Baasner, Birgit: Optikus Leiden

,,Gnädige Frau, ich kann Ihnen keine andere Auskunft geben als ihr Augenarzt.“ Optikermeister Schwäbli schüttelte bedauernd seinen Kopf.,, Ihre Augenschärfe könnte man glatt mit einem Adlerauge vergleichen. Sie sehen so scharf, wie ein Steakmesser.“
Elvira Gräfin zu Bachhaus-Stiel hob konsterniert die Augenbrauen.,, Mein lieber Herr Schwäbli, ich werde doch wohl am besten wissen, wie gut ich sehen kann. Erst heute morgen, als ich die Tageszeitung lesen wollte, konnte ich mit nur Mühe die Buchstaben entziffern. Und letzte Woche…..“
,,Frau Gräfin“, unterbrach Schwäbli den Redeschwall der Adligen,, ich versichere Ihnen, dass….“
,,….und letzte Woche“, fuhr Gräfin Elvira ungerührt fort ,, in der Boutique, es war ein Elend….Die Verkäuferin brachte mir ein sündhaft teures Kleid zur Anprobe. Es war violett, mit lauter kleinen Strassperlen. Entzückend, sag ich Ihnen….Was wollte ich noch?… Ach so, ja, also, das war mir sehr peinlich. Ich konnte noch nicht einmal das Preisschild lesen.“

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Optikermeister Schwäbli rollte mit den Augen.,, Ich versichere Ihnen nochmals….“
,, Sehen Sie hier.“ Die Gräfin griff ins Regal und hielt ihrem Gegenüber eine Brillenfassung hin.,, Die ist doch todschick. Ein Designermodell?“
,, Ja, aus Mailand…kostet ein bisschen was. Aber hören Sie…“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Frühstückskaffee stieß ihm sauer auf und seine Galle rumorte auch etwas. Wenn doch nur diese Nervensäge wieder hier raus wäre.
Sie setzte das Gestell auf und sah in den Spiegel.,, Oh, ich bin überrascht. Es sieht…wie soll ich sagen….Sehr edel sieht das aus.“ Die Gräfin nahm das Gestell ab und reichte es Herrn Schwäbli.,, Und da machen sie mir jetzt die passenden Gläser rein. Ich fahre morgen zu Kur und da will ich die Brille mit nehmen.“ Ihr Ton klang sehr entschieden.
,, Ja, einen Moment , gnädige Frau.“ Herr Schwäbli stand auf und ging in seine Werkstatt. Es hat ja keinen Sinn, dachte er, ich muss tun, was ich tun muss.
Nach einer viertel Stunde reichte er der Gräfin das gewünschte Modell, jetzt allerdings mit ein paar Gläsern darin.
Elvira Gräfin zu Bachhaus- Stil betrachtete sich im Spiegel und brachte vor lauter Entzücken kaum ein Wort heraus.,, Oh, Her Schwäbli, es ist herrlich…Und wie scharf ich jetzt sehen kann. Unfassbar.“ Eilig zahlte sie und verließ aus dem Laden.
Herr Schwäbli ging in sein Büro und genehmigte sich einen Weinbrand. Für heute war er bedient. Wenn er lauter solche Kunden hätte? Nicht auszudenken! Herr Schwäbli setzte sich in seinen Sessel und schloss die Augen. Er lächelte verschmitzt. In seinem ganzen Berufleben war ihm noch nie jemand begegnet, der durch Fensterglas besser sehen konnte.

© Birgit Baasner , November 2001

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