Lawrence, Marven: Ins Netz gegangen

Meine Sonne, habe ich dich verloren? Ich kann dich nicht mehr finden, habe den Kontakt zu dir verloren. Wo bist du?
Undurchschaubare Welt des World Wide Web. Virtual Reality, nicht greifbar. Dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht nach dir suche. Schalte ungeduldig den Computer an, klicke in die Mailbox. Wieder nichts. „Keine neue Post.“
Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass in einer @-Mail-Adresse Magie stecken könnte. Deine besaß Zauberstaub.

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Vom ersten Moment an fesselten mich deine Worte, die Art und Weise, wie du zu mir schriebst. Ich besaß ein Faible für ausgefallene Namen. Bjarne. Du erwecktest meine Neugierde, berührtest meine Seele. Dabei warst du ein Fremder. Ich suchte nach Gründen, um den Kontakt zu dir zu halten und es gelang mir dein Interesse zu wecken, warum auch immer. Vielleicht hast du auf mich gewartet?

Voller Ungeduld lauerte ich auf das leise Piepsen meines Computers, das jede neue Mail zaghaft ankündigte. Mein Herz klopfte bis zum Anschlag. Unerklärlich, ich war aufgeregt wie ein verliebter Teenager.
Vorsichtiges Abtasten. Der Austausch von Nettigkeiten.
Das Blut in meinen Adern pulsierte. Frühling im Herbst. Du brachtest die Sonne in mein tristes Leben, ließt mich etwas Besonders sein, ein funkelnder Stern an deinem Himmel. Du machtest mich süchtig nach Worten.

Vorbestimmung? Ein Wunder?
Unsere Netzbeziehung entwickelte Eigendynamik. Zwei Hauptfiguren in einem Roman. Ein Buch, das ich maßlos verschlang, immer mit der traurigen Gewissheit im Hinterkopf, dem Ende all zu rasch nahezukommen.

Wir teilten die gleichen Interessen, Träume und Gefühle, benötigten uns in diesem Moment. Unsere elektronischen Botschaften rauschten ungezügelt über tausend Kilometer weit durch die Telefonleitungen hin und her. Nichts und niemand vermochte uns abzuhalten. Wie konntest du mir, in dieser kurzer Zeit, so nah kommen, so unverschämt vertraut sein?

Noch besaß ich kein Bild von dir, wusste nichts aus deiner Vergangenheit, kannte nicht dein Alter. Es spielte keine Rolle. Da gab es dieses warme, eigenartige Gefühl in meinem Bauch, dich bereits ein Leben lang zu kennen und vielleicht länger. Seelenverwandtschaft, was sonst.
Du schicktest mir lange Briefe und wunderschöne Gedichte. Ich sammelte Sonnenaufgänge für dich.

„Welche Farbe haben Ihre Augen?“, wollte ich von dir erfahren. Du schicktest sie mir. Nur die Augen. Blau, wie das Meer. Per @-Mail.
„Und wo ist der Rest?“, schrieb ich zurück, „Ich möchte den ganzen Bjarne!“
„Sie fragten nach den Augen.“

Du brachtest mich zum Lachen, vertriebst meine Dunkelheit.
Jeden einzelnen deiner Sätze sog ich gierig in mir auf, wollte mehr erfahren. Alles.
Sehnsucht war gesät, so klein wie ein Samenkorn, das wachen will, aufquillt, Besitz ergreift von Körper und Seele. Warum konnte ich dich nicht in den Arm nehmen, wenn mir danach war? Ich spürte dich, konnte dich fast riechen, wusste, wann du an mich dachtest. Erahnte deine Mails, noch bevor sie in meiner Postbox erschienen.
Du nahmst mich mit auf deine Geschäftsreisen, während derer wir uns nicht schreiben konnten, keine Kontaktmöglichkeit bestand.

„Ja Lina, Sie waren meine mentale Begleiterin, haben Sie nicht bemerkt, wie wir uns unterhalten haben? Seien Sie ehrlich.“ Und es stimmte, ein Teil von mir war ständig bei dir.
Liebe? Ich habe es nie ausgesprochen. Was war Wirklichkeit, was Fiktion? Ich verirrte mich vollständig in einer nicht greifbaren Welt. Wir gingen diesen Weg gemeinsam immer weiter, vielleicht zu weit.

„…und wann sehe ich Sie lächeln, Lina? Ich meine, wann bekomme ich Ihr Lächeln via Bildschirm zu sehen? Eine gute Frage, was? Diese Idee hatten Sie doch auch schon, oder?
Und wieder lächeln Sie…“

Der Wechsel vom Sie zum Du. Ein Schritt, der mich im erstem Moment erschreckt hatte. Die Macht der Worte. Deine Kosenamen für mich, die zurückgehaltenen Gefühle, sie fanden mit einem Mal ungebremsten Zugang zu mir, überrollten mich. Darauf war ich nicht vorbereitet. Du rücktest noch dichter an mich heran, so dicht, dass ich Angst davor bekam. Das durfte alles nicht sein! Wohin sollte das führen? Warum tauchtest du erst jetzt in meinem Leben auf? Zu spät.

Dann dein Bild, diesmal vollständig, der ganze Bjarne. Du warst mir nicht fremd. Dein geliebter Name, deine Zauberworte bekamen ein Gesicht. Du nahmst Gestalt an.
Irgendwann folgte kleinlaut unser beider Geständnis. Nicht mehr frei, lebten wir in festen Beziehungen. Du hattest Kinder, sogar Enkelkinder, ich einen Mann.
Wir erschufen uns ein neues Leben, fernab von aller Realität.
Der Mond, unser geheimes Zeichen, in Gedanken bin ich bei dir. Eine virtuelle Welt, in der wir uns ungestört begegnen konnten, in der es nur uns beide gab.

„Ja, das sollten wir tun. Uns im Traum treffen. Egal wo und wann. Dann werden wir endlich gemeinsam etwas unternehmen, gemeinsam träumen und uns einfach gern haben, oder auch mehr. Ich bin längst bei mehr, aber ich sage das nicht…Ich umarme dich.“
Am Ende stand immer die Ernüchterung. Die Wirklichkeit trug ein anders Kleid. Unüberwindbare Schranken. Kein Happy End in Sicht. Nicht in diesem Leben.
Ich brauchte Abstand. Wollte meine Gedanken ordnen. Klarheit schaffen. Die Funkstille zwischen uns nützte nichts. Keine Mail von dir, verwirrte mich nicht weniger. Der Verlust war zu groß. Und die Sehnsucht wuchs zu einem mächtigen Gebilde, erreichte jede Zelle meines Körpers, umschlang mein Herz. Ertappte mich, wie ich verstohlen Ausschau nach dem Mond hielt. Der Verstand schaltete sich aus. Dieses Gefühl der Verbundenheit, isoliert von wenn und aber.

Ich hätte dich loslassen sollen. Noch hätte ich es können. Oder?
Ich tat es nicht, holte dich zurück, ahnungslos, zu was ich fähig sein konnte. Ein Doppelleben, ausgerechnet ich. Wie lang ging es gut? Irgendwann kam jede Sünde ans Licht. Auch die, die sich nur in den Gedanken abspielte. Was hatte ich zu gewinne, was zu verlieren? Gewissenskonflikte plagten mich. Immer musste ich auf der Hut sein, dass ich mein Geheimnis nicht versehentlich preisgab. Ich dachte so unanständig oft an dich, dass ich befürchten musste, dein Name quölle mir irgendwann unvorbereitet aus dem Mund, spränge mir frech von den Lippen.

Ich konnte dich nicht gehen lassen. Ein Geschenk gibt man nicht einfach zurück. Schon zu weit vorgewagt, zuviel investiert. Du wurdest ein fester Teil meines Lebens, gabst mir Kraft, machtest mir den Lebenskampf, den ich führte, erträglicher. Wir brauchten einander. Es stand für uns beide fest, wir mussten uns eines Tages treffen, uns gegenüberstehen und in die Augen blicken, um zu wissen und zu verstehen, was mit uns geschah. Anfang oder Ende?

Schließlich folgte ein heimliches Telefonat mit dir. Endlich deine Stimme hören. Die war seltsam fremd und zu real. Es blieb bei diesem Versuch. Das Schreiben lag uns näher, war ehrlicher und klarer. Ich liebte deinen Humor, deine Traurigkeit, deine unerschöpfliche Phantasie.

Aber es existierten auch Zweifel und Ängste. Das undurchschaubare Medium Internet verunsicherte mich. Was war echt? Konnte ich dir wirklich trauen? Ich begann nach dir zu forschen. Du hattest Spuren hinterlassen. Ein Puzzlespiel. Anflüge von Misstrauen, Verletzbarkeit. Manchmal ist es besser, man weiß nicht alles. Der Verstand eroberte sich Stück für Stück seine Machtposition gegenüber den irrationalen Gefühlen zurück. Ein Schutzwall wurde hochgezogen. Meine Armeen sammelten sich zur Abwehr. Ich vermochte es nicht mehr dem Druck standzuhalten.

Unser Mailkontakt wurde seltener, die Texte kürzer. Das Besondere vergeht. Es machte keinen Sinn, dich zu halten. Es wäre mir nicht gelungen. Alles hat seine Zeit.
Aber meinem Tag fehlt die Farbe ohne deine Zauber@mails. Dunkelheit umhüllt mich wieder. Ich suche dich noch immer, vermisse dich. Ich weiß genau, du bist da irgendwo. Nur ein Mausklick weit von mir entfernt.

Vielleicht gibt es für unsere Liebe eine Chance in einem späteren Leben?
Lasse dich gehen, Traummann.

© Marven Lawrence (22.02.2001)

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