger zu outen und aufzufallen, ist man am besten beraten, einige Regeln des Sonntagsklubs zu beachten. Man sollte nicht allzu gelangweilt in der Gegend herum schauen, sondern ab und an ganz aufmerksam und konzentriert einige Seiten umblättern und dabei hartnäckig die Nachdenk-Gesichts-Mimik zelebrieren: Grimmiges Kopfschütteln, zustimmendes Nicken, Stirnrunzeln und nicht zuletzt das Lippenkneten, um die höchste Konzentrationsstufe zu demonstrieren. Hier und da ist dann auch mal ein schnaubendes Luftablassen, bei dem man sich zurücklehnt und desinteressiert aus dem Fenster schaut, erforderlich. Und genau in diesem Moment erhascht man dann den verbotenen Blick über die übrigen Mitstreiter, über diejenigen, die sich ebenfalls an diesem zweiten Adventssonntag in der Bibliothek tummeln. Furchtbar langweilige Typen, sitzen am Sonntag nur deshalb hier, weil sie keine Freunde haben, mit denen sie nachmittags ins Café gehen können.

said shiripour: das perfekte online business
ad


Aber da ist außer mir noch ein Mensch, der anders ist, als die Bibliotheksjunkies. Von wem ist die Sprache? Selbstverständlich von der Frau des Lebens! Mal ehrlich: Wegen ihr ist man doch eigentlich hier. Sie sticht förmlich aus der Reihe dieser häßlichen abgelegten weiblichen Masse heraus. – Übrigens muß man feststellen, daß die Frauenquote sonntags in der Bibliothek bombig ist. Aber eben häßlich. – Die hübschen Frauen lieg(b)en vermutlich mit ihren Kerlen im kuschlig warmen Bettchen, verwöhnen sich gegenseitig und treiben verruchte Liebesspiele. Ach ja, der blanke Neid spricht aus dem Herzen des einsamen Streiters.

Die Frau des Lebens macht leider überhaupt keine Anstalten, etwas in Richtung Liebe zu unternehmen. Sitzt da und lernt für ihre Diplomklausuren. Rechnet, schreibt und treibt das vorhin beschriebene Mienenspiel. Auch sie will nicht negativ auffallen. an diesem Sonntag kein Blick zu mir. Ach scheiße – diese rationalen Weiber. Trotzdem würde man sein Leben für einige wilde Gefühlsduseleien dieser Frauen geben. Nur einmal die lustvollen Situationen derjenigen Bücher, die sie nachts heimlich im Bett verschlingen, mit ihnen erleben. Diese Frauen spielen nämlich nur die unantastbare Anständige und Unerreichbare. In Wirklichkeit lesen sie diese dreckigen und romantischen Bücher heißer Erotik. Psychologisch läßt sich das ganz einfach erklären: Probleme in der Kindheit, ganz klar Aduleszenzkrise gepaart mit der Sucht nach lustvoller Ekstase. Problem: Diese Sucht werden sie nie mit dieser Trivialliteratur befriedigen. Mag ja sein, daß Literatur Lüste weckt, aber sie stillt sie nicht. Selbst der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat diese Tatsache am eigenen Leib erfahren. Auch er wurde ausgenutzt von diesen – diesen 40jährigen, die nie genug bekommen. Wie schauderhaft.

Na ja – mein Magen knurrt inzwischen recht heftig, ich will endlich mein Verlangen nach Essen und Trinken befriedigen. Oh wenn sie sich doch endlich mal regen würde (so wie letzten Sonntag) mit mir wenigstens diesen Trieb abzubauen. Wartet sie etwa auf mich? Aber beim letzten Mal hat sie doch die Pause vorgeschlagen, ich breche nicht das Gesetz der Serie. Doch halt! Was war das? Jetzt habe ich den Beweis: Sozusagen empirisch. Ihr Magen knurrt auch, ich hab’s gehört. Es kann natürlich sein, daß die Heizung geblubbert hat, aber das glaube ich nicht.

(c) Dezember 1999 by Wilhelm Heim

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen