Münch, Nils-Arne: Der Zauber, das Leben und der Tod

Im Nachhinein betrachtet begann alles, als sie über die schmale Planke des Dampfers von Bord ging und zum ersten Mal ihren Fuß in dieses verdammte Dorf setzte. Das kleine Kaff am Ufer des träge dahinfließenden Tessâdon war genauso öde, wie man es von diesen einsamen Siedlungen am Rande der Zivilisation erwarten durfte. Nach dem Dauerregen der vergangenen Tage tropfte alles vor Feuchtigkeit und die schmalen, ungepflasterten Gassen ertranken in Schlamm. Eine große Traube Menschen hatte sich am Steg versammelt und starrte den großen Raddampfer an, als sei er Hexenwerk aus einer anderen Welt. Mehrfach waren in der Menge Worte wie „Schiff ohne Segel“, „Zauberei“, „Unglück“ und auch „Elfen“ zu hören. Sie waren hier nicht erwünscht, soviel war klar.
Während Ëlora in der kleinen Gruppe der übrigen – menschlichen – Passagiere stand und ihre Stiefel langsam im Schlamm versanken, warf sie einen kritischen Blick zum Himmel: Den dunklen, fast bis zu ihnen herunter reichenden Wolken nach zu urteilen würde der Regen bald wieder einsetzen und trotz der fast subtropischen Hitze hoffte sie sehr, bis dahin ein Dach über den Kopf zu haben. Im Moment ging es erst einmal nicht weiter: Krianlar, der Kapitän der ‚E’minarhei‘ – der Name bedeutete in der alten, sakralen Sprache der Elfen soviel wie ‚Im Licht der zwei Sonnen‘ – redete unablässig und sichtlich genervt auf den dichten Wall aus Menschen ein. Ein hochgewachsener Elf mit ungemein wichtigtuerischen Gehabe, war es ihm bisher noch nicht einmal gelungen, so etwas wie einen verantwortlichen Gesprächspartner zu finden – was ihn erkennbar zusätzlich frustrierte und im Gegenzug die Dörfler nur noch mehr verschreckte.
Das Schiff hatte während ihrer Reise schon einiges an Aufmerksamkeit erregt, aber diese ausgeprägte Angst war schon etwas seltsam. Anfangs hatte Ëlora selbst einige Mühe gehabt, sich an diese Art der Beförderung zu gewöhnen: Lieber wäre sie mit einer der kleinen Flussgaleeren gereist, aber ihr Aufbruch aus Thel war eilig gewesen und der schnelle Dampfer ein echter Glücksgriff. Die Minarhei, so die Kurzform, war eines der ersten Schiffe ihrer Art, eine neue Erfindung aus dem fernen Thelarîon und auch dort noch ein sehr ungewöhnlicher Anblick. Und nun war eines dieser Ungetüme weit in den Norden gefahren ins ferne Land der Zwei Seen. Ein Schiff, weder durch Wind noch durch Muskelkraft vorangetrieben und doch brauchte es auch keine Magie. Eine Maschine nannten die Elfen ihre Erfindung.
Krianlar hatte jetzt offenbar endlich einen Ansprechpartner gefunden, wahrscheinlich den Dorfmeister, die Verhandlungen zogen sich aber immer noch hin. Ëlora schüttelte den Kopf. So abergläubisch die Einwohner dieser kleinen Dörfer auch waren, reichte die Aussicht auf etwas Elfengold doch normalerweise, ihre Angst zu besänftigen. Anstatt alle auf einmal an Land zu gehen, wäre es wohl klüger gewesen, zunächst einmal mit den verängstigten Einwohnern zu reden. Aber Krianlar und seine Besatzung verhielten sich noch immer so, als wären sie hier zu Hause und nicht weit von ihren Elfenreichen entfernt unter Menschen.
Schließlich, nach einer Ewigkeit wie es schien, nickte der Dorfmeister. Er rief seinen Leuten zu, sich zu zerstreuen und mit letzten, zweifelnden Blicken auf die Minarhei gehorchte die Menge. Krianlar und seine Offiziere kehrten wie immer sofort zurück an Bord, und während andere Mannschaftsmitglieder anfingen, mit dem Dorfmeister über den Preis für die zu ladenden Lebensmittel zu verhandeln, strömten Ëlora und die übrigen Passagiere endlich in das kleine Dorf.
Die anderen Menschen an Bord – überwiegend Auswanderer aber auch einige Händler – würden auf dem Schiff übernachten und gingen nur an Land, um sich die Beine zu vertreten oder etwas Obst und Gemüse zu erstehen. Ëlora hingegen beabsichtigte, der bedrückenden, stinkenden Enge der unteren Decks eine Weile zu entkommen, wenn möglich an Land ein Quartier zu finden und wanderte deshalb die einzige breitere Straße des Ortes entlang auf der Suche nach einem Gasthaus. Ihre fünfer Kabine teilte sie sich mit einem jungen Liebespaar sowie zwei mitunter mehr als aufdringlichen jungen Männern, die allesamt in einem der kleinen Königreiche ihr Glück machen wollten. Die junge Frau war garantiert noch vor Ende der Reise schwanger, dafür sorgte ihr Freund schon, wenn beide spät in der Nacht dachten, die anderen schliefen. Nur konnte sie wegen ihrer Klaustrophobie häufig nicht schlafen.
Die Ansammlung ärmlicher Holzhäuser, „Hütten“ wäre in einigen Fällen das passendere Wort gewesen, zog sich eine kurze Strecke des Flussufers dahin. Zu klein, um normalerweise von Schiffen angelaufen zu werden, glitt die weite Welt immer in Sichtweite doch unerreichbar fern an ihren Bewohnern vorbei. Auch die Minarhei wäre achtlos weitergedampft, wenn nicht durch eine Unachtsamkeit ein großer Teil der Lebensmittel verdorben wäre. Rauch kringelte aus vielen kleinen Schornsteinen, doch in der schwülen, windstillen Luft zog er nicht ab, sondern verband sich mit den dünnen Nebelschwaden zu einer nach verbrannten Holz und Essen riechenden Dunstglocke, die sich über die niedrigen, dick mit Schilf gedeckten Dächer legte. Nur ein paar Häuser der reicheren Bauern waren größer und auf einem steinernen Sockel gebaut, der Rest gehörte Fischern, ärmeren Bauern und vielleicht einigen Fallenstellern, die von der Jagd in den umgebenden Wäldern lebten.

Es herrschte eine seltsame Stimmung. Während sie durch den Schlamm stapfte leerte sich die Straße vor ihr wie vor einer Aussätzigen: Kleine Grüppchen von Dörflern lösten sich auf, die Menschen verschwanden in ihre Häuser, schlugen Türen und mitunter sogar die Fensterläden hinter sich zu. Wer nicht die Flucht ergriff, hielt inne bei was immer ihn oder sie gerade beschäftigte und starrte sie misstrauisch an.
Schließlich hatte Ëlora gefunden was sie suchte. Sie öffnete die Tür des Gasthauses „Zum alten Flussfischer“ – und zögerte. In dem großen Gastraum hatte sich eine Art Versammlung eingefunden, doch die Gespräche verstummten augenblicklich. Alle Augen wandten sich ihr zu und ein feindseliges Schweigen breitete sich aus. Einen Moment lang überlegte Ëlora, auf das Schiff zurückzukehren. Dann holte sie tief Luft und trat ein.
Die Bar war schlicht eingerichtet und einigermaßen sauber; abgesehen vom penetranten Fischgeruch in der Luft hatte sie schlimmere Spelunken gesehen. Ein Platz in der hintersten Ecke war noch frei und nach einer Wartezeit, die schon ans Unhöfliche grenzte, kam auch tatsächlich eine mehr als unwirsche Bedienung und fragte nach ihren Wünschen. Fisch, sonst gab es eh nichts. Fischeintopf mit Reis und einen Krug Wasser. Die Wirtin wollte Bier verkaufen, aber Ëlora lehnte ab. Grummelnd verzog sich die Frau wieder, doch dann hielt sie plötzlich inne.
„Was ist denn das für ein Schwert?“
„ Was? Oh -“ Ëlora folgte ihrem Blick. „Das ist ein Krummschwert, ein Säbel, wie er jetzt in Thelarîon getragen wird.“ Sie lächelte. „Leichter, wissen Sie, als die schweren Schwerter, die hierzulande üblich sind – besser für eine Frau.“
„So?“ Die Wirtin blickte zweifelnd. „Ich habe ja schon viel gesehen, aber so etwas …“ Sie schüttelte noch einmal den Kopf und verschwand Richtung Küche.
Ëlora hätte sich ohrfeigen können. Eine Frau mit einer schweren Waffe war an sich schon ungewöhnlich genug, erst recht mit einer so auffälligen Elfenwaffe. Sicherlich nicht so ungewöhnlich wie das Dampfschiff, aber der Säbel war eine teure, unter Menschen noch nicht sehr weit verbreitete Waffe; wahrscheinlich bekam die Wirtin zum ersten Mal einen aus der Nähe zu sehen. Ihn so offen zu tragen, erregte unnötige Aufmerksamkeit und das war das letzte, worauf sie aus war.
Die Tür öffnete sich erneut als ein junges Paar von der Minarhei das Gasthaus betrat. Offenbar erfreut, einen anderen Passagier in der Menge zu entdecken, steuerten sie zielstrebig auf Ëloras Tisch zu. Die beiden gehörten zu den Wenigen, die der Enge der unteren Decks entgangen waren, indem sie sich für etwas Geld in die auf dieser Reise leerstehenden oberen Decks in der Nähe der Elfen eingekauft hatten. Ëlora warf ihnen einen unterkühlten Blick zu. Mit einem unsicheren und zumindest im Fall der Frau enttäuschten Blick in ihre Richtung setzten sie sich einige Tische weit weg.
„Der Fisch dauert.“ Die Wirtin war wieder da und platzierte den bestellten Krug Wasser mit einem missbilligenden „Klack!“ vor ihr auf den Tisch. Ëlora nickte nur, fragte dann nach einem Quartier. Nachdem das geklärt war – es gab ein preisgünstiges Zimmer für Durchreisende – hoffte sie eigentlich auf etwas Ruhe.
„Ihr seid wohl eine Söldnerin?“
„Ja, wieso?“ Das war ihre Tarnung.
Auf der Stirn der Wirtin bildete sich eine steile Falte. „Ist das denn keine zu blutige Tätigkeit für eine junge Frau wie euch?“
Ëlora blickte die Wirtin direkt an, auf diese Frage war sie vorbereitet. „Man kann es sich nicht immer aussuchen.“
Es war offenbar die richtige Antwort. Das Gesicht der Wirtin glättete sich und sie setzte eine mitleidsvolle Miene auf. Als eher kleinwüchsige und nicht sehr athletische Frau konnte Ëlora sehr hilfsbedürftig wirken, wenn sie es wollte. Eigentlich ein Widerspruch zu ihrem angeblichen Beruf, aber irgendwie funktionierte es immer. Es gab viele, die die Armut zu käuflichen Schwertern gemacht hatte, warum nicht auch eine Frau?
„Wie wahr, wie wahr. Und außerdem geht mich das ja eigentlich gar nichts an. Entschuldigt meine Neugier, junge Frau. Ich heiße übrigens Nadea al Moran.“
„Freut mich, Nadea, ich bin Ëlora.“ Sie berührte die Fingerspitzen der ihr entgegengestreckten Hand, in dieser Gegend die übliche Form einer formellen Begrüßung.
„Ëlora und wie?“
„Und gar nicht – nur Ëlora.“
„Oh…“ Nadeas Augen wurden groß. Die Menschen hier in den Dörfern mochten ziemlich abgeschnitten von der Außenwelt leben, aber was ein fehlender Nachname bedeutete, wussten sie.
„Sagt, Frau Moran“, fragte sie deren momentane Sprachlosigkeit nutzend, „könnt ihr bitte das mit dem Säbel für euch behalten? Ich mag diese Aufmerksamkeit nicht so.“
„Oh, – sicherlich. Ich bin so verschwiegen wie ein grünhäutiger Ds‘tag. – Dann solltet ihr die Waffe aber nicht so offen tragen.“
Niemand hatte jemals einen der primitiven Echsenmenschen ein Wort sagen hören und Ëlora bezweifelte, ob die neugierige Wirtin auch nur annähernd so verschwiegen war. Aber mehr würde sie hier nicht bekommen, also nickte sie, legte ihre Waffe auf den Tisch und bedeckte sie zunächst einmal mit ihrem Mantel.
„Danke.“
„Ja, ja – und jetzt muss ich mich schnell um euren Fisch kümmern, sonst gibt ’s Brikett.“ Und schon stob sie davon. Ein völlig anderer Mensch als die unwirsche Person, die sie erst hatte so lange warten lassen. Für einen Moment überkam Ëlora ein Anflug von schlechtem Gewissen, dass sie gelogen hatte. Über die Söldnerin, das mit dem Namen war die Wahrheit. Dass man es sich nicht immer aussuchen konnte, war allerdings auch die Wahrheit.
Kurze Zeit später kam ihre bemerkenswert große Portion Fischeintopf zusammen mit einer zusätzlichen, nicht bestellten Quarkspeise, die sie mit einem freundlichen Lächeln an ihre neue Freundin quittierte.
Die Versammlung vom Anfang hatte sich aufgelöst, die Leute saßen jetzt in kleinen Gruppen an ihren Tischen und unterhielten sich leise. Aber um ihren Platz in der Ecke hatte sich ein großer Freiraum gebildet und niemand war nahe genug, um sie ein Wort verstehen zu lassen.
Der Dorfmeister kam von draußen herein und begann sofort, mit Nadea zu reden. Auf einmal drehte er sich und warf Ëlora einen forschenden Blick zu. Dann nahm er sein Gespräch schnell wieder auf, aber in der Folgezeit hatte Ëlora das deutliche Gefühl, er beobachte sie. Schließlich setzte er sich an einen Tisch genau am anderen Ende der Bar und starrte scheinbar teilnahmslos ins Leere. Ab und zu kamen andere Gäste der Taverne zu ihm mit Fragen, wurden aber schnell abgebügelt und verzogen sich wieder.
Ëlora war grade mit ihrem Nachtisch fertig, als der Mann aufstand und zu ihr an den Tisch kam. Sie stöhnte innerlich auf. Hätte diese geschwätzige al Moran Frau denn nicht einfach ihr Wort und den Mund halten können?
„Entschuldigt – …“
„Ëlora.“ Sie setzte ihre freundlichste Miene auf und streckte die Hand aus. Diesmal waren es ihre Fingerspitzen, die als Antwort berührt wurden. „Was kann ich für euch tun?“
„Graman. Graman al Moran.“ Er war also der Mann oder vielleicht sogar der Vater der Wirtin. „Ich hörte, ihr seid eine reisende Söldnerin. Habt ihr schon viel von Elúsia gesehen?“
„Geht so.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Seht“, er holte tief Luft, „wenn ihr Söldnerin seid, dann müsstet ihr euch mit seltsamen Waffen auskennen. Besonders, wenn ihr schon so weit herumgekommen seid, dass ihr an Bord dieses … Schiffes mit all den Spitzohren reist und …“
„Ich habe mit den Elfen nichts zu tun.“
Merkwürdigerweise wirkte der Dorfmeister erleichtert „… und wir haben ein Problem, bei dem wir den Rat einer erfahrenen Kriegerin brauchen könnten.“ Er schaute sie unsicher an.
„Um was geht es denn?“
Graman setzte sich ihr gegenüber, beugte sich weit vor und brachte seinen Mund nahe an ihr Ohr.
„In der letzten Nacht ist hier ein … Reisender … zu Tode gekommen. Eine seltsame Wunde verläuft quer über seine Brust. Sie stammt von keiner Waffe, die wir kennen. Niemand von uns wagt, den Toten anzufassen und der Landvogt kann frühestens in drei Tagen hier sein. Wenn ihr euch den Toten einmal ansehen könntet – vielleicht kennt ihr ja die Waffe oder entdeckt sonst etwas wichtiges.“ Er zögerte und senkte seine Stimme noch mehr. „Wir fürchten, bei der Wunde könne Magie im Spiel sein.“ Die letzten Worte waren nur noch gehaucht, „Magie“ mehr zu erahnen als zu hören.
Die abergläubischen Bauern in den kleinen Dörfern vermuteten hinter Allem Magie, was sie sich nicht erklären konnten. – Und sie konnten sich vieles nicht erklären. Ein Bastardschwert vielleicht. Obwohl es seltsam war, dass ein ungebildeter Bauer die Wunde, die solch eine Waffe hinterließ von einer normalen Schwertwunde unterscheiden können sollte.
„Wo ist es denn geschehen?“
„Hier im Haus. Oben in einem der Gästeräume.“ Soviel zum Bastardschwert. Kein Mörder würde eine derartig unhandliche Waffe in einem Haus nutzen.
„Ihr wollt mir sagen, hier über meinem Kopf in dem Haus, in dem ich gerade mein Abendbrot zu mir genommen habe, liegt die Leiche eines Mannes, der vielleicht mit Hilfe von schwarzer Magie ermordet wurde? Und niemand wagt es, den armen Kerl auf den Friedhof zu schaffen?“
Das Gesicht des Dorfmeisters färbte sich rot. „Seht, wir wissen gar nichts über den Toten. Er kam hier in der Nacht zuvor auf einem Pferd an. Vielleicht war er ein Edelmann auf dem Weg zu seiner Lordschaft und …“
„Und was? Wenn ich euch helfen soll, müsst ihr schon mit mir reden.“
„… und der Tote war ein Elf.“
Natürlich. Auf einmal machte alles Sinn. Die übertriebene Angst der Einwohner, die angespannte Stimmung, die vielen sofort versiegenden Gespräche. In diesen verschlafenen Nestern entlang des Flusses geschah nie viel, aber nun war nicht nur jemand ermordet worden, was an sich schon ein Unglück und böses Omen war. Darüber hinaus war es offenbar ein zumindest wohlhabender Elf gewesen – ansonsten hätte er kein Pferd besessen. Und am Abend des gleichen Tages tauchte auch noch ein seltsames Schiff auf mit mehr Elfen an Bord, als man hier wahrscheinlich seit Generationen gesehen hatte. Ëloras Gedanken überschlugen sich. Wenn der tote Elf wirklich ein Edelmann war, konnten die Menschen hier tatsächlich in ernsthaften Schwierigkeiten sein. Mitunter versuchte der Landlord in solchen Fällen gar nicht erst, den wahren Schuldigen zu finden, sondern statuierte lieber gleich ein Exempel; etwa indem er ein ganzes Dorf den Erdboden gleich machte. Für die hohen Herren in ihren Burgen war es manchmal besser, auf einige Steuern zu verzichten, als Streit mit ihren edlen Nachbarn und diplomatische Verwicklungen zu riskieren, Politik war manchmal so. Sie musste aufpassen, wo sie sich da hineinziehen ließ.
„Von wo kam der Reisende denn? War er auf den Weg in den Norden oder Süden?“
„Nach Norden.“ Die Burg des Landlords lag im Süden, sie hatten sie mit dem Schiff am frühen Morgen passiert. Aber das führte nicht weiter.
„Habt ihr einen Verdacht?“
„Nein.“ Wie zur Bekräftigung schüttelte Graman den Kopf. „Von meinen Leuten kann es niemand gewesen sein: Ich kenne alle Einwohner. Keiner würde so etwas tun. Warum auch? Noch dazu einen Elfen. Wir mögen die Spitzohren zwar nicht, aber sind doch nicht verrückt. – Sonst war niemand im Ort.“
„So etwas hat manchmal die seltsamsten Gründe, Dorfmeister. – Wisst ihr sonst noch etwas, was ihr mir sagen könntet?“
Graman verneinte und schaute sie dann erwartungsvoll an.
Ëlora zögerte. „Nun – ich weiß zwar nicht, ob ich helfen kann, aber ich werde mir eure Leiche einmal ansehen.“ Ein ermordeter Elf, hier fern aller Elfensiedlungen. Ein Geheimnis zweifellos, vielleicht ein gefährliches. „Aber zuerst will ich das Pferd sehen. Man kann viel über jemanden lernen, wenn man weiß, was für ein Tier er reitet.“
Graman wirkte etwas überrascht, führte sie aber durch die Küche in den angrenzenden, fast leeren Stall. Nur eine Box war belegt in der eine feuerrote Stute stand. Ëlora hatte nur wenig Erfahrung mit Pferden, aber auch das wenige reichte aus, um ein hochgezüchtetes, ausgebildetes Schlachtross von einem Ackergaul zu unterscheiden. Diese Fuchsstute war ein riesiges Kriegspferd. Teuer, sehr teuer.
„Wirkte der Elf wie ein Krieger? Trug er eine Rüstung?“
„Nein. Er war eher klein und schmal – und trug ziemlich extravaganter Kleidung, wenn ich das so sagen darf.“
Ein prüfender Blick ins Maul verriet allerdings, dass die Stute mindestens so alt war wie groß. Ihr Körper war mit Narben geradezu übersät, Zeugnis für ein offenbar bewegtes Leben. Vielleicht also doch nicht teuer, sondern irgendwo ausgemustert und billig verscheuert. Die Stute betrachtete sie neugierig. Trotz ihres Alters strahlte sie immer noch Kraft und Selbstvertrauen aus. Ëlora gab ihr einen freundlichen Klaps und bedauerte, nichts aus der Küche mitgebracht zu haben.
Ein über einem Balken in der Nähe gelegter, für ein Kriegspferd eigentlich viel zu fein gearbeiteter, leichter Sattel erwies sich als leer.
„Der Elf, Kristan nannte er sich übrigens, hat alles mit nach oben genommen.“
Ëlora nickte und sah sich dann noch einmal um.
„In Ordnung, zeigt mir jetzt die Leiche. – Ein sehr ungewöhnliches Tier für jemanden, der kein Krieger sein soll.“ Sie gingen zurück und Graman führte Ëlora nach oben zu den Gästezimmern.
„Was soll das Gra’m? Was mischt sich diese Fremde in unsere Angelegenheiten ein?“ Ein schon grauhaariger Mann, von seinem Äußeren her wohl ein Fischer, rief ihnen auf halber Treppe hinterher. Er stand in einer größeren Gruppe und betrachtete sich offenbar als deren Sprecher.
„Schon gut, schon gut, Tor. Ich habe die junge Frau gebeten, uns zu helfen. Sie kennt sich mit Waffen aus, weißt du, ist viel herumgekommen. Das ist schon in Ordnung.“
„Wer sagt dir, dass sie mit der Geschichte nicht gleich zu ihren Elfen läuft, Gra’m?“
„Das sind nicht „ihre Elfen“. – Tor, sie hat keinen Nachnamen, ist eine geflohene Sklavin aus dem alten Kaiserreich. Sie mag die Spitzohren genauso wenig wie wir, wahrscheinlich noch weniger.“
„Behauptet sie das? Warum reist sie dann mit ihnen und wieso glaubst du ihr?“
„Sie wird ihre Gründe haben – nicht jeder ist so fanatisch wie du.“
„Du kannst viel reden.“ Der Fischer schaute Ëlora provozierend an. „Für alles, was ich weiß kann sie eine kleine Elfennutte sein, die gleich zu ihrem Herrn und Stecher rennt.“
Das war etwas heftig, wie nach den unruhigen Blicken zu urteilen auch einige seiner Kumpane meinten. Ëlora war mit einem Satz die Treppe wieder herunter, und obwohl sie sich dafür fast auf die Zehenspitzen stellen musste, hatte sie dem Mann eine schallende Ohrfeige gegeben, bevor dieser überhaupt reagierte.
„Die kleine Elfennutte“, sagte sie dann wieder ganz ruhig, „wird dir gleich deinen Mund auswaschen und dich dann an deinen Ohren nach hause schleifen. Vielleicht hast du ja eine Frau, die sich dafür interessiert was du über Nutten „weißt“? – Woher hast du denn deine Weisheiten? Das interessiert bestimmt noch andere hier.“
Unterdrücktes Gekicher und Schmunzeln um sie herum verrieten, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Sie hatte etwas Angst gehabt zu heftig zu reagieren, aber wenn sie als Söldnerin durchgehen wollte, musste sie etwas für ihr Image tun. Ihr Gegenüber wusste für einen Moment nicht recht, wie er sich jetzt am besten verhalten sollte: Sich mit Frauen zu schlagen war nirgendwo sehr hoch angesehen, das galt natürlich besonders für Gäste. Obendrein drohte vielleicht eine Blamage, immerhin war sie ja angeblich trotz ihrer kleineren Statur eine Kriegerin. Sich vor seinen Freunden von einer fremden Frau schlagen lassen war aber auch nicht nach seinem Geschmack.
Die kurze Verzögerung nutzte Ëlora für eine kleine Schauspieleinlage. Sie schlug ihre Ärmel hoch und unter dem Stoff kamen zwei Dolche zum Vorschein. Mit einer betont spielerischen Bewegung zog sie einen der Dolche, ließ ihn einmal durch die Luft wirbeln und steckte ihn dann wie unbeteiligt in den Gürtel. Ein ganz billiger Taschenspielertrick, in einigen Bars der ausgedehnten Armenbezirke Nethels könnte sie mit so etwas schnell an den Falschen geraten. Hier funktionierte er jedoch: Jeder Gedanke an einem Kampf war aus dem Gesicht ihres Gegners gewichen. Sich in Posen werfen konnte sie gut und solange alle glaubten, sie könnte mit den Waffen wirklich umgehen, testete es niemand aus. Sollte sie wirklich einmal für einen Posten als Söldnerin bei einem echten Waffenmeister vorkämpfen, würde der sie wahrscheinlich laut auslachen und ihr raten, schnell zu heiraten.
Ein Grinsen nur mühsam unterdrückend nahm Ëlora jetzt auch die an ihrem Arm befestigte Scheide des Dolches ab. Unter dem Leder kam eine Tätowierung zum Vorschein und eine grade, sich über ihre Handwurzel erstreckende Narbe. Als sie ihren Arm in die Luft streckte breitete sich ein leises Gemurmel im Schankraum aus. Die Zeichnung auf ihrer Haut zeigte eine kleine rote Sonne und eine Elfenrune. Es war das Symbol eines hohen Elfenhauses und die Art, wie im Alten Kaiserreich Sklaven markiert wurden, wie jeder Mensch im Land der zwei Seen quasi von Geburt her wusste. Mit der Narbe kennzeichneten die Elfen Sklaven nach ihrem ersten Fluchtversuch, ein zweiter hätte sie die Hand gekostet. Aber beim zweiten Mal hatte sie sich nicht erwischen lassen.
„Will sonst noch jemand etwas von mir wissen?“ Sie schaute sich um.
Unter allgemeinem Kopfschütteln löste sich die Runde auf und setzte sich wieder an die Tische. Nur Tor zögerte noch.
„Vielleicht ist sie ja wirklich in Ordnung, – trotzdem darf sie mich doch nicht einfach…“
„Ach halt den Mund, Tor. Du hast über die Stränge geschlagen und du weißt das auch.“ Nadea hatte die Szene hinter ihrem Tresen verfolgt und war sichtlich zufrieden, wie ihre kleine Freundin die Situation gelöst hatte. „Nimm dir ein Bier auf ’s Haus, setz dich endlich wieder hin oder geh nach Hause – aber mach keinen Ärger mehr.“
Das reichte. Der alte Fischer zuckte mit den Schultern und setzte sich zu seinen Kumpanen an den Tisch. Ihre Ohrfeige würde genügend Gesprächsstoff für den Rest des Abends und vielleicht auch einige weitere bieten, dessen war sich Ëlora sicher.
Graman führte sie die Treppe hinauf zu einer von zwei Türen hinter denen die Gästezimmer lagen. In dem anderen Zimmer machte gerade ein junges, etwa fünfzehnjähriges Mädchen das Bett, wahrscheinlich ihres für die Nacht. Bevor sie eintreten konnten, musste Graman die Tür umständlich aufschließen.
Die Leiche lag auf dem Rücken inmitten einer ausgedehnten Lache weitgehend getrockneten Blutes. Fliegen summten um den Körper herum, aber glücklicherweise hatte die Verwesung noch nicht eingesetzt. Eine riesige, groteske Wunde zog sich quer über den Bauch; Teile der Eingeweide waren hervorgequollen, das Opfer hatte offenbar im Todeskampf versucht, seine Innereien mit den Händen festzuhalten. Graman wandte sich mit grünen Flecken im Gesicht angewidert ab. Ëlora verzog nur grimmig das Gesicht. Das Opfer musste lange zum Sterben gebraucht haben und selbst ein Killer sollte so viel Anstand haben, seinem geschlagenen Opfer den Gnadenstoß zu geben. Selbst einem Elf. Dieser Mörder hatte nichts dergleichen, der Täter hatte sein Opfer buchstäblich aufgeschlitzt und dann ausbluten lassen. Die Ränder der Wunde waren schwarz und ausgefranst, wie von einem Gift oder einer Säure zerfressen – nur kannte Ëlora keine auch nur ansatzweise so aggressive Flüssigkeit. Noch immer bildeten sich an den Rändern kleine Schaumbläschen und ätzten weiteres Fleisch weg.
Nachdem der Elf gefallen war, hatte der Täter systematisch das Zimmer durchwühlt und war dabei mehrfach in die Blutlache getreten – wahrscheinlich noch während sein Opfer im Sterben lag. Seine getrocknete Fußspur führte kreuz und quer durch den Raum, mehrere Regale und ein Schreibtisch waren umgestürzt.
„Das muss einen riesen Lärm gegeben haben. Warum hat niemand eingegriffen?“
„Niemand hat irgend etwas gehört. – Wir verstehen es ja auch nicht“, fügte Graman wie entschuldigend hinzu.
„Das ist völlig ausgeschlossen.“
„Meine Frau und ich schlafen direkt im Raum unter diesem. Dass etwas nicht stimmte, merkten wir erst morgens beim Aufwachen.“ Er verzog das Gesicht. „Ein Teil des Blutes war durch die Decke gesickert und direkt in unser Bett getropft. Nadea dachte erst, es sei meines. Sie hat geschrieen wie am Spieß.“
Ëlora ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Dem umgestürzten Schreibtisch und dem gezogenen Langdolch unter dem Bett nach zu urteilen war es noch zu einem kurzen Kampf gekommen, dann hatte der Mörder das ganze Zimmer auf den Kopf gestellt. Unmöglich so ein Chaos ohne Geräusche anzurichten. Stille. Es gab natürlich Möglichkeiten, einen Raum schalldicht abzuschirmen. Das bedeutete aber tatsächlich Magie und war ungefähr das Letzte, was der Dorfmeister von ihr hören wollte. Andererseits machte es die ganze Angelegenheit erst richtig interessant. Und gefährlich.
„Ihr sagtet, niemand hätte die Leiche angefasst? Seid Ihr da sicher?“
„Das hätten wir nie gewagt. Und ich habe die Tür gleich wieder abgeschlossen. Ohne mich war niemand hier drin.“ Der Dorfmeister blieb in der Tür stehen während sich Ëlora vorsichtig der Leiche näherte.
Der tote Elf hatte glatte, feine Hände, sein Haar war in der momentanen Mode in Thel geschnitten und er war gut gekleidet. Ansonsten konnte man auf dem ersten Blick nicht viel erkennen. Doch, der Tote hatte einen Ring getragen. Der Mörder hatte ihn mitgenommen, aber ein heller Streifen Haut am Ringfinger verriet seine Existenz. Zurückgelassen hatte der Killer dagegen ein schmales, goldenes Kettchen um den Hals des Toten, das unter seinem Gewand verschwand.
Die Ohren waren durchstochen. Ëlora kniff die Augen zusammen. Das war sehr ungewöhnlich. Konnte …
„Wirst du wohl verschwinden, Lira?“ Das junge Mädchen, das ihr Bett gemacht hatte, steckte seinen Kopf in das Zimmer. „Das hier ist nichts für dich!“ Enttäuscht schnitt sie eine Grimasse und verzog sich wieder – nicht ohne noch einen schnellen, eher neugierigen als schockierten Blick auf die Leiche zu werfen.
„Sagt“, wandte sich Ëlora an den Dorfmeister, „trug der Elf einen Ohrring als er hier ankam?“
„Ja. Ich habe mich noch mit Nadea darüber unterhalten, er war sehr seltsam. Einfach ein sehr auffälliger, großer blauer …“
‚…Ring‘ konnte Ëlora den Satz in Gedanken vollenden, noch bevor Graman es tat. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften um sie am Zittern zu hindern. Also doch.
„Darf ich auch euch bitten, mich einen Moment mit dem Toten allein zu lassen?“
„Warum denn das? Was habt ihr denn vor?“
Ëlora überlegte, wie weit sie auf den Aberglauben des Mannes und seine Angst vor Magie spekulieren konnte. „Ihr wagtet doch nicht, die Leiche zu berühren. Das werde ich gleich müssen und dann wollt ihr doch nicht im Raum sein, oder?“
Volltreffer. „Ihr wollt ihn wirklich anfassen?“
„Ich will unter sein Hemd und in seine Taschen schauen. Ansonsten kann ich hier nichts mehr herausfinden.“
Graman zögerte einen Moment. „Nun gut, aber nicht lange“, sagte er dann und verschwand. Der Aberglauben Anderer war manchmal sehr hilfreich – allerdings nur, wenn es tatsächlich bloß Aberglauben war. Was, wenn der Mörder eine magische Falle hinterlassen hatte?
Das blaue, kragenlose Hemd des Toten wurde vorne von einer Schnürung zusammengehalten, die bis zum Brustbein herunter reichte. Noch weiter unten war das Hemd genauso zerfetzt wie die darunter liegende Bauchdecke, aber der obere Teil war unversehrt. Mit den Fingerspitzen fasste Ëlora den Stoff links und rechts der Schnürung und zog sie auseinander. Falls irgendein magischer Schutz oder gar Fluch über der Leiche lag hätte diese Vorsichtsmaßnahme zwar keinen Unterschied gemacht, aber Dinge nur mit den Fingerspitzen zu tun gab einen zumindest das Gefühl, vorsichtig zu sein – selbst wenn man gerade außerordentlich unvorsichtig war. Nichts passierte. Unter dem Hemd war nichts außer die nackte, haarlose Haut des Elfen auf der die schlichte Halskette lag. Ëlora stieß den Atem, den sie nicht bewusst angehalten hatte, mit einem zugleich erleichterten und enttäuschten Seufzen aus. Kein Fokus.
Es gab in Wahrheit nicht viel, was sie zur Aufklärung der Tat beitragen konnte. Das war aber auch nicht der Grund, warum sie allein sein wollte. Der blaue Ohrring war ein geheimes Zeichen, mit dem sich Magier untereinander erkannten. Als solcher musste der Tote einen Fokus besessen haben und sie hatte gehofft, seiner hinge an der Halskette, aber das war naiv gewesen: Höchstwahrscheinlich war der Mörder selber ein Magier gewesen, und würde vielleicht eine goldene Kette zurücklassen, aber niemals einen Fokus.
Ob sie die goldene Halskette einstecken sollte? Es widerstrebte ihr, sie zurückzulassen. Die Kette gehörte niemanden mehr und würde doch nur die Schatzkammer irgendeines Fürsten bereichern. Andererseits hatte Graman sie wahrscheinlich auch schon gesehen und ihr Fehlen könnte auffallen. Auch mochte der Mörder sie aus gutem Grund zurückgelassen haben: Manche Magier erkannten Magie wo sie gewirkt worden war. Wenn der Elf sie als kleine Überraschung für etwaige Raubmörder präpariert hatte … Besser, die Finger davon zu lassen.
Was wäre andererseits, wenn der Täter selber nach dem Fokus gesucht hatte, als er das Zimmer durchwühlte? Hatte er ihn überhaupt gefunden? Ohne seinen Fokus war ein Magier völlig wehrlos und da die stärkeren Fokusse sehr selten waren, wurden sie von ihren Besitzern immer sorgsam bewahrt und gut versteckt. Den Neid der weniger Glücklichen erregend waren sie ein häufiger Grund für Mord unter Magiern.
Ëlora schaute sich suchend im Raum um. Fokusse waren klein und in diesem Chaos auf gut Glück zu suchen, glich der Suche nach einem Freund in Sarrakhan. Wenn der Mörder tatsächlich den Fokus gesucht hatte, gab es nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob er erfolgreich gewesen war oder nicht – aber die war gefährlich. Sie zögerte einen Moment, Risiko gegen den möglichen Preis abwägend. Flüchtig dachte sie an ihren eigenen blauen Ohrring, der tief in ihrem Reisesack verborgen lag. Zum Glück hatte sie ihn heute nicht getragen, die Parallele zu dem Toten hätte viele unangenehme Fragen provoziert. Sie war auf der Suche nach Magie und denjenigen, die sie ausübten zurück hierher in den Norden gekommen. Und sie hatte zu lange vergeblich gesucht.
Mit einem schnellen Blick in Richtung Tür vergewisserte sie sich, wirklich allein zu sein, dann berührte sie mit einer Hand die Stirn des Elfen. Ihren eigenen Fokus, einen Milchkristall, trug Ëlora an einem Ort ihres Körpers versteckt, den etwaige Diebe oder Raubmörder erst zu sehen kriegen würden, wenn sie sie zuvor getötet hatten. Er war nicht besonders kräftig, aber ausreichend für ihren Plan. Ëlora schüttelte sich und versuchte, unwillkommene Seitengedanken loszuwerden. Jede Form von Magie war verboten und konnte von einem strengen Richter mit dem Tod bestraft werden, aber für Nekromantie wurde man lebendig begraben. Immer. Konzentration.
In ihrem Geist formte Ëlora ein Abbild ihres Fokus, bis sie ihn mehr in ihren Gedanken als auf ihrer Haut fühlen konnte. Dann griff sie durch ihn hindurch, besser konnte sie es sich selber nicht beschreiben was sie tat. Sie schöpfte aus einem wogenden, unruhigen Meer von Energie, das hinter einer Mauer zu liegen schien in der ihr Fokus eine Tür bildete. Sie schöpfte nicht alles, was sie kriegen konnte, sondern begann, feine Fäden zu knüpfen und dann in einem seltsamen Muster zu einer Art Seil zu verflechten. Ein Ende des Seils schickte sie durch die Tür, die der Fokus in ihrem Kopf bildete und durch ihren Körper bis in ihre Fingerspitzen auf der Stirn des Toten. Die Magie floss mit einem prickelnden Gefühl durch sie hindurch, ungewiss zu Anfang, ein schmales Rinnsal, dann kräftiger, anschwellender Strom. Die Magie füllte sie, berauschte sie, die Welt um sie herum verlor an Schärfe und Bedeutung, versank schließlich wie hinter einem Schleier. Nur undeutlich hörte sie das leise Summen ihrer eigenen Stimme; ein seltsamer Tick von ihr, der bei ihren wenigen Freunden schon viel Heiterkeit ausgelöst hatte. Statt dessen war da das kräftige, ruhige Schlagen ihres Herzens und das Rauschen des Blutes, bis in die kleinsten Adern zu fühlen. Widerstrebend begann sie, in den Fingerspitzen ihr magisches Seil, dessen anderes Ende immer noch in das Meer von Energie führte, wieder zu entwirren. Die einzelnen Fäden überwanden schließlich die Grenze zwischen dem lebenden und dem toten Körper, sanken in die Dunkelheit des toten Gehirns. Und Ëlora folgte ihnen.

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„Hallo?“ Lächerlich. Da verletzte sie mit Hilfe schwarzer Magie die Totenruhe und alles was ihr einfiel, war die ängstliche Frage eines Kindes, das im Dunkeln ein Geräusch gehört hat.
Dabei war da nicht einmal ein Geräusch. „Hallo? Wo bist du?“ Stille. Leere. War sie zu spät? Je länger der Tod zurücklag, desto weiter war der Odem gewandert und desto schwerer zu finden. Irgendwann war der Weg zu weit selbst für die stärksten Magier, zu denen sie sicher nicht gehörte. Ihre magischen Fäden folgten dem Odem des toten Elfen, sie selbst den Fäden. Mit der Zeit würden sie immer dünner werden, schließlich zerfallen. Wenn das geschah, hatte sie verloren und der Zauber war fehlgeschlagen.
„Hallo?“ Sie war irgendwo im Nichts. Im Inneren des toten Gehirns, in gewissem Sinne. Aber das war eher eine Allegorie, um das Geschehen ihrem eigenen Verstand begreiflich zu machen. Dieser Ort war so sehr dort wie irgendwo anders oder nirgendwo. „Zwischen den Welten und jenseits von ihnen“ hatte Riad, ihr zwielichtiger und kurzzeitiger Lehrer in Iras’Tar es genannt. Leere.
Von einem Moment auf den nächsten war die Dunkelheit um sie von einem Gewitter aus Erscheinungen und Geräuschen gefüllt. Kurz leuchteten Bilder im Nichts auf, existierten, verschwanden dann wieder, nur um von anderen abgelöst zu werden. Eine grüne Wiese, auf der seltsame Blumen in den kitschigsten Farben blühten. Eine Elfin, mal auf der Wiese stehend, mal allein, mal nur ihr Gesicht, in der Leere schwebend, wie auf ein Stück Leinwand gemalt. Ein kleiner Junge an ihrer Seite. Vor allem anderen war da das groteske, riesige Schwert über ihr. Groß wie die Klinge eines Titanen, schwarz wie ein Loch im Nichts und doch von einer Feuchtigkeit glänzend, die nur die von Blut sein konnte. Andere Gesichter tauchten auf und verschwanden. Über allem lag ein seltsames Gelächter, nein zwei Gelächter, eines unsicher und ängstlich, das andere ein irrsinniges Meckern. Kurze Szenen tauchten auf und verschwanden, ein Ritt durch eine verregnete Nacht, ein Kampf mit einem nicht zu erkennenden Gegner, eine Flucht.
Ëlora brauchte eine Weile, um das Chaos zu ordnen. Die Bilder prasselten auf sie ein wie die Schläge einer Peitsche, nicht ihr Fleisch schneidend sondern ihren Verstand. Letzte Gedanken des toten Elfen, Szenen kurz vor seinem Tod, Assoziationen. Undeutlich fühlte sie an ihrem weit entfernten Körper den Schweiß in Strömen herunterlaufen. Das reichte nicht, sie brauchte mehr, Kontakt zu seinem Bewusstsein. Nicht wissend ob es das Richtige war, schöpfte sie mehr und mehr Energie aus dem magischen Meer und verknüpfte ihre Fäden zu einem dichten Netz.
„Was willst du von mir? Las mich gehen.“ Eines der Bilder hatte etwas Substanz gewonnen. Der kleine Elfenjunge schaute zu ihr auf, hinter ihm die kitschige Blumenwiese. Seltsamerweise hielt ihr linker Arm den Jungen gefasst. Wieso hatte sie hier eigentlich einen Körper?
„Las mich gehen.“
„Wer bist du?“
„Ich heiße Kristan. Und jetzt las mich gehen. Bitte!“ Das Bildergewitter im Hintergrund wurde heftiger.
„Warum erscheinst du als Kind? Du bist längst erwachsen. Wo sind wir hier?“
„Was redest du da? Ich verstehe dich nicht! Ich bin hier zu Hause. Lass mich doch endlich los, biiiitteee.“ Der Junge wand sich in ihrem Griff.
„Gleich. Gleich werde ich dich loslassen. Vorher muss ich wissen, was in der letzten Nacht geschehen ist. Woran erinnerst du dich?“
Ein verängstigtes und seltsam deplaziert weil erwachsen klingendes Lachen brach aus dem Jungen hervor. „Was willst du? Die letzte Nacht war wie alle Nächte. Mama hat mich ins Bett gebracht und dann habe ich geträumt. Was willst du von mir?“ Quer über den Bauch des Elfenkindes verlief eine tiefe Wunde mit schwarzen, verätzten Rändern. Nur die Konzentration nicht verlieren.
„Niemand hat dich letzte Nacht zu Bett gebracht. Du bist erwachsen. Du hast die letzte Nacht in einem kleinen Gasthaus zugebracht. Was ist dort geschehen?“
„Du spinnst ja! – Ich soll so weit weg von zu Hause gewesen sein? Schau mich doch an, ein kleiner Junge!“ Er lachte wieder, aber es klang jetzt schon eher verzweifelt. „Schau!“
Auf der Wiese im Hintergrund stand auf einmal die Elfin und warf einen kleinen Jungen, einen zweiten Kristan, hoch in die Luft und fing das lachende Kind dann wieder auf. Irgendwie konnte sie die Euphorie des kleinen Jungen spüren als wäre es ihre eigene, als wäre die Grenze zwischen ihnen fließend.
Sie musste härter pressen. „Nein, du bist erwachsen.“ Härter. „Oder besser, du warst erwachsen: Jemand hat dich ermordet und ich will wissen, wer.“
„Nein, nein, nein! Du bist verrückt! Ich bin noch ein kleiner Junge und wohne hier!“ Plötzlich verstand Ëlora, warum Nekromantie als böse galt. Kristan hatte wahrscheinlich wirklich genug gelitten. Aber sie war schon zu weit gegangen, um einfach umzukehren.
Erinnerung. Dieser Ort war so kitschig und unwirklich, wie die verklärte Erinnerung eines Erwachsenen an seine Kindheit. Selbst die Begeisterung des Kindes fühlte sich nicht unmittelbar an sondern eher wie ein bloß erinnertes, idealisiertes Gefühl. Das Netz ihrer Fäden wurde immer dichter. Härter.
„Du lügst. Das ist alles nur eine Erinnerung. Bring mich an den Ort, den ich dir nannte. Bring mich dorthin, vorher lasse ich dich nicht allein!“
Kristan zitterte, versuchte abermals, sich loszureißen. Seine Mutter hatte aufgehört, den zweiten Kristan in die Luft zu werfen, schaute Ëlora jetzt böse an. Eingeweide hatten einen Weg aus der schwarzen Wunde gefunden und Ströme von Blut liefen an den Beinen des Jungen herunter. Er schien das nicht weiter zu bemerken. Härter.
Auf einmal verschwand die idyllisch-kitschige Landschaft, wich einer ungewissen Dunkelheit. Schemenhafte Umrisse von Möbeln erschienen aus dem Nichts und hölzerne Bohlen unter ihren Füßen. Eine Gestalt – ein Elf – saß am Schreibtisch.
„Nein. Nein nicht hier. Ich kann nicht hier sein. Broud …“ Die Szene verschwamm und vermischte sich in surrealer Weise wieder mit der bunten Blumenpracht einer Sommerwiese.
„Stopp! Zeig mir, was geschah.“ Sie fing an zu ermüden. Unklar wie lange sie den Strom der Magie noch aufrecht erhalten konnte. Aber sie war ganz nah dran.
„Wer ist Broud?“
Kristan wandte sich ab, schüttelte den Kopf. „Bitte…“
„Wer – ist – Broud??“
Etwas zerbrach, nein kippte. Der Widerstand war gebrochen. Wie einen Schatten sah Ëlora die Gestalt des Jungen noch auf sich zu fliegen, fühlte eine Art kalten Schock, dann, „So sei es!“ Dann Lachen. Dann nichts. –
In der Spiegelung des nachtschwarzen Fensters bewegte sich etwas. Die schemenhafte Gestalt tauchte einfach aus dem Nichts auf, stand mitten im Raum direkt hinter ihm. Irgend etwas in Kristan sah es, wollte aufspringen, doch tatsächlich blieb er am Schreibtisch sitzen, schrieb weiter, blind für seine Umgebung. Der Killer war von Anfang da gewesen, unsichtbar vielleicht. Geduldig hatte er irgendwo in einer Nische gestanden und auf seine Gelegenheit gewartet. Jetzt begann die Gestalt zu zaubern. Wall der Stille. Natürlich. Warum reagierte er nicht? Wie bei einer Marionettenfigur bei der jemand anders die Fäden hält, hatte er keine Gewalt über seinen eigenen Körper. Alles schien einem festgelegten Ablauf zu folgen. Aber noch etwas war seltsam: Er wusste, was passieren würde, gleich …
„Du hast einen Fehler gemacht, Kristan kre Tara.“
Jetzt fuhr er mit einem Satz auf.
„Broud …“
„All der Tand, den du mit dir herumschleppst“, die Hand des Anderen deutete nachlässig auf zwei große Taschen in einer Ecke, „hat deine Wahrnehmung getrübt. Sonst hättest du sofort meine Magie in diesem Raum gespürt.“
Der andere Zauberer war extrem unscheinbar. Er war ein Mensch, weder schön noch hässlich, nicht groß, nicht klein. Als Fremder wäre er an ihm vorübergegangen ohne sich Sekunden später noch an seine Existenz zu erinnern, selbst seine Stimme war nichtssagend. Broud. Er kannte diesen Mann seit langem und doch sah er ihn andererseits zum ersten Mal. Was war hier los? Es gab keine Eigenart, keine Besonderheit, die man sich merken konnte, nichts. Einzigartig war allein seine perfekte Durchschnittlichkeit. Nur die Waffe in seiner Hand passte nicht zum Gesamteindruck. Eine Art Langdolch mit der gezackten Klinge einer Säge, das unnatürlich schmale Blatt schwarz, schwarz wie ein Loch im Nichts, alles Licht verschluckend. Viel schwärzer als irgendein Metall je sein konnte.
„Broud …“ wiederholte Kristan.
Etwas passierte. Zeit verging. Die Szene war kurz verschwommen, jetzt stand er (oder sie? – Warum ‚sie‘?) an einer anderen Stelle im Raum in der Hand ein Kurzschwert. Einige Möbel waren umgestürzt. Kristan fühlte, wie er sich der Magie öffnete. Broud sprang mit einem hasserfüllten, meckernden Kreischen auf ihn zu, die seltsame Waffe in der Hand. Nichts an ihm war durchschnittlich, ein irres, mordlüsternes Grinsen verzerrte sein Gesicht.
Es ging alles ganz schnell: Mit einer einzigen Bewegung schlug ihm der wahnsinnige Magier sein Kurzschwert aus der Hand (es flog durch die Luft und würde unter dem Bett zu liegen kommen, nur woher wusste er das?), beschrieb mit der eigenen Waffe einen Kreis und ließ sie dann schräg von oben niedersausen. Erst im letzten Moment sprang Kristan zurück, viel zu spät. Die schwarze Klinge verfehlte Schulter und Brust knapp, um dann tief in die Bauchdecke zu schneiden. Alle Konzentration brach sofort zusammen, alle Magie wich sofort. Einen Moment versuchte er (sie?) wie verwirrt mit der Hand die Wunde festzuhalten, dann knickten die Beine unter ihm weg. Dann erst kam das Blut, und zuletzt der Schmerz. Ein Schmerz, der alles wegzuschwemmen drohte.
Irgend etwas stimmte nicht. Nicht, dass er sterben würde, das stimmte auf merkwürdige Weise. Da war etwas anderes … Sie sollte nicht hier sein, sie war jemand anders, musste sich befreien. Ëlora.
„Töte mich.“ Kristan richtete sich mühsam auf und ein Meer von Schmerzen ertränkte den seltsamen Gedanken. „Bitte töte mich.“
„Das habe ich doch schon, Kristan. Du klammerst dich nur noch in dieser Welt fest, warum?“ Broud stand gleichgültig und wieder völlig kontrolliert bei den Satteltaschen und leerte deren Inhalt aus – Schriftrollen, einige offenbar magische Stäbe, eine Kristallkugel. „Was für einen Ramsch du hier angehäuft hast.“ Er hätte sich auch bei einem Picknick mit einem Freund unterhalten können.
„Bitte, nicht mit der Nachtklinge, bitte, nicht mit dieser Waffe.“
Broud ging zum Schreibtisch und griff nach dem unfertigen Brief. „Wenn du die Waffe erkannt hast, weißt du auch, dass ich das nicht darf.“ Das unschuldige Lächeln eines Lausbubs, der mit der Hand in der Bonbontüte überrascht wurde, huschte über sein Gesicht. „Aber ehrlich gesagt würde ich dir den Gefallen auch nicht tun, wenn ich es dürfte. – Hm, was haben wir denn da?“ Er vertiefte sich in den Brief.
„Bitte, bitte, nicht mit der Nachtklinge.“ Mit seltsamer Distanz beobachte Kristan sich selbst wie er anfing zu weinen und zu flehen. Das würde nichts bringen. Warum war die Waffe so wichtig? Er sollte es eigentlich wissen, aber irgendwie war es ihm entfallen. Was war das für ein Gedanke gewesen? Warum gehörte er nicht hier hin? Und wieso erlebte er seinen eigenen Tod wie etwas bekanntes, schon geschehenes, eine Erinnerung? Ëlora.
Der andere Magier hörte gar nicht zu. „Du wolltest also den Orden vor mir warnen“, sagte er. „Sehr löblich. Wäre wichtig gewesen, aber leider hast du versagt. Na, was soll ’s: Die Folgen deines Versagens werden dich sowieso nicht mehr betreffen. – Aber was lese ich da: ‚Leider konnte ich immer noch nicht herausfinden, was Broud eigentlich plant.‘“ Spott lag in seiner Stimme. „Dann hätte ich mir doch gar nicht so viel Mühe mit dir machen müssen. Ich dachte, du wüsstest mehr. Schade eigentlich. Nimmt der ganzen Situation irgendwie die Dramatik, nicht?“
Ëlora. – Wer war Ëlora? „Bitte…“ Kristan wurde jetzt schnell schwächer.
Sie selbst war Ëlora. Sie hatte … etwas … gemacht, um hier gefangen zu werden. Parallel zum schwindenden Bewusstsein Kristans dämmerte die Erkenntnis eher allmählich in ihr als sie zu überfallen und aufzurütteln. Eine bleierne Lethargie lag auf ihr. Was konnte sie tun? Der Schmerz pulsierte immer noch in ihr und an den Rändern des Bewusstseins stieg die Dunkelheit herauf.
„Sag mal, wo ist eigentlich dein Fokus?“
Ein wenig schreckte sie aus ihrer Gleichgültigkeit auf. War sie nicht deshalb hier?
„Nicht, dass es wirklich wichtig für mich wäre. Schau mal, was mir meine Herrin geschenkt hat.“ Er beugte sich über den Sterbenden und öffnete seine Bluse.
„Wie gefällt dir das?“ Selbst in ihrem umnebelten Zustand konnte Ëlora noch den Schock spüren, der durch den sterbenden Elfen lief. Etwas wie eine etwa faustgroße, gläserne Spinne hatte seine sechs langen, durchsichtigen Beine tief in das Fleisch über der linken Brust versenkt, ihre Enden mochten durchaus das Herz selbst erreichen. Um die Spinne herum wirkte das Fleisch tot, war dunkelblau bis schwarz verfärbt, ein Anblick, der an abgefrorene Gliedmaßen erinnerte. Obwohl bewegungslos war die Spinne mit einer bösartigen, magischen Lebendigkeit erfüllt und starrte aus ihren durchsichtigen facettenartigen Augen gleichgültig auf den Sterbenden hinab.
„Ja, das würdest du gerne unserem Orden berichten, nicht wahr? Jetzt verstehst du etwas mehr, oder? Leider zu spät für dich, würde ich sagen.“ Sein Gesicht näherte sich Kristan. „Also, wo ist dein Fokus? Sag es mir.“
Aber der Elf rührte sich nicht mehr. Der Anblick der gläsernen Spinne hatte ihm den letzten Rest Kraft geraubt. Der Raum verschwamm jetzt immer wieder mit dem Anblick einer jungen Elfin, die ihr Kind hoch in die Luft warf und dann wieder auffing. Ein sich auflösender Gedanke, sie selbst würde den Tod des Elfen wohl kaum überleben. Aber das war schon fast egal.
Broud merkte, dass er die verbleibende Kraft des Elfen überschätzt hatte, packte den schlaffen Körper an den Schultern und schüttelte ihn. „Wo ist der Fokus? Sag es mir und ich werde dir einen anderen Tod geben als diesen.“
Kristan versuchte noch einmal, etwas zu sagen. Vor Ëlora erschien kurz das Bild einer mit Edelsteinen besetzten Schwertscheide, auf der ein einzelner, leuchtend roter Stein hervorstach. Aber das war nur ein Gedanke, aus seinem Mund kam nur noch ein Schwall von Blut, kein Wort mehr. Der Kopf rollte nach hinten und der vernebelte Blick erblindete für immer.
„Na, dann eben nicht“, erklang noch einmal Brouds Stimme von irgendwoher. „So nett wäre ich sowieso nicht gewesen.“ Nicht mehr wichtig. Kristan starb und sie mit ihm. Egal.
„Verbrenne mich.“ Das war kein gesprochenes Wort mehr, nur noch ein schwindender Gedanke. Kristans Gedanke, der sich direkt an sie richtete.
„Was?“ Sie versuchte, die Müdigkeit abzuschütteln. „Lass mich gehen, bitte, lass mich gehen!“ Vertauschte Rollen. Aber mit wem? Wer war sie? Irgendwoher war das Lachen eines kleinen Jungen zu hören.
„Lass es nicht zu. Verbrenne mich, hörst du, verbrenne mich.“ Das Lachen wurde lauter und das Gesicht einer jungen Elfin, es kam ihr irgendwoher bekannt vor, tauchte aus der Dunkelheit auf. Dann erhielt sie plötzlich einen gewaltigen Stoß, wurde hinausgeschleudert ins Nichts.

Wie aus einem bösen Traum erwachend schlug Ëlora die Augen auf. Sie zitterte am ganzen Körper vor Erschöpfung, aber auch vor Kälte in ihrem vor Schweiß klitschnassem Hemd. Wie lange sie wohl so dagesessen hatte? Ihre verspannten Muskeln schmerzten und in ihrem Mund schmeckte es eisenartig nach Blut. Offenbar hatte sie sich in ihrer Trance auf die Zunge gebissen. Eine unheimliche Müdigkeit lag bleischwer auf ihr, aber vor ihr lag bereits das nächste Problem, ein sehr ernstes Problem:
„Was soll das? Was habt ihr da gemacht?“ Graman stand mitten im Raum und starrte sie an.
Einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Panik stieg in ihr auf. Lebendig begraben.
„Ich habe gebetet, Graman, was denn sonst?“
„Und ein Gebet strengt euch so an? Was soll denn das für ein Gott sein?“
„Was wisst ihr schon von den Religionen, Graman? Ihr habt selbst gesagt, ich sei weit herumgekommen. Da habt ihr recht. Meine Gemeinschaft ist im Süden sehr verbreitet, aber ich glaube nicht, dass ihr sie kennt. Ich hatte euch gebeten, draußen zu warten und dennoch stört ihr mich hier. – Wonach sah es denn für euch aus?
„Nun“, Graman fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, „nun ich dachte…“ Er war sich also nicht sicher. Gut.
„Sehe ich für euch wie eine Hexe aus, Dorfmeister? Ist es das, was ihr sagen wollt?“
„Nein, nein, ihr seht natürlich nicht aus wie eine Hexe, das wollte ich ja gar nicht sagen, aber…“
„Dann solltet ihr vielleicht etwas vorsichtiger sein mit euren verdeckten Anschuldigungen. Insbesondere wo ihr so wenig über diese Dinge wisst.“ Ihre Stimme strahlte jetzt wieder wesentlich mehr Selbstbewusstsein aus. Mehr jedenfalls, als sie eigentlich verspürte. Sie hatte die Kontrolle verloren, wäre um ein Haar während ihrer Beschwörung gestorben, soviel war klar und der Schmerz des sterbenden Elfen wütete immer noch in ihr, würde es in Zukunft vielleicht immer tun.
Graman blickte erst zweifelnd, nickte dann aber.
„Nun gut, vielleicht habt ihr recht. Aber ich muss euch jetzt trotzdem bitten, mit mir den Raum zu verlassen; ich werde die Tür wieder verschließen bis der Landvogt kommt. Was habt ihr denn herausgefunden?“
Sein Misstrauen war also keineswegs ganz erloschen, aber das war im Moment nicht zu ändern. „Ich kann euch leider nicht viel berichten, befürchte ich.“ Ëlora erzählte im kurz eine schnell zurechtgelegte Geschichte, die das Wenige enthielt, das sie sagen konnte, ohne sich selbst zu verraten. Letztlich konnte sie über die Waffe auch nur Vermutungen anstellen. „Ich befürchte“, schloss sie, „es könnte vielleicht wirklich Magie im Spiel sein. Der fehlende Lärm und die seltsame Wunde sind sichere Zeichen. Ich würde euch raten, die Leiche sofort zu verbrennen.“ Warum hatte Kristan darauf so gedrungen? Lass es nicht passieren.
Der Dorfmeister wirkte geschockt. „Wie soll das denn gehen? Wir können doch nicht die Leiche vernichten, bevor sie der Landvogt gesehen hat!“
„Ihr wollt die Leiche drei Tage lang unter Eurem Dach einfach so liegen lassen?“
Er zuckte nur ratlos mit den Schultern. „Was soll ich sonst tun?“
Ëlora überlegte. Vermutlich hatte der Mann recht, ein erboster Landvogt könnte dramatischere Folgen haben als alles, was hier vermutlich drohte. Es war dem sterbenden Elfen so wichtig gewesen, aber gab es im Süden nicht einige Kulte, die zur alten Sitte der Feuerbestattung zurückgekehrt waren? Ja, da war etwas gewesen. Religion also, wohl nicht wirklich wichtig.
„Nun gut, ich meine ja nur“, wandte sie sich an den Dorfmeister. „Die Leiche ist ja gut weggeschlossen. Macht, was ihr denkt.“ Sehnsüchtig schielte sie zum Bett, wo in der Nähe des Langdolches auch die Scheide lag. Ein Feuerdiamant. Es war ein Feuerdiamant gewesen, aber die Stelle zwischen den anderen Steinen auf der Schwertscheide war leer. Der Killer hatte den Fokus doch gefunden. Umsonst also das ganze.
Lass es nicht geschehen. Sie schüttelte die unangenehme Erinnerung ab und verließ mit dem Dorfmeister den Raum.

Ëlora brachte ihre wenigen Sachen in das für sie vorbereitete Zimmer und ging dann wieder nach unten. In einem kleinen Raum hinter der Küche hatte das junge Mädchen, Lira, einen großen Waschzuber mit heißem Wasser gefüllt. Ein Duft von erfrischenden Kräutern und Seifenlauge lag in der feuchten, dampfgetrübten Luft. Sie streifte schnell ihre verschwitzten Kleider vom Körper und stieg ins Wasser. In der Wärme begannen ihre verkrampften Muskeln sich zu entspannen und sie konnte endlich ein wenig ihrer Müdigkeit nachgeben.
Dieser Broud war nicht nur sehr gefährlich, sondern offenbar auch ein sehr potenter Magier. Der erste seit langer Zeit, abgesehen von dem toten Elfen. Er war eine Spur, eine Spur die weiterführen könnte, zu anderen Magiern vielleicht. Möglicherweise war ihr kleines Abenteuer doch nicht ganz umsonst gewesen. Sie verzog das Gesicht. Laut dem Brief war Broud auf dem Weg nach Nirtar am Oberen See gewesen; seltsam genug hatte sie eine fast wörtliche Erinnerung an seinen Inhalt. Dorthin also, falls sie dem Killer folgen wollte. Mit Waffen konnte sie zwar nicht gut umgehen, dafür war sie aber eine verdammt gute Magierin. Würde eine gute Magierin sein, wenn sie jemals jemanden fand, der sie richtig ausbilden würde. Bis dahin hatte sie nur viel Talent, reiste kreuz und quer durchs Land, immer auf der Suche nach jedem Fitzelchen Wissen.
„Darf ich euch den Rücken schrubben?“
Ëlora schreckte aus ihren trüben Gedanken hoch. Sie hatte Lira ganz vergessen, die immer noch im Raum stand und eine große Badebürste in der Hand haltend sie unschlüssig anschaute.
Sie nickte, beugte sich nach vorne und Lira begann, erst ihren Rücken mit einer Art Kräuterseife mit Duftöl einzureiben und dann mit der rauen Bürste zu bearbeiten. Der besondere Geruch von Lavendel breitete sich in der kleinen Kammer aus und die Seife prickelte angenehm auf der Haut.
„Habt ihr meinem Vater helfen können und etwas interessantes herausgefunden?“
„Ich fürchte nicht viel. Dein Vater war wohl etwas enttäuscht.“ Sie wiederholte was sie schon Graman gesagt hatte. „Ich denke, ihr solltet einfach auf den Landvogt warten. Wird schon nichts Schlimmes passieren.“
Nach dieser kurzen Unterhaltung herrschte eine Weile Schweigen. Eigentlich war Lira schon fertig, aber dann fing sie an, Ëlora zu massieren. Sie ließ es sich gefallen.
„Möchtet ihr mir von euren Abenteuern erzählen? Ihr müsst schon viel erlebt haben.“
Ëlora musste lächeln. Daher wehte der Wind also. Eigentlich erzählte sie nicht gerne über sich, aber Neugier war eine gute Charaktereigenschaft und in diesen kleinen Dörfern viel zu selten.
Sie erzählte ein buntes Gemisch von Dingen, die ihr tatsächlich widerfahren waren angereichert mit Abenteuergeschichten, die ihr in Wahrheit nur jemand erzählt hatte. Natürlich war alles etwas geschönt, viel weniger hässlich als in Wirklichkeit und natürlich nutzte sie nur den Säbel und die Dolche, keinesfalls etwa Magie. Trotzdem schienen ihre Geschichten zu faszinieren: Lira hatte schon bald das Massieren beendet, sich einen Hocker neben den Waschzuber gestellt und hing an Ëloras Lippen. Ihr selbst kam es immer so vor, als habe sie noch nicht so viel erlebt, aber das hing wohl mit den vielen echten Söldnern zusammen, die sie kannte und die keine Gelegenheit ausließen, um vor ihr oder jeder anderen Frau mit ihren Erlebnissen zu protzen und ihre Narben herum zu zeigen. Für diese Menschen hier mussten natürlich auch schon ihre relativ kleinen Erlebnisse wie ein Sturm mitten auf dem großen Kratermeer oder ein Überfall in einer der dunklen Gassen von Sarrakhan wie große Abenteuer erscheinen.
In der gesetzlosen alten Piratenfestung am Rand des großen Kraters hatte sie – bis auf ihre Flucht aus dem alten Kaiserreich – ihr bisher einziges echtes Abenteuer erlebt. Dort wurde mit allem gehandelt, was man sich vorstellen konnte und gemeinsam mit Mitgliedern einer der vielen dortigen Diebesgilden hatte sie in einer Nacht und Nebel Aktion die „Ware“ eines Sklavenschiffs befreit. Die Diebe hatten von Ëlora gehört, es gäbe an Bord teure Stoffe, weshalb sie später keine Freunde mehr von ihr waren, aber die Sklaven waren frei und das Schiff versank mitten im Hafen. Eine der wenigen Dinge in ihrem Leben, auf die sie rückblickend ein wenig Stolz war. Auch Lira gefiel die Geschichte.
Später holte das Mädchen von irgendwoher eine alte Landkarte hervor. Wie ein ausgedehntes Spinnennetz zogen sich die tiefen Flusstäler Elúsias durch die endlose, alles umschließende Eiswüste von Rîs, im Zentrum das Kratermeer, weit im Norden nebeneinander zwei blaue Augen, das Land der Zwei Seen. Die fremden Länder und Landschaften interessierten Lira mindestens ebenso sehr wie „Abenteuergeschichten“ und Ëlora verbrachte viel Zeit mit dem Schildern der ihr bekannten Teile der Welt. Da waren die riesigen Städte in Thelarîon, die merkwürdigen Sitten der Menschen und Elfen auf den Tausenden kleinen Inseln im Kratermeer, die tropische Hitze im gleißenden Licht der beiden Sonnen, der endlos hoch aufragende Kraterrand aus schwarzem Obsidian, die dröhnenden Wasserfälle, sich aus irgendwelchen Hochtälern manchmal Tausende von Meter tief ins Meer stürzend. Zuletzt erzählte sie vom gewaltigen Marakjannan, der Zentralberg inmitten des Kratermeers, das Herz Elúsias, dessen eisbedeckte Höhen sie einmal vom Mast ihres Schiffes aus tief im Süden hatte liegen sehen.

Der Tumult brach aus, als Ëlora gerade anfangen wollte, über ihre Kindheit im Alten Kaiserreich zu erzählen, was sie sonst fast nie tat. Auf einmal schrieen Menschen im benachbarten Gastraum durcheinander, Türen wurden geschlagen; in der Küche zerschlugen einige Teller auf dem Boden, als wer immer dort gerade beschäftigt war offenbar Hals über Kopf davon stürmte.
Bereits beim ersten Laut war Ëlora aus der Wanne gesprungen. Dies hier war ernst, die Geräusche einer Kneipenschlägerei waren recht einfach von Menschen in Todesangst zu unterscheiden. Mit fliegenden Fingern streifte sie ihr Kleid über und griff nach den Dolchen. Lira ging langsam, mit großen Augen auf die Tür zu.
„Du bleibst hier!“
„Meine Eltern …“
„… kannst du jetzt eh nicht helfen. Lass mich erst herausfinden, was los ist. Warte hier. Versteck dich hinter dem Waschzuber.“
Der Lärm war etwas abgeebbt, statt dessen waren jetzt vor dem Haus viele aufgeregte Stimmen zu hören. Ein einzelner, spitzer Schrei kam aus dem Gastraum, der sogleich in ein anhaltendes Stöhnen überging. Ëlora öffnete vorsichtig die verschlossene Badezimmertür und durchquerte mit schnellen Schritten die verlassene Küche, einen Satz über einen am Boden liegenden Haufen Scherben machend. Dann erstarrte sie, wie gebannt von dem grausamen Anblick.
Mitten im Schankraum stand Kristan, der tote Elf und schlug mit seinem Langdolch auf einen am Boden liegenden Mann ein. Der Elfenmagier war dort, bewegte sich, und war doch tot. Jetzt, wo er aufrecht stand, folgte die auf so groteske Weise aufgeschnittene Bauchdecke unaufhaltsam der Schwerkraft und gab den Blick frei ins Innere einer blutigen, leeren Bauchhöhle. Ein Teil des Darmes hatte sich gelöst, hing in einer großen Schlaufe dem Untoten bis vor die Füße; wenn das Monster nicht aufpasste, würde es über seine eigenen Eingeweide stolpern. Der Rest der Innereien war verschwunden, lag wahrscheinlich irgendwo auf der Treppe verteilt. Der stöhnende Mann am Boden blutete aus einer Wunde am Bein und hielt verzweifelt einen Hocker wie zu einem Schild erhoben über sich während er versuchte, von dem Untoten weg zu kriechen. Ansonsten war der Raum leer.
Sie musste irgendein Geräusch gemacht haben, meinte, ihre eigene Stimme weit entfernt stöhnen und sie verraten zu hören. Wie in Zeitlupe richtete sich das Monster auf, schaute sie an, schwankte einen Moment unschlüssig zwischen dem einfachen Opfer vor seinen Füßen und der neuen Ablenkung. Dann kam es auf sie zu. In den Horrorgeschichten, die sie gehört hatte, waren Untote immer ungelenke, langsame Kreaturen, dieses Wesen war tatsächlich langsam, aber es war die Langsamkeit einer sich anschleichenden Katze; ohne Zweifel würde es nachts auf einem schmalen Dachfirst balancieren können. Die Augen waren das schrecklichste: Es waren die glasigen, ausdruckslosen Augen des toten Elfen, die erstarrte Iris irgendwo an die Decke gerichtet – doch etwas hinter diesen erblindeten Augen schaute sie unentwegt und voller Bösartigkeit an. Gleich würde …
„Eh! Tut doch was, Kriegerin!“
Der Ausruf brachte sie zurück in die Realität. Irgendwie hatte das Monster fast die ganze Distanz zu ihr überbrückt, während sie wie versteinert dastand. Hypnose? In einem Reflex griff sie wieder durch ihren Fokus in das Meer von Energie, diesmal ging der Zauber schnell. Zwei kurze Pfeile erschienen neben ihr in der Luft. Hinter ihr fiel ein Stuhl um, dem plötzlich ein Bein fehlte – irgendwoher musste das Holz für die Schäfte kommen; woher sie das Metall für die Spitzen erhalten hatte, wurde nicht sofort offenbar. Auf eine kurze Geste mit ihrer Hand hin flogen die Pfeile wie Bolzen von einer Armbrust abgeschossen. Sie trafen den Zombie mitten in die Brust.
Das Monster taumelte von der Wucht der Geschosse einige Schritte zurück. Ëlora meinte, etwas wie eine groteske Parodie auf Überraschung über das ansonsten ausdruckslose Gesicht gleiten zu sehen. Dann richtete es sich wieder auf und kam erneut auf sie zu, als wäre nichts gewesen. Dann eben anders, ihr Fokus war allmählich leer aber einen Versuch hatte sie noch. Diesmal flocht sie die magischen Fäden etwas sorgfältiger und als die Pfeile erschienen, waren ihre Spitzen aus Silber. Kein Stuhl fiel um, aber in ihrer Geldbörse würden wohl einige Münzen fehlen. Einem Impuls folgend zielte sie diesmal direkt auf den Kopf. Magische Pfeile hatten den Vorteil, immer zu treffen und mit Ëloras Geschossen aus beiden Auge ragend sackte der Untote lautlos in sich zusammen.
Erst als sie sicher war, dass sich der Zombie wirklich nicht mehr rührte, merkte sie die Anstrengung. Die Magie hatte sie ausgelaugt, die notwendige Konzentration zehrte an den Nerven. Der verletzte Mann kroch über den Boden und versuchte, die offene Tür der Bar zu erreichen. Es war Tor, der alte Fischer, den sie geschlagen hatte.
„Tor, alles in Ord…?“
„Hexe.“
Sie schluckte. Natürlich. Er hatte sie zaubern sehen.
„Tor, ich weiß, das muss verwirrend für euch sein, aber ihr müsst doch sehen, dass ich auf eurer Seite …“
„… meiner Seite seid?“ Er richtete sich am Türrahmen auf und drehte sich zu ihr um. „Ich habe hier schwärzeste Magie am Werk gesehen, ihr seid selber eine Magierin und rein zufällig am gleichen Ort? Ich sage, ihr seid hierfür verantwortlich!“
Die letzten Worte hatte er laut ausgerufen. Erst jetzt sah Ëlora die größer werdende Gruppe von Menschen sich vor der offenen Tür versammeln und zu ihnen herein starren. Draußen war es inzwischen dunkel geworden, aber in der Bar brannten noch genügend Kerzen und von draußen konnte man einen guten Teil des Gastraumes überblicken. Jemand trug eine Fackel und Ëlora konnte Nadea und Graman erkennen. Beide Gastwirte und ihre Gäste waren auf der Flucht vor dem Untoten nicht weit gelaufen, sondern hatten sich gegriffen, was immer ihnen gerade in die Hände fiel und waren dann zurückgekehrt.
„Sie hat Pfeile in die Luft gezaubert und mit ihnen auf den Zombie geschossen, ich hab ’s genau gesehen!“, rief eine Frau.
„Den Zombie, den sie selber geschaffen hat!“ Das war Graman. „Sie hat mich getäuscht, diese Hexe, als wir oben waren; hat mir weisgemacht, es sei ein Gebet gewesen. Aber sie hat die Leiche beschworen, ich hab ’s selber gesehen!“ Wütende Ausrufe wurden in der Menge laut. Ëlora schüttelte den Kopf. Das fing an, sehr gefährlich zu werden. Könnte Graman recht haben? War es mein Spruch?
„Tötest du mich jetzt auch, Hexe? Du wirst mich nicht von hinten töten können, ich werde dir nicht den Rücken zudrehen!“ Tor stand immer noch in der Tür und begann erst jetzt, langsam rückwärts nach draußen zu hinken. Er ließ sie dabei nicht aus den Augen. Ëlora blieb im Innenraum stehen.
„Warum sollte ich das tun, Tor, wo ich euch gerade das Leben gerettet habe?“
„Du hast mich nicht gerettet.“ Offener Hass flackerte in seinen Augen. „Du hast diese Kreatur erst erschaffen und dann wohl die Kontrolle über sie verloren. Du hast nur dich selbst gerettet!“
Er hatte seine Leute erreicht, die sich sofort schützend um ihn drängten.
„Und wieso habe ich dich dann jetzt am Leben gelassen? Wieso?“ Sie ging langsam auf die Tür zu und trat nach draußen. Die Menge wurde schnell größer, von überall her kamen Menschen mit Knüppeln, Heugabeln oder Spießen bewaffnet. Ëlora blieb im Türrahmen stehen, ihre Stimme zitterte, als sie ihre Frage wiederholte.
„Wieso, Tor?“
Als der Mob ihre kleine Konklave in Iras’Tar abschlachtete, hatte sie machtlos aber unerkannt in der tobenden Menge gestanden. Die meisten ihrer wenigen Freunde waren in jener Nacht verbrannt, manchmal erwachte sie nachts von den Schreien. Aber sie hatte überlebt. Damals.
„Weil du hoffst, dass wir dich dann gehen lassen!“, rief irgend jemand.
„…aber diesen Gefallen werden wir dir nicht tun, Hexe!“ – Tor natürlich.
„Warum soll ich denn den Toten erweckt haben?“ Sie schrie jetzt fast, Panik umflatterte sie wie ein geisterhafter Vogel.
„Was braucht ihr Magier schon für Gründe Böses zu tun?“
„Nadea, bitte…“ Ein großer Stein lag wurfbereit in der Hand der Wirtin. Ëlora sah sich verzweifelt um, aber niemand hier würde für sie Partei ergreifen.
„Wahrscheinlich hat sie den Elfen selber ermordet und ist jetzt nur zurückgekehrt, um die Spuren zu beseitigen!“, erscholl eine Stimme in der Dunkelheit.
Ein erster Stein fliegt nur knapp an ihrem Kopf vorbei. Nadea. Der Mob beginnt vorzurücken, ganz vorne einige Männer mit Spießen und Heugabeln, dahinter der Rest. Mehr Steine fliegen durch die Luft. Sie dreht auf den Hacken um, schlägt die Tür hinter sich zu. Laut krachen noch zwei weitere Steine gegen das Holz. Zauberschloss. Von Panik gepackt, nicht wissend, ob die im Fokus verbliebene restliche Energie ausreicht, nimmt sie alle Konzentration zusammen. Die Pforte zum Meer der Magie scheint entsetzlich klein geworden zu sein. Mit aller Gewalt zieht sie an den dünnen Fäden. Es reicht, ein erlösendes Klicken ertönt und ein silbriger Schimmer wandert über die Tür.
Es würde lange dauern, bis sich der Fokus wieder aufgeladen hätte. Schwer atmend richtete sie sich auf, vor Anstrengung für diesen letzten Zauber musste sie unbewusst in die Knie gegangen sein. Draußen schrie und tobte der Mob. Ein weiterer Stein flog durch eines der kleinen Fenster. Zumindest versuchte für den Moment niemand, durch eines zu klettern. Aber sie konnte auch nicht hinaus, war gefangen. Die Wände kamen auf sie zu und der Gastraum immer kleiner zu werden. Ihre Kehle wurde enger, das Atmen fiel schwer. Gefangen. Nicht jetzt, keine Klaustrophobie, nicht jetzt.
Ëlora sackte auf einem Stuhl zusammen, schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Sie war auf einem großen, offenen Feld. Keine Wände weit und breit. Kein enges, dunkles und feuchtes Loch im Boden des hintersten Kellers eines Elfenlandsitzes, in das ein elfjähriges Mädchen hineingesteckt worden war, weil man bei ihr ein Buch gefunden hatte. Sklaven durften nicht lesen. Sie durften es nicht einmal können. Ein großes, offenes Feld. Als man sie endlich wieder hinausließ, war sie zu schwach um alleine zu gehen und hatte eine schwere Lungenentzündung. Alle dachten, sie würde sterben, aber sie war zäh. Drei Jahre später hatte sie zum ersten Mal zu fliehen versucht. Ein großes, offenes Feld.
Langsam beruhigte sich ihr Atem. Sie musste nachdenken, brauchte eine Idee und zwar schnell. Draußen hatte der Lärm nachgelassen, also braute sich etwas zusammen.
Konnte es wirklich ihre Schuld sein? Sie kannte sich mit Nekromantie nicht wirklich gut aus, aber das hätte nicht passieren dürfen. Nicht in Folge solch eines verhältnismäßig schwachen Zaubers. Lass es nicht zu. Natürlich. Das Schwert. Dieses seltsame Schwert. Und der Magier hatte es gewusst. Daher sein Flehen erst an seinen Mörder nach einen anderen Tod, dann an sie. Und sie hatte nicht zugehört.
Keine Zeit, jetzt darüber nachzugrübeln, was gewesen und nicht mehr zu ändern war. Sie brauchte einen Fluchtweg. Ruhig, bleib ruhig. Vielleicht über das Dach…
„Bist du wirklich eine Hexe?“ Lira. Sie hatte Lira ganz vergessen. Das Mädchen stand in der Küche und beobachtete sie; wahrscheinlich schon eine Weile, vielleicht hatte sie sogar alles gesehen.
„Ich bin eine Magierin. ‚Hexe‘ ist ein Schimpfwort.“ Was nützte leugnen?
„Wirst du mich jetzt töten?“ Wie häufig sie das heute noch gefragt werden würde? Aber Lira war ein faszinierendes Mädchen, obwohl sie große Angst haben musste, zitterte ihre Stimme kaum.
„Warum sollte ich das tun, Lira?“
„Weil ihr doch immer so etwas macht.“
„Das sagen deine Eltern.“
„Nein, das sagen alle.“
„Und wie viele Magier habt ihr alle schon gesehen? Was wisst ihr schon?“
„Warum lügst du dann? Du hast gesagt, du seiest eine Söldnerin.“
Ëlora lächelte bitter und zeigte mit einer Geste nach draußen. „Schau, wie deine Leute reagieren. Und da fragst du, warum ich ein paar Geheimnisse für mich behalte?“
Lira schien darüber nachzudenken und kam langsam auf sie zu in den Schankraum.
„Aber ihr habt große und schlimme Kriege geführt. Viele sind gestorben. Und ihr wart grausamer als irgendeine Horde der Finsternis aus den Legenden.“
Die Magierkriege. Jahrhunderte her, aber unvergessen. Ëlora ging vorsichtig an eines der Fenster und warf einen Blick nach draußen. Es war immer noch still, aber in der Dunkelheit konnte sie viele Schatten sehen, die einen dichten Kreis um das Haus bildeten. Wieder konnte sie die in ihr aufsteigende Panik fühlen. Ein großes, offenes Feld. Was hatten die vor?
„Woher weißt du so viel über die Vergangenheit? Ich dachte nicht, hier eine so gebildete junge Dame zu treffen.“
„Pater Markan vom Vereinten Tempel der Erleuchteten kommt hier häufig her um zu predigen. Dann unterhalte ich mich mit ihm. Außerdem kann ich lesen. Er hat es mir beigebracht.“
Daher also die schwülstige ‚Horde der Finsternis aus den Legenden‘. Der Tempel der Erleuchteten war einer der aggressivsten Sekten hier im Norden – und, dank ihres ungewöhnlichen Einsatzes für die Armen, eine der erfolgreichsten.
Ëlora zuckte mit den Schultern. „Das ist lange her. Alles, was ich dir sagen kann ist, ich habe nie gegen irgendwen Krieg geführt, grausam oder nicht.“ Die Gier nach den knappen Fokussen hatte damals die mächtigen Magierorden und die mit ihnen verbündeten Länder aufeinander losgehetzt. Am Ende eines Zeitalters der Kriege, nach fast einem Jahrhundert, erhoben sich schließlich die verzweifelten Menschen und Elfen gegen die Magier, verbrannten ihre Schulen, Türme und Paläste und schließlich auch ihre Peiniger selbst. Aber bis dahin war angeblich jeder dritte Mensch oder Elf gestorben. Ihresgleichen wurde nicht ohne Grund so gehasst.
„Wieso hast du den Untoten erschaffen?“
„Ich sage doch,“ erwiderte Ëlora schon fast verzweifelt, „ich war das nicht! Ich habe etwas Magie angewendet, aber nur um die Fragen deines Vaters zu beantworten. – Ich denke, es war der Mörder, ich sagte doch, er war wohl auch ein Magier!“
Lira schien keineswegs überzeugt: „Wieso? Wieso hast du dich der dunklen Kunst zugewandt, wenn nicht aus der Gier nach Macht?“
Bevor Ëlora antworten konnte, erscholl von draußen eine Stimme. Graman.
„Gib meine Tochter frei, Hexe!“
„Offenbar ist dein Fehlen zuletzt doch noch von deinen Eltern bemerkt worden, Lira“, bemerkte Ëlora.
„Und nun?“ Lira schaute sie fragend an.
„Gib meine Tochter frei, und wir werden dich gehen lassen!“
„Warum sollte ich euch das Glauben?“, schrie sie zurück.
„Ich wusste, dass du nicht davor zurückschrecken würdest, ein Kind als Geisel zu nehmen, Hexe.“ Das war mehr eine hasserfüllte Feststellung als ein Versuch, sie zu überzeugen.
Lira als Geisel nehmen? Das war ihr nie in den Sinn gekommen. Ehre war etwas für Dummköpfe, aber ein Kind als Geisel nehmen … Andererseits vielleicht ihre einzige Chance.
„Und? Bin ich deine Geisel?“ Wieder diese seltsame Ruhe, als ob sie das Ganze gar nichts anginge. Ein wenig Angst schwang schon in ihrer Stimme mit, sie war nicht ganz so gelassen wie sie gerne wäre – aber es war wirklich nicht viel. Unter anderen Umständen hätte sie sich mit dem Mädchen anfreunden können.
„Nein, natürlich nicht.“ Wirklich nicht?
„Wenn ich jetzt also durch die Tür hinausgehen wollte, würdest du mich lassen? Einfach so?“
„Die Tür ist mit Magie versiegelt, die ich nicht erneuern kann“, kam die zögernde Antwort. Sollte sie Lira gehen lassen? Würde sie Lira gehen lassen?
„Wenn ich bloß noch einen zweiten Fokus hätte“, setzte sie wie zur Entschuldigung hinterher. „Weißt du, wir Magier brauchen …“
„Ich weiß. Ihr Magier braucht einen Fokus zum Zaubern. Ich hab dir schon gesagt, ich weiß über die Magierkriege Bescheid. Dein Fokus ist also leer?“
Ëlora nickte. „Ich hatte gehofft, den Fokus des toten Magiers bei ihm zu finden. Aber den muss der Mörder mitgenommen haben.“ Sie seufzte. „Und jetzt sitze ich hier in der Falle.“
„Lass uns bitte wenigstens mit unserer Tochter reden, ich muss wissen, ob sie noch lebt!“ Das war Nadea. Sie weinte offenbar.
Auf einen fragenden Blick hin zuckte Ëlora nur mit den Schultern und Lira stellte sich gut sichtbar ans Fenster.
„Es ist alles in Ordnung, Mama. Wir unterhalten uns nur!“ Ein etwas fassungsloses Gemurmel machte draußen die Runde. Unter anderen Umständen hätte Ëlora grinsen müssen.
Das Mädchen drehte sich zu ihr um und schaute sie nachdenklich an.
„Dir ist schon klar, dass ich dich ohne weiteres hätte verraten können, wenn ich gewollt hätte?“ Ëlora schaute sie verständnislos an. „Ich müsste nur laut schreien, dass du nicht mehr zaubern kannst und sie würden das Haus sofort stürmen. Kein Zauber an der Tür könnte sie daran hindern. Nur ihre Angst vor deinem Trick mit den Pfeilen hindert sie daran, durch die Fenster klettern. Keiner traut sich, der erste zu sein.“
Ëloras Mund fühlte sich trocken an. „… und ihre Angst, ich könnte dir etwas antun.“
Lira ging darauf nicht ein. „Hast du die Sklaven auf dem Schiff in Sarrakhan wirklich befreit? Oder hast du dir alles ausgedacht?“
„Es ist die Wahrheit. Nur habe ich nicht meinen Säbel benutzt, sondern meine Magie. Der Rest ist die reine Wahrheit.“
Eine kurze Pause entstand.
„Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet“, meinte Lira dann ohne sich anmerken zu lassen, ob sie ihr glaubte.
„Welche Frage?“
„Wieso bist du Magierin geworden?“ Lira stand mit dem Rücken zum Fenster und schaute ihr direkt in die Augen.
Was sollte sie darauf antworten? Warum war sie Magierin geworden? Was sollte sie erzählen über eine geflohene Sklavin, für die das Leben in Freiheit nicht wirklich gehalten hatte, was sie sich erhofft hatte? Sie hatte allein und mittellos gelebt vom Stehlen und von „spendablen“ Männern, war von den ‚ehrbaren‘ Bürgern als Diebin und Hure an den Pranger gestellt und mit Hohn und Spott aus der Stadt gejagt worden. Wie sollte sie erklären, schließlich bei einer Bande von Wegelagerern gelandet zu sein, die sie, eine Frau, viel schlimmer behandelt hatten, als jemals die Elfen? Wie dann, an einem wunderbaren Abend unter dem Diebesgut ein Buch und ein seltsamer, milchiger Kristall gewesen war, für die sich niemand interessierte, weil außer ihr niemand lesen konnte? An jenem Abend hatte sie, ohne große Erwartung, einen in dem Buch beschriebenen einfachen Zauber ausprobiert. Er sollte eine Fackel entzünden, sie brannte sofort und bis zum Morgen hatte sie Lektionen und Übungen erlernt, die eigentlich in Wochen immer wieder geübt werden sollten. Alle funktionierten, wenn nicht auf Anhieb, dann beim zweiten, spätestens dritten Versuch. Sie hatte etwas gefunden, das ihr leicht von der Hand ging. Endlich. Die Magie war wie für sie geschaffen. Magie war etwas, das ihr gehörte, ihr gehorchte – und sie wollte mehr davon.
Es war nicht so, dass sie irgendwann angefangen hätte, mit der Magie zu zaubern. Zuerst hatte die Magie sie verzaubert.
„Ich weiß nicht. Vielleicht, weil sie für mich Freiheit bedeutet“, sagte sie schließlich.
„Freiheit?“
„Freiheit. Unabhängigkeit. Und ein Ziel. Nach meiner Flucht wusste ich lange nicht, wohin und was ich tun sollte.“ Keine Zeit für ihre Lebensgeschichte. „Als ich die Magie fand, dachte ich, ich wäre am Ziel. – Damals dachte ich das.“
„Und jetzt? Wieso nur damals?“
„Weil ich seitdem alleine durch das Land reise immer auf der Suche nach anderen, die so sind wie ich und von denen ich lernen kann. Heute habe ich zum ersten Mal seit langem wieder einen Magier getroffen. Nur ist der schon eine Weile tot und sein Feuerdiamant ist weg. Wenn ich nicht sehr viel Glück habe, bin ich es auch bald. Pech, nicht wahr?“
„Feuerdiamant?“
„Der Fokus, den der Magier bei sich hatte. Ein Feuerdiamant. Ein kleiner, roter, durchsichtiger Edelstein. Ein ziemlich mächtiger Fokus.“
„Ach so“, antwortete Lira nachdenklich. Ein kurzes Schweigen breitete sich aus. Offenbar steckten auch die Beratungen draußen fest. Nichts tat sich.
„In Ordnung“, sagte Lira dann, „Ich möchte jetzt gehen. Hältst du Wort oder bin ich doch deine Geisel?“
Die Frage aller Fragen.
„Vielleicht halten deine Leute ja ihr Versprechen und lassen mich laufen. Was meinst du?“
„Vielleicht.“ Lira zuckte mit den Schultern.
Wohl eher nicht. Die Dörfler wollten eine Schuldige für den Mord und für das, was danach passiert war. Allenfalls würde man sie vielleicht nicht sofort lynchen, sondern bis zur Ankunft des Landvogts festhalten. Nur zog sie, nach dem was heute hier passiert war, einen schnellen Tod auf dem Scheiterhaufen oder im Fluss allem vor, was nach einem Prozess auf sie warten könnte. Aber sie hatte sich noch nie an Schwächeren vergriffen. Manchmal gab es unter den von den Wegelagerern überfallenen Handelszügen auch Frauen, die Chreb, ihr Anführer, und seine Männer dann gefangen nahmen und sich nachts mit ihnen „vergnügten“, wie sie es nannten. Sie lag dann etwas abseits vom Lager unter den Bäumen, hörte das Heulen der Frauen und ihr war speiübel. Aber zugleich war sie froh über die Nacht alleine, eine Erkenntnis über sich selbst, die ihre Übelkeit nur noch verstärkte.
Ëlora schob die unwillkommene Erinnerung beiseite.
„Klettere durch das Fenster. – Und vergiss nicht, deine Eltern wissen nicht alles. Und schon gar nicht dieser Pater Markan von den Erleuchteten.“ Sie lächelte schwach.
Lira schaute sie einen Moment unbewegt an, schien zu überlegen, ob sie ihr glauben sollte oder, wenn sie sich umdrehte, einen Dolch im Rücken hätte. Dann setzte sie sich rittlings auf die kleine Fensterbank und begann langsam, ohne Ëlora aus den Augen zu lassen, aus dem Fenster zu klettern. Die Fenster waren klein, selbst für ein Kind und an der Außenseite etwas zu hoch über dem Boden, um ohne Probleme hindurch zu steigen. Wahrscheinlich der Grund, warum sie noch am Leben war. Schließlich saß Lira mit den Beinen nach außen im Fensterrahmen.
„Schnell, Mädchen! Komm her. Beeil dich doch!“, erscholl Gramans Stimme von draußen. Ein Fehler. Dies hier war ein großer Fehler. Sie durfte das Mädchen auf keinen Fall laufen lassen. Sie würde dafür sterben. Lira war ihre einzige Chance. Sie schloss die Augen, musste den Drang unterdrücken, aufzuspringen, die Kleine zu packen und zurück in ihr Gefängnis zuziehen. Aber Lira hatte es nicht sonderlich eilig.
„Ëlora?“
„Ja?“ Hau doch endlich ab.
„Wenn ich dir helfe, hier herauszukommen, wirst du dann weder meinen Eltern noch sonst jemanden von meinem Dorf etwas antun?“
Ëlora öffnete die Augen. Lira saß immer noch im Fensterrahmen. Was sollte das?
„Wie willst du mir denn helfen können?“
„Versprichst Du ’s?“
„Wenn du mir entkommen hilfst, werde ich dafür alles tun, was du willst.“ Lächerlich. Sie machte sich zu einer Witzfigur vor diesem Kind.
Wieder dieser forschende Blick.
„Den Fokus, den du suchst, hat nicht der Mörder gefunden. Er liegt in einem Kästchen unter meiner Matratze in unserem Schlafzimmer – neben dem Badezimmer.“
Ëlora brauchte einen Moment um zu verstehen.
„Wie …?“
„Ich war heute mittag in dem Zimmer und wollte mir die Leiche ansehen.“ Sie lächelte auf einmal fast spitzbübisch. „Ich bin wohl ziemlich neugierig und eine geschlossene Tür ist in diesem Haus kein großes Hindernis. Jedenfalls ließ sich ein Stein in der Schwertscheide abnehmen. Vater hätte ihn bestimmt dran gelassen und er hätte nur die Schatzkammer des Landlords bereichert.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, er ist bestimmt wertvoll und bei uns besser aufgehoben.“
Ëlora war im ersten Moment sprachlos, musste dann aber lächeln. „Dann lass deinen Vater mal besser nicht wissen, dass du in seinem Haus Eigentum des Landlords klaust.“
Lira grinste zurück. „Mein Vater hat vor zu vielen Dingen Angst. Deshalb weiß er auch vieles über mich nicht.“ Mit diesen Worten sprang sie aus dem Fenster und verschwand. Ëlora sprang auf und rannte zum Fenster, achtete aber darauf, nicht von draußen sichtbar zu sein.
„Lira?“
„Ja?“, ertönte ihre Stimme unter dem Fenster.
„Danke.“
„Sieh zu, dass du hier lebend weg kommst – und halt dein Versprechen.“
Liras Schritte entfernten sich. Jetzt war Eile geboten. Ëlora rannte in den beschriebenen Raum, in Gedanken bereits an einem Fluchtplan arbeitend. Es war ein einzelner Schlafraum für die ganze Familie, für Lira war eine Nische mit einem großen Tuch abgehängt um ein Minimum an Privatsphäre zu ermöglichen. Warum sie wohl keines der beiden Zimmer oben bekommen hatte? Mit zitternden Händen griff Ëlora unter die Matratze und fühlt fast sofort ein flaches Kästchen. Sie zog es hervor, öffnete den Deckel mit angehaltenem Atem.
Der Feuerdiamant war unglaublich schön. Außer in ihrer Vision während der Beschwörung hatte sie noch nie einen so mächtigen Fokus gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten. Ihr kleiner Zirkel in Iras’Tar hatte einiges über Fokusse gewusst und sie hatte mal eine Federzeichnung und eine Beschreibung gesehen, aber nichts war mit diesem Anblick vergleichbar.
Die Schönheit der Steine war freilich rein äußerlich: In den abgelegenen Minen tief im Wüstental von Roharîon, der einzigen Fundstelle der Feuerdiamanten, starben bis heute jedes Jahr Hunderte von Minensklaven unter der Peitsche der Elfenmagier und einige der grausamsten Schlachten und Feldzüge der Magierkriege waren um diese mächtigen Fokusse ausgetragen worden. Beides hatte den Steinen im Volksmund den Beinamen ‚Blutsteine‘ eingebracht. Aber das hatte Lira ausnahmsweise offenbar nicht gewusst. Und Ëlora konnte den Bau der Welt nicht ändern.
Sie berührte den Stein und vergaß für einen Moment alles um sich herum, Lira, die E’minarhei, den toten Elfen und ihre eigene missliche Lage. Sie hatte erwartet, wie gewohnt eine Tür zu finden, wollte sich konzentrieren und nach der Magie greifen. Aber da war keine Tür: Durch ein großes Tor stürzte das magische Meer auf sie zu, überschwemmte sie. Nicht sie griff nach der Magie, die Magie griff nach ihr, füllte sie, erfüllte sie. Die feinen Härchen auf ihren Armen und in ihrem Nacken richteten sich auf in einer Art elektrischer Spannung, ein prickelndes Gefühl lief durch ihren ganzen Körper und als es ihren Kopf erreichte, versetzte es sie in einen Rausch, eine Ekstase, wie sie noch nie eine gekannt hatte. Ihre Beine trugen sie nicht mehr, sie ging in die Knie, legte ihren Kopf in den Nacken und fing an zu lachen.
Nach den vielen Jahren erfolgloser Suche in den größten Städten und Metropolen Elúsias fiel ihr hier, in einem kleinen Kaff eine Macht in den Schoß, die größer war als alles, was sie sich je hätte vorstellen können. Und größer als alles, was sie ohne bessere Ausbildung jemals würde beherrschen können. Hiermit konnte man Dinge tun, gegen die alles, was sie kannte unbedeutende Kinderspiele waren. Nur hatte sie keine Ahnung wie. Dieser Stein war ein Schlüssel – was ihr fehlte, war die Tür dazu.
„Das war eine gute Entscheidung von dir, Lira gehen zu lassen, Hexe!“ Gramans Stimme brachte sie augenblicklich in die Realität zurück. „Jetzt sei weiter so klug, ergib dich und wirf deinen Fokus heraus, dann werden wir dich hier festhalten bis der Landvogt kommt und von uns wird dir kein Leid geschehen!“
Sie stellte sich ans nächste Fenster. Lira hatte also wie erwartet niemanden von ihrer Harmlosigkeit überzeugen können.
„Ihr habt versprochen, mich gehen zu lassen!“
„Das können wir nicht. Wenn der Landvogt erfährt, dass wir eine Hexe haben laufen lassen, wird er uns alle bestrafen. – Ergib dich, oder wir stecken das Haus über deinem Kopf an!“
Sein eigenes Haus anzünden? Würde er wirklich so weit gehen? Vermutlich ja. Zum einen drohte den Dörflern wirklich Ärger, wenn sie Ëlora einfach gehen ließen. Umgekehrt gab es in vielen Gegenden Kopfgeld für ergriffene Magier, meist sogar in Gold und nicht wenig. Zu beweisen, dass sie tatsächlich eine Magierin war, war nicht schwer, denn ob tot oder lebendig würde man bei ihr den Fokus finden. Außerdem würde sie auch für den Mord die Hauptverdächtige sein und viel Aufmerksamkeit vom Dorf ablenken.
Was sollte sie tun? Wenn sie den leeren Milchkristall abnahm und nach draußen warf, könnte sie den Feuerdiamanten an ihrem Körper verstecken, sich ergeben und hoffen, später in einem günstigen Augenblick zu fliehen. Andererseits würde man sie wohl durchsuchen und sie wusste auch nicht, wo ihre anderen Sachen aufbewahrt werden würden. Ihre Bücher konnte sie auf keinen Fall zurücklassen.
„Was ist? Ergib dich, gegen uns alle hast du keine Chance!“
Zeit. Sie brauchte etwas Zeit für einen Plan.
„Gib mir Bedenkzeit!“
„Fünf Minuten, mehr nicht!“, kam es nach kurzem Zögern zurück.
Was konnte sie tun? Mit ihrem neuen Fokus hätte sie sich vermutlich den Weg frei sprengen können. Wenn sie wüsste, wie man die benötigte Menge der Energie kontrollieren könnte, hieß das. Mit ihren Pfeilen würde sie gegen die Masse da draußen nicht weit kommen. Außerdem stand sie im Wort, niemanden zu töten. Ein Blick aus dem Fenster überzeugte sie von der Aussichtslosigkeit eines überraschenden Ausbruchversuchs, ein dichter Ring aus Menschen umgab das ganze Haus. Es war zum Verzweifeln. Jeder Gedanke an eine Flucht, zumal ohne Gewalt, war eine Illusion …
Illusion. Eine Illusion, die ihr die notwendige Ablenkung verschaffte. Hunde vielleicht. Sie eilte durch das Haus, warf einen kurzen Blick in den benachbarten Stall. Die Stute stand immer noch angeleint in der Ecke, niemand hatte daran gedacht sie zu holen. Ein Blick an die Decke und auf die spärlichen, feuchten Strohreste. Ja, das könnte gehen. Ihr Reisesack lag oben in dem Zimmer, in dem sie eigentlich hätte übernachten sollen, unterwegs wäre sie fast über Kristans Leiche gestolpert, die noch immer vergessen am Fuß der Treppe lag. Oben zerrte sie mit fliegenden Händen ein Buch nach dem anderen hervor. Es waren viel mehr, als von außen betrachtet in dem kleinen Beutel eigentlich hätten Platz finden dürfen, aber das war eine seiner Besonderheiten. Fast noch mehr als sein Inhalt war der unscheinbare Sack selber ein wertvoller Besitz.
Sie suchte ein spezielles Buch heraus, blätterte es schnell durch, vertiefte sich in einen bestimmten Abschnitt. Mit Illusionen hatte sie nicht viel Erfahrung, es war schwierig, ihnen genügend Substanz zu verleihen und erforderte viel Energie von ihrem kleinen Milchkristall. Bisher waren ihr nur einige durchsichtige Schatten geglückt. Diese würden besser werden müssen, viel besser.
In aller Eile überflog sie den Text mehr als das sie ihn las. Ja, das war es. Anstatt wie früher nach der Magie zu greifen, öffnete sie sich ihr, schob das ekstatische Gefühl entschlossen beiseite und begann, ihre Fäden zu weben. Zwei große, schwarze Hunde erschienen aus dem Nichts. Leider war die gegenüberliegende Wand klar durch ihre Körper zu sehen. Ëlora unterdrückte ein Fluchen.
„Die Zeit ist um!“ Schon? „Kommst du jetzt heraus oder willst du mit dem Haus verbrennen?“
Sie hatte mal gesehen, wie eine von Chrebs gefangenen Frauen sich mit einem Dolch selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Jetzt wusste sie in etwa, wie der Frau zumute gewesen sein musste, aber so weit war sie noch nicht und vielleicht würde es so weit auch nicht kommen. „Wir wissen doch beide was mich erwartet, wenn ihr mich ausliefert!“, rief sie zurück. „Ich werde mich niemals ergeben!“
„Dann werden wir jetzt das Haus anzünden!“
Sie antwortete nicht mehr, konzentrierte sich stattdessen wieder auf ihre Hunde. Wenn Graman bereit war, sein eigenes Haus abzubrennen, konnte sie das nicht ändern. Vielleicht erwies sich der Feuerschein noch als Vorteil für sie.
Ëlora biss sich nervös auf die Lippen, die Zeit lief ihr davon. Endlich wurden die Illusionen etwas solider und die Wand hinter den Hunden begann zu verschwinden. Leider schrumpften sie zugleich, hatten schließlich nur noch die Größe von Katzen. Nicht sehr furchterregend. Aber das machte nichts, der nächste Versuch würde besser werden. Ëlora spürte, wie sie die Magie in den Griff bekam.
Ein Rascheln kündigte die erste Fackel an, die ihren Weg auf das schilfgedeckte Dach gefunden hatte und fast sofort begann es über ihrem Kopf zu knistern. Weitere Fackeln folgten und ein Geräusch unter ihr verriet, dass auch etwas durch die Fenster geworfen wurde. Aber Ëlora wusste jetzt, was sie tun würde. Schnell stopfte sie ihre Bücher zurück in den magischen Beutel, schnallte sich ihren Säbel um und eilte nach unten. Kleine Rauchfahnen fanden bereits ihren Weg durch die Decke. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Feuer ausbreitete war etwas überraschend nach dem Regen der vergangenen Tage, aber offensichtlich war nur die äußerste Schicht der Abdeckung feucht. Darunter brannte das Schilf wie Zunder. Im Zimmer blieben zwei ungewöhnlich kleine Hunde regungslos zurück. Irgendwann würden sie sich in Luft auflösen, aber wenn das Haus um sie herum schnell genug verbrannte, würden sie vorher eine Weile einfach so in der Luft schweben. Als Illusionen konnten sie weder verbrennen noch mussten sie der Schwerkraft gehorchen.
Im Schankraum steckten schon mehrere brennende Pfeile in den Wänden. Die meisten richteten keinen großen Schaden an, einige von den Gästen zurückgelassene Mäntel brannten in einer Ecke, ein Pfeil hatte genau die hinter der Bar in Regalen aufgestellten Spirituosen getroffen. Als Ëlora am unteren Ende der Treppe auftauchte, hörte sie gerade noch ein Zischen und ein weiterer Pfeil, ein normaler diesmal, zitterte neben ihr in der Wand. Sie warf sich auf den Boden und verwünschte sich für ihre Unvorsichtigkeit. Das Feuer erleuchtete den Raum hell und ihre Silhouette war für die Schützen draußen im Dunkeln ein einfaches Ziel. Auf dem Bauch kroch sie hastig Richtung Küche, aber zwischen ihr und der Tür war ein breiter, durch eines der Fenster von draußen gut einsehbarer Streifen. In der Wand steckten schon drei brennende Pfeile.
Das Feuer breitete sich jetzt sehr schnell aus und am anderen Ende des Raumes stopfte irgend jemand einen brennenden Strohballen durch das Fenster. Das hell erleuchtete Innere der Bar machte die Dörfler mutig. Wer auch immer sich so nah an das Haus herangewagt hatte, erhielt sicher von irgendwo aus der Dunkelheit Feuerschutz.
Ëlora wischte sich Schweiß und etwas Asche aus den Augen. Hatte sie sich verkalkuliert? Sie konnte sich in einem großen Spiegel hinter der Theke sehen, um sie herum breitete sich das Feuer aus, neben dem Spiegel stand das Regal mit den Schnäpsen in Flammen und in der Hitze begann sich das dünn gewalzte Metall zu verbiegen, ihr Spiegelbild zu verzerren. Für einen Moment war nicht zu erkennen, ob der Raum um sie herum brannte, oder ob es sie selbst war, die in Flammen stand.
Sie musste in die Küche. Mit angespanntem Körper, schnellte sie nach oben und sprang mit einem Satz durch das Schussfeld des Schützen. Knapp hinter ihr schlugen zwei Pfeile mit einem dumpfen Geräusch in die Wand ein.
Hier war das Feuer noch nicht so groß, durch das einzige Küchenfenster waren drei Pfeile geschossen worden, hatten aber noch kaum Schaden anrichten können. Durch die Rillen zwischen den Holzbohlen in der Decke rieselte bereits heiße Asche herab und flackerndes Licht zeigte an, dass der Dachstuhl inzwischen lichterloh brannte. Die Tür zum Stall stand offen, sie hatte noch etwas Zeit und ging noch einmal in den Schlafraum, immer im Schatten der Fenster bleibend.
Die Läden des einzigen Fensters waren von innen geschlossen und die Anstrengungen ihrer Belagerer hatten sich erkennbar zunächst auf den Barraum konzentriert. Kein Feuer hier. Das kleine Kästchen lag noch immer dort, wo sie es achtlos auf das Laken gelegt hatte. Jetzt betrachtete sie es zum ersten Mal genauer. Das Mädchen hatte auf dem Deckel ihren Namen geritzt, es enthielt nur noch einigen unnützen Kleinkram, Dinge die ein junges Mädchen eben aufheben mochte: Ein seltsam geformter, aber gewöhnlicher Stein, ein kleiner Haarbüschel von irgendeinem Tier, vielleicht einer Ziege und eine kleine, scheinbar sehr alte Kupfermünze. Vielleicht eine Fundsache auf dem Feld.
Ëlora griff in ihre Tasche und kramte ein kleines, sehr abgegriffenes Buch hervor. Es war jenes, das einst Teil einer Diebesbeute von Chrebs Bande gewesen war und sie kannte es auswendig. Sie legte es in das Kästchen zusammen mit einem geschliffenen, schwarzen Obsidiansplitter – ein kleiner, sehr schwacher Fokus, zum Üben genau das richtige. Die Splitter stammten direkt vom Kraterrand und waren die einzigen Fokusse, die es im Überfluss gab. Lira hätte mehr verdient, und Ëlora war sich nicht einmal sicher, ob das Mädchen ihr Geschenk überhaupt schätzen würde, aber es war das einzige, was sie entbehren konnte. Sie schloss den Deckel und legte einen kleinen Verschlusszauber auf das Kästchen. Niemand außer der Trägerin des Namens auf dem Deckel würde es als nächstes öffnen können. Das war aber nicht das wichtigste. Das wichtigste war, das verzauberte Gegenstände nicht brannten. Das Kästchen würde morgen irgendwann unversehrt in den Trümmern des Hauses gefunden werden und Ëlora hoffte sehr, es würde Lira sein.
Zurück im Stall war das Feuer wie erwartet noch nicht sehr groß: Das Dach war aus einfachen Brettern zusammengezimmert, die schlechter isolierten als das Schilf, aber auch schwerer brannten, insbesondere wenn sie wie jetzt feucht waren. Der Regen war durch das Dach getropft, überall waren große Pfützen und die wenigen eingelagerten Heu- und Strohreste reichten dem Feuer nicht als Nahrung, waren überdies ebenfalls nass. Auch hier waren brennende Strohballen durch die beiden Fenster gestopft worden, und würden die dünnen Holzwände bald trotz der Feuchtigkeit entzünden, aber im Moment waren hier nur einzelne Feuer in den Ecken.
Die Flammen und der Geruch von Rauch hatten die fuchsrote Stute in helle Panik versetzt: Fest angebunden zerrte sie mit rollenden Augen verzweifelt am Zügel. Ëlora ging zu dem Pferd, legte ihm eine Hand auf die Nüstern und wollte gerade einen kleinen magischen Trick anwenden um die Stute zu beruhigen, als sich das Tier zu ihrer Überraschung von selbst entspannte und sie aufmerksam betrachtete. Offenbar war sie so gut erzogen, dass ihre bloße Anwesenheit die Stute überzeugte, nun käme alles in Ordnung. Ungewöhnlich angesichts der Tatsache, dass sie für das an Elfen gewöhnte Tier ein merkwürdig riechender Mensch sein musste. Vielleicht lag es ja daran, dass sie schon am Nachmittag Freundschaft geschlossen hatten.
Sie warf dem Tier den Sattel über, band es los und sprang auf. Nacheinander tauchten insgesamt acht große und schwarze Hunde um Ëlora herum aus dem Nichts auf. Die Stute schien derlei gewohnt zu sein, oder ließ sich von Illusionen einfach nicht beeindrucken, jedenfalls ignorierte sie die Neuankömmlinge komplett. Auf einmal fingen die Augen der Hunde an, in einem unnatürlichen Rot zu leuchten. Sie hätte noch furchterregendere Monster erzeugen können, aber Glaubwürdigkeit war hier wichtiger als der Schockeffekt; also, nicht übertreiben.
Ëlora wartete noch einige Minuten während sich das Feuer um sie langsam ausbreitete. Ihre Chancen würden am besten sein, wenn auch der Stall schon lichterloh in Flammen stand, aber das Haus noch nicht so weit niedergebrannt, dass ihre Belagerer sich allein auf den Stall konzentrieren konnten. Ihre Illusionshunde hatten keine echte Substanz, sollten auch keine haben, denn sie durfte niemanden verletzten. Ohne Substanz konnten sie aber nur eine kurze Ablenkung sein und das unstete Licht des hell flackernden Feuers mochte ihr vielleicht einige zusätzliche Sekunden verschaffen.
Das Pferd unter ihr stampfte etwas unruhig mit den Hufen und das rote Fell glänzte feucht vom Schweiß, aber das Tier blieb geduldig. Sie beugte sich vor, strich der Stute über den Hals und sprach ihr leise ins Ohr. Ob Lira ihr vertraute?
Dann war es soweit: Das Feuer hatte das Tor vor ihr und auch das als Riegel dienende leichte Brett erfasst. Ëlora öffnete sich noch einmal der Magie. Um sie herum erhob sich ein magischer Windstoß, der das brennende Tor wie ein Faustschlag traf. Das Holz zitterte, die Torflügel bogen sich etwas nach außen. Noch einmal. Wieder erhob sich der Wind, wieder traf der Faustschlag und diesmal gab das Tor nach, die brennenden Flügel schwangen nach außen und umrahmt von knisternden Flammen zeichnete sich der schwarze Nachthimmel ab. Im selben Moment schickte Ëlora ihre Hunde los. Sie hätte nicht sagen können, wie sie es genau machte, aber als sie wollte, dass die Hunde los rannten, folgten die Illusionen ihrem Wunsch wie einem gesprochenen Befehl. Sie gab der Stute mit den Knien ein Zeichen von dem sie hoffte, sie würde es verstehen und tatsächlich raste das Tier hinter den Illusionen her in die Dunkelheit.
Nach der Helligkeit des brennenden Stalls konnte sie draußen kaum etwas erkennen, das war der Nachteil. Vier ihrer Illusionshunde waren nach rechts Richtung Fluss gelaufen und sollten die Meute direkt vor dem brennenden Gasthaus eine Weile beschäftigen, ihr so den Rücken freihalten. Die anderen vier waren nach links Richtung Felder und Wald gerannt, wo sie hoffentlich etwas Chaos in den dichten Ring aus Menschen brachten und so eine Lücke öffneten. In diese Richtung lenkte sie ihr Pferd, in den Wäldern wäre sie in Sicherheit.
In der Dunkelheit waren erschreckte und wütende Ausrufe zu hören. Kein Hundegebell. Nächstes Mal sollte ich meinen Illusionen auch eine passende Geräuschkulisse geben. Hoffentlich gab es ein nächstes Mal.
Etwas traf sie schmerzhaft am Rücken, prallte dann aber harmlos ab. Ein geschleuderter Stein wahrscheinlich. Sie machte sich auf dem Rücken der Stute möglichst klein. Einige weitere Geschosse flogen in der Dunkelheit an ihr vorüber, mehr zu fühlen als zu sehen.
Von einem Moment auf den nächsten tauchten plötzlich drei, nein vier im flackernden Licht irgendeiner nahen Fackel nur schemenhaft zu erkennende Gestalten in ihrem Weg auf. Sie hielten lange, schwere Holzspieße in der Hand, deren stumpfe Enden im schlammigen Boden zu ihren Füßen versenkt waren und deren Spitzen sich ihr und ihrem Reittier wie ein tödliches Versprechen entgegen reckten.
Fluchend versuchte Ëlora, ihr Pferd zu bremsen und einen Weg an der Barrikade vorbei zu finden, als von irgendwoher die rotglühenden Augen eines ihrer Hunde angeschossen kamen, dann noch ein Zweiter. Die Illusionen stürzten sich geradewegs auf die Männer mit ihren selbstgebauten Piken, zwei ließen die Spieße sofort fallen und wandten sich zur Flucht, ein anderer versuchte, mit dem hölzernen Schaft auf ein Tier einzuschlagen, aber als sein Spieß durch die Illusion glitt, verlor er das Gleichgewicht und fiel in den Schlamm, der Hund löste sich auf. Nur der äußerste Pikenträger hielt die Stellung.
Das kriegserfahrene Pferd hatte die neue Situation sofort erkannt, beschleunigte wieder und hielt ohne Ëloras Zutun genau auf die entstandene Lücke zu. Das kurze Intermezzo hatte aber genug Schwung gekostet, um den Schützen überall im Dunkeln ein wesentlich einfacheres Ziel zu bieten: Sie fühlte gerade noch einen Schatten wie ein Pfeil gefährlich nahe über ihren Rücken streichen, bevor sie plötzlich einen heftigen Schlag gegen die Schläfe erhielt. Einen kurzen Augenblick verschwand die Welt um sie herum und im nächsten Moment wunderte sie sich, immer noch im Sattel zu sitzen. Alles drehte sich, flüchtig fühlte sie die Stute über etwas am Boden hinweg springen, wohl den gestürzten Bauern; neben ihr aus der Dunkelheit auftauchend eine schemenhafte Gestalt, erfolglos nach ihr stechend mit einem für diese Art des Einsatzes viel zu schweren Spieß.
Dann hatte sie den Ring aus Menschen hinter sich, vor ihr war nur noch die Nacht. Mit Mühe drehte sie den schwindelnden Kopf. Vor den lodernden Flammen zeichneten sich die Umrisse vieler Gestalten ab, einige immer noch mit ihren Hunden beschäftigt, aber jetzt, wo sie fort war, würde man kurzen Prozess mit ihnen machen und die Tiere sich schnell auflösen. Keiner folgte ihr. Wie auch? Selbst wenn einer der reicheren Bauern ein Pferd hätte, was ziemlich unwahrscheinlich war, könnte doch kaum irgendein Ackergaul mit einem ausgebildeten Schlachtross mithalten, selbst einem alten Tier wie ihrem.
Während das Dorf hinter ihr in der Dunkelheit verschwand hatte sie zum ersten Mal Zeit, sich genauer mit ihrer Verletzung zu beschäftigen. Ein so genauer Kopftreffer, wohl irgendein Stein, hätte sie normalerweise entweder direkt umbringen oder doch zumindest aus dem Sattel werfen müssen, was in etwa auf das gleiche hinausgelaufen wäre. Sie fühlte Blut in ihr Auge und ihren Hals herablaufen. Ihre linke Gesichtshälfte war zu betäubt, um irgendwelche Sinneswahrnehmungen jenseits dieses dumpfen, pochenden Schmerzes mitzuteilen. Vielleicht sollte sie dafür dankbar sein.

Als Ëlora zwei Stunden später auch die Felder hinter sich ließ und den Waldrand erreichte, hatte der Himmel eine dunkle, blutrote Färbung angenommen. Die Wolkendecke war zu ihrer Überraschung an einigen Stellen aufgerissen und Nera, die zweite, schwächere Sonne Elúsias würde bald aufgehen. In dieser Jahreszeit waren die eigentlichen Nächte kurz, für eine Weile würde sie den Himmel für sich alleine haben und die Welt in einem ungewissen, rötlichen Dämmerlicht baden; nicht wirklich mehr dunkle Nacht, aber auch nicht heller Tag, bis La-ira die helle und warme Sonne aufging und die Schatten vertrieb.
Die düstere Atmosphäre passte perfekt zu ihrer Stimmung. Nur weil sie heute mehr als einmal viel Glück gehabt hatte war sie noch am Leben. Glück zum Überleben zu brauchen hieß aber immer, die Kontrolle verloren zu haben, zu unvorsichtig gewesen zu sein. Angefangen von ihrem kleinen Experiment in Sachen Nekromantie hatte sie heute fast alles falsch gemacht, was sie falsch machen konnte. Wenn sie so alt werden wollte wie das Pferd unter ihr würde erheblich vorsichtiger werden müssen. Glück hielt nicht ewig, auch nicht mit einem Feuerdiamanten.
Ihre Wunde hatte sich als eine ziemlich üble Platzwunde erwiesen, die auch jetzt noch vor sich hin blutete; hoffentlich entzündete sie sich nicht. Ihrem Schwindelgefühl und ihrer Übelkeit nach zu urteilen hatte sie wohl auch eine Gehirnerschütterung davongetragen, zweimal hatte bisher kotzen müssen. Das Pferd war unverletzt, das war aber auch die einzige gute Nachricht.
Sie würde Broud folgen, so gefährlich er auch sein mochte, er war ihre einzige Spur. Sie seufzte. Bis nach Nirtar war es allerdings ein weiter Weg und sie hatte mehr als genug Probleme. Unmittelbar hinter den ersten Bäumen hatte sie auf einmal Hufgetrappel gehört und sich gerade noch hinter ein paar Büschen verstecken können. Eine Gruppe von Reitern war aus dem Hohlweg aufgetaucht und achtlos an ihr vorbei geritten, aber zu dieser Tageszeit und in dieser Eile konnte es nur der erwartete Landvogt in Begleitung einiger Krieger sein. Von wegen drei Tage. In etwa einer Stunde würden sie im Dorf eintreffen und kurze Zeit später sich einige seiner Reiter auf ihre Verfolgung machen, wahrscheinlich ein Fährtenleser unter ihnen. Man würde sie wegen Hexerei, Nekromantie und dem Mord suchen und die Elfen auf der E’minarhei mit ihrem schnellen Dampfer das Wort von der Hexe auf der Flucht schnell in die Dörfer weiter oben am Tessâdon tragen. Die Nachricht von ihren vermeintlichen Verbrechen würde ihr bald vorauseilen.
Wahrscheinlich sollte sie sich weniger Gedanken um diesen verfluchten Magier machen und sich statt dessen darauf konzentrieren, die nächsten Tage und Wochen zu überleben. Für diese Aufgabe würde sie all ihr Können und Wissen brauchen. Sie seufzte abermals. Und Glück.

© 2002 by Niels-Arne Münch

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