Sartory, Lisa: Der nächste Mann

„Beim nächsten Mann wird alles anders“ – was für eine brave und naive Wunschvor­stel­lung. Was soll schon anders werden beim nächsten Mann, wenn wir nicht endlich lernen, bereits bei der Auswahl des „Nächsten“ genau so wählerisch zu sein, wie wir es beim Kauf eines neuen Pullis schon längst sind.

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Anstatt Ruhe zu bewahren, wenn wir wieder einmal alleine unsere Wochenenden verbrin­gen müssen, laufen wir aufgeputzt und mit Radarblick durch die Kneipen und Parkanla­gen um am Ende unserer Kräfte angelangt, dankbar und kuhäugig jeden Tropf zu akzeptieren.

Was also soll dabei tatsächlich anders werden? Begreifen wir doch ein für alle mal was wir doch schon längst ganz genau wissen: 2. Wahl vom Ramschtisch im Schluß­verkauf be­währt sich nicht!

Wie aber fangen wir es an, uns den nächsten Mann gezielt und in Ruhe auszusu­chen? Dazu müssen wir eines wissen: „Männer sind alle gleich, es gibt nur verschie­dene Arten“. Diese Aussage existiert schon, solange sich Frauen artikulieren können. Warum also sollten wir unseren Altvorderen eine Weisheit absprechen, die noch heute Gültigkeit hat?

Darum auf zur gezielten Suche:

Es gibt ihn tatsächlich, den kleinen Unterschied bei den Männern. Und der heißt Egoismus = Selbstsucht. Als erstes gilt es daher herauszufinden, wieviel männlichen Egoismus wir unserem eigenen zumuten wollen.

Denn mit unserem eigenen Egoismus müssen wir entscheiden, ob wir uns selbstlos für ihn aufopfern, ob wir benutzen oder benutzt werden oder ob wir versorgen oder versorgt sein wollen. Kurz: Ob wir auf einen beinharten Arnold, auf einen neuroti­schen Woody oder etwa auf einen Saubermann Typ Michael Schanze stehen.

Haben wir das mit uns selbst abgeklärt, müssen wir unbedingt noch einen wichtigen Punkt bei unserer Suche nach dem nächsten Mann berücksichtigen:

Eines unserer heutigen großen Frauenprobleme ist die Emanzipation. Das Wortspiel „Emanzipation = Emanze = häßlich = Mannweib = Kernseife = Lesbe = unbefriedigt“ wurde vom Mann geprägt. Damit wissen wir also, daß Männer Angst vor Frauen ha­ben und das erschwert die Suche nach dem für uns richtigen Mann ungemein. Männer – und ganz besonders erschreckte Männer – sind Meister der Tarnung. Sie verstehen es nahezu perfekt, ihren wahren Egoismus zu verschlei­ern und uns zu täu­schen.

Wo aber finden wir Männer?

Überall. Auf der Straße (im Rudel mutig), auf der Verkupplungsparty der besten Freundin (… Heinz-Georg ist so ein lieber….), auf der Kunstausstellung (…fühlst Du die Message…), im Rockkonzert (… der Peter spricht genau aus was ich fühle …), in Dis­kussionskursen über die verschiedenen Teesorten Indiens, in mehr oder weniger ed­len Discos (… sind Sie öfters hier …) oder auch in der Kneipe nebenan.

Es gibt mehr Lonely – Rider als man glauben mag und nicht alle kommentieren als Chouch-Trainer in ausgeleierten Jogginghosen die Nationalelf.

Nun zu den verschiedenen Arten:

Da gibt es den Hausmann, bei dem wir am Anfang schon mal die Steckkissen auf dem Sofa durcheinander bringen dürfen. Später ist das dann natürlich verboten. Ein Mann fürs saubere Leben – aber Vorsicht: Dieser Mann ist nichts für die notorischen Schlampen unter uns.

Oder fühlen sich einige unter uns zu dem Typ Softi hingezogen, der sich seit seinem Män­nererfahrungskurs an der VHS streng von jedem Macho distanziert und uns, während wir liebevoll seine Edelhemden mit der Hand waschen dürfen erklärt, wie sehr er die ausge­beuteten Frauen, die Neger der Nation, versteht ? Dieser Mann ist nur etwas für die ganz Starken mit Hang zum Masochismus unter uns.

Leichter und bedeutend unterhaltsamer dürfte der ewige Party-Gag, der sich ge­schmeichelt Playboy nennt, sein. Finden können wir diesen Mann in jeder Kneipe, in Discos etc., denn er ist der selbsternannte Lokalmatador. Bei disem Typ Mann benö­tigen mehr als eine rheinische Frohnatur, um auch zum hundersten Male laut und deutlich über seine gehaltsarmen Witze lachen können. Nur was für die ganz Ver­zweifelten unter uns.

Dann gibt es da noch den Klammerer, den es nachts vor unserer Haustür auf und ab treibt und dem wir es zu verdanken haben, daß unserer Anrufbeantworter wochen­lang auf Dauerbetrieb geschaltet bleibt. Und da ist noch der depressive No-Future-Typ, der uns mit sei­nen endlosen Lamentieren über die Treulosigkeit der Frauen und der Welt allgemein zuerst das Lachen von den rotgeschminkten Lippen und zu guter Letzt uns selbst bei Nacht und Nebel aus seiner Wohnung treibt. Wenn wir diese Art Mann wollen, müssen wir uns nicht nur einen Anrufbeantworter anschaffen. Ein war­mer Mantel und bequeme Schuhe sollten ebenfalls immer griffbereit in unserer Nähe sein.

Kurz zu erwähnen wäre auch noch die neutorisch schüchterne und verklemmte Art Mann, deren nervöse und schweißige Hände uns bereits beim harmlosen Tanz stark frustrierende Sekunden im Bett erahnen las­sen.

Oder der gemütliche „Man gönnt sich ja sonst nichts“ –Mann. Warum um Himmels­willen wollen wir uns gerade so einen gönnen ?

Interessanter wird es wieder bei folgenden Männerarten: Dem Selfmade-Business-Handy-Camel-Mann und dem gut situiertem, sympathischen, ewigen Junggesellen
mit dem Pro­fessor-Higgins-Syndrom. Sie beide für uns zu gewinnen ist relativ einfach und problemlos. Außer guter Schminktechnik und mittelmäßiger Schauspielkunst wird nicht viel von uns erwartet. Prof. Higgins begegnen wir mit kindlich naivem Oh-Oh-Oh – Mund und lassen uns von ihm endlich, endlich zur Frau erwecken. Doch bitte hier nicht zu früh erwachsen werden, denn bei übereiltem Vorgehen unsererseits wären größere Potenzprobleme sei­nerseits die unabwendbare Folge.

Dem Camel-Handy-Mann, erkennbar auch an den weichen Lederstiefeln und der Desi­gnerjeans, begegnen wir als mega-coole Katzenfrau, die er mit spöttischem Blick und männlich schmalen Lippen bezwingen darf. Lassen wir ihm und uns die Freude – doch genießen wir schweigend, denn sein Gesprächsniveau geht selten über der Betriebsanweisung fürs neue Handy und dem Superangebot im Camel-Shop hinaus.

Alle diese Männer sind relativ harmlos für uns, da leicht zu erkennen und zu ent­tar­nen. Gefährlicher für alle Suchenden unter uns sind z.B. die sanftmütigen geschie­denen Väter, die uns bereits in der ersten Minute ausführlich über die dramatische Hausgeburt der Tochter aufklären und zu denen wir neben unserer leidgeprüften Vergangenheit auch schon mal die Katze mitbringen dürfen.

Oder der verträumte Künstler ohne Socken, so unerhört avantgardistisch in seinem schwarzen Outfit über weißer Brust, den wir listig von unseren körperlichen Schwin­gungen statt materialistischem Denken überzeugen müssen um in sein heiß begehr­tes Lotterbett zu gelangen.

Äußerst gefährlich für unser Seelenheil ist auch der ewig uneigennützige Freund, bei dem wir uns mal richtig ausweinen können, der uns auf ein Podest stellt und in ewig unerfüllter Liebe zu uns leidet und leidet und leidet. Begehen wir jedoch den Fehler ihn zu erhören, wird er uns leiden und leiden und leiden lassen.

Suchen wir uns also einen davon aus.

Unbedingt NEIN sagen wir aber auf jedem Fall zu dem ewigen Lausbuben mit der perfekt ko­chenden Mutter. Wir zeigen uns ebenso undankbar zum Typ „ Mon-Cheri vom Kiosk an der Ecke“ wie auch zum Typ „Piccolo aus dem Aldi-Sonderange­bot“.

JA, JA, JA sagen wir erst, wenn wir ihn und uns genau getestet haben und unsere Zuge­ständnisse für ein Leben mit ihm unser Nervenkostüm, unseren Kühlschrank und auch un­ser Bankkonto aller Voraussicht nach nicht über Gebühr belastet wird (ganz ohne Zuge­ständnisse wird es nicht gehen – kein Mann ist perfekt).

Sicher unangenehme Überraschungen können wir trotzdem nicht völlig verhindern. Mögli­cherweise entpuppt sich der knallharte Handy-Mann übergangslos zu Mama`s Bestem oder wir entdecken im selbstverständlich staubfreiem Barfach des Mister Saubermann fein säuberlich abgeheftete Hardcore-Pornos. Auch müssen wir darauf gefaßt sein, daß der körperschwingende Künstler-Typ mit dem Go-West-Blick und der animalischen Aus­strahlung sich als unser Kontenverwalter bei der Sparkasse ent­puppt.

Die Tarnung mancher Männer ist eben meisterhaft.

Sollten wir trotz gezieltem Auswahl-Vorgehen doch noch zu oft einem plötzliche schmerz­haften Erwachen ausgesetzt werden, ist ausgiebiges Erfahrungssammeln an­gesagt. Dabei verhalten wir uns wie mit der Speisekarte bei unserem Lieblingsitalie­ner: Wir probieren erst alles einmal durch und finden heraus, was uns am besten schmeckt. Um den Rest küm­mern wir uns nicht weiter, denn wer verdirbt sich denn schon freiwillig zweimal den Ma­gen?

Und dann endlich, endlich wird beim nächsten Mann wirklich alles anders – oder ?

3/2000

© 2000 by Lisa Sartory

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