Lickfeldt Guido: Quelle des Lebens

Ein altes, graues Haus an der Französischen Steil­küste, ein langer schmaler Pfad führt zu den großen breiten Treppen des Hauses. Eine kleine zierliche Gestalt auf dem Weg zum Haus. Im Hintergrund das Rauschen der Brandung, überall ertönt das Geschrei von Möwen, die zahlreich in den Spalten der Klippen ihre Nester haben.
Als Johanna am Haus angekommen war, klopfte sie dröhnend mit dem schweren Metallbeschlag an der verzierten Eichentür. Robert war es plötzlich sehr bang ums Herz geworden, würde das Sturmfeuerzeug nochmals den dunklen Raum erhellen, würde es ihm nochmals den Weg durch die dunklen, tiefen, grauschwarzen Höhlen­gänge weisen? Dorthin, wo die Quelle des Glücks und des Lebens lag!
Er verhielt sich ruhig. Er besann sich wieder und bemerkte, dass jemand an der Tür klopfte. Das dröhnende, scheppernde Klopfen hielt inne, nun nahm er Schritte war; es waren leichtfüßige Schritte. Sollte er doch öffnen? War es seine große Liebe, die ihn wieder mal sehen, sich um seinen Hals schlingen, seinen faltigen und alten Körper spüren wollte, der einst voller Stärke und so muskulös gewesen war? Roberts Körper, der nur durch die blaue Quelle wieder zu dem werden konnte, der er vor nicht allzu langer Zeit war.

Er besann sich, lief so schnell wie seine alten knochigen Beine ihn tragen konnten zur Türe, riss sie auf und rief mit alternd, krächzender Stimme: „Johanna, warte, komm zurück.“ Johanna hielt inne, ver­nahm sein Rufen, drehte sich zur Türe und erwiderte sein Flehen mit seinem Namen: „Robert!“, und lief mit großen Schritten zu den Stufen, die sie zu ihrem Geliebten führen sollten. Sie erschrak nicht, als sie ihn sah. Es war nicht das erste Mal, dass er so als alter Greis vor ihr stand. Johanna hatte Mitleid mit ihm und sie wusste, dass er es allein nicht mehr zu der Quelle der ewigen Jugend und des Glücks schaffen konnte.
Johanna suchte im Hause nach einigen Tüchern und nahm einen starken Ast vom Kaminholz. Sie fassten sich an den Händen und gingen gemeinsam durch die Geheim­türe am Ende des Ganges. Sie drückte den verborgenen Hebel hinter einem kleinen Gebilde, welches anmutig und zart aus seinen Augen schaute und mit einem süß­lichen Lächeln zu einem Kuss einlud.
Die schwere Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren. Johanna zog den alten Greis in die Dunkelheit. Es würde ein beschwerlicher Weg werden bis zur Quelle. Doch war er ihr diesen Weg wert! Sie wollte ihn wieder fühlen, spüren, seine starken Arme und seine zärtlichen Hände, die es verstanden, ihre Haut zu streicheln, ihre Brüste und ihre Schenkel zu liebkosen. Sie wollte seine junge Zunge an der ihren spüren, seine zarten Küsse auf ihrer Haut. Auch er sollte spüren und fühlen, wie sehr sie ihn begehrte! Ach, wäre er doch schon wieder jung, wären sie doch schon an der Quelle, an dem Jungbrunnen, von dem auch sie so gerne kosten würde. Doch er verbot es ihr immer wieder. Sie würde es für immer bereuen, waren seine Worte.
Die Fackel zeigte ihnen den Weg durch die schmalen Gänge und die Stalagmiten und Stalaktiten machten ihnen den Weg beschwerlich und gefährlich. Doch die Liebe trieb sie vorwärts und das Verlangen nach Wollust und vergänglicher Zärtlich­keit war stärker und brachte sie nach einer Weile endlich ans Ziel ihrer Gelüste.
Da war sie nun, die stille Quelle des Glücks. Mit einem leichten Säuseln rann das bläulichgrüne Wasser den schroffen Stein hinab in einen ebenso schroffen Brunnen, um sich dort zu sammeln.
Er war schwach geworden, sie half ihm sich zu setzen und lehnte seinen knochigen alten Körper an die graue Felswand. Sie nahm einen hölzernen Schöpflöffel, der bei dem Brunnen lag und füllte ihn mit dem so reinen Nass, um ihm das erquickende Getränk der Jugend zu geben. Sein Atem war flach, es dürstete ihn und er nahm dieses erfrischend kühle Nass in sich auf, als sie es ihm an dem Mund führte. Er schluckte hastig und schnappte dabei nach Luft, und dann fühlte er, wie sich sein Körper zu recken und zu strecken begann, wie all seine jugendliche Kraft wieder­kehrte. Sein Blut strömte pulsierend durch seine Adern, seine Gesichtszüge nahmen die Konturen eines Jünglings an, seine Muskeln begannen zu wachsen, seine Fal­ten verschwanden wie im Zeitraffer.
Nach einer Weile richtete er sich wieder auf, nahm sein Sturmfeuerzeug, wühlte in seiner Tasche und bekam eine seiner Zigaretten zu fassen, um sie sich anzu­zünden, an den Mund zu führen und mit starken Zügen daran zu ziehen. Mit einem Seufzer genoss er es.
Johanna schaute ihm zu, richtete dann ihren Blick zum Brunnen. Wie würde dieser Trunk auf ihren Körper wirken? Wie würde er ihn wohl verändern? Johanna streckte ihre rechte Hand nach dem er­frischenden Quell aus und tauchte sie tief in den Brunnen hinein. Doch da geschah, wovor sie immer gewarnt wurde, womit sie aber nie gerechnet hatte. Ihre so zarte, frauliche Hand wurde immer kleiner, sie zog sich zusammen. Johanna wurde angst und bange, sie zog ihre Hand mit einem Ruck aus der Quelle und sah, wie ihre Hand sich zu einer kleinen, kindlichen verändert hatte.
Johanna trocknete das Nass an ihrem Rock ab, alsbald darauf war ihre Hand wieder die ihre. Nun verstand sie den Sinn der Warnung. Johanna drehte sich zu ihrem geliebten Robert um, der sie anrief und auch gleich an die Hand nahm, um sie aus dem unterirdischen Gang zu führen. An der Geheimtüre angekommen, nahm er sie zärtlich mit leicht bebendem Körper in den Arm, um sie zu liebkosen. Ihr Verlangen war sehr stark, sie gingen in sein Gemach, welches er nach ihren Wünschen hatte ein­richten lassen. Er trug sie nun mit seinen starken Armen durch die Tür, um sie behutsam auf das große Bett zu legen. Ihre Kleidung warfen sie nach und nach auf den Boden, ihre warmen Körper berührten sich und sie fühlte wie einst seine starke männ­liche Kraft, so wie er ihr weibliches Verlangen.
Doch da war ein Tosen unter ihren Kör­pern, nicht das der Liebe, nein, es war ein Beben. Die Quelle, sein erster Gedanke! Es schoss ihm durch den Kopf! Wieder einmal würde der Weg zur Quelle steiler und ge­fährlicher werden. Erdrutsche würden den Weg versperren, Tage würde es dauern, bis er mit Schippe und Spitzhacke den Weg frei geräumt haben würde. Immer schwerer würde es ihm fallen, wenn sein Körper alterte und all seine Kraft aus ihm wich, wie lange würde dieses Spiel des Seins noch gehen, wann würde er dieses was er im Moment mit seiner geliebten Johanna spürte, nicht mehr spüren, fühlen, weil sein Körper nicht mehr die Ausdauer und Kraft haben würde, um den Weg zur Quelle zu gehen.
Er genoss die schönen Stunden mit Johanna und liebte sie mit all seinem Verlangen und seinen Gefühlen, seiner Hingabe, die er schon immer für sie aufbrachte und auch so lange aufbringen würde, wie es ihm möglich war, von seiner Quelle zu trinken, der Quelle des Lebens und der Liebe.
(c) Guido Lickfeldt

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