Barths, Sabine: Sarah

Sarah läuft schnell. Viel Zeit hat sie nicht. Ihre Mutter ist nur kurz zum Einkaufen gefahren und wird bestimmt in 2 Stunden zurück sein. Und wenn sie dann nicht zu Hause ist gibt es Ärger. Aber Sarah möchte unbedingt ihren Traum erleben. Der Traum war letzte Nacht so real, und die Botschaft so unmißverständlich.

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Sarah läuft und läuft, sie muß aufpassen, der Waldboden ist uneben. Aber da vorne sieht sie schon den See. Gleich hat sie es geschafft. Ganz außer Atem bleibt Sarah stehen. Und nun? Dies ist der Ort ihres Traumes, kein Zweifel, der blaue See, die Felsen dort am Ufer. Aber warum passiert dann nichts?

Sarah setzt sich in den Sand. Bisher war alles so wie geplant, sie hat sogar an die Gegenstände gedacht um die sie gebeten wurde. Ein Paket Zucker, goldenes Band und ein buntes Seidentuch. Sarah wird unruhig. Die Zeit verstreicht und nichts passiert. Hat sie vielleicht den falschen Tag erwischt, oder ist sie zu spät gekommen? Oder war es doch nur ein Traum und sie hat ihn falsch verstanden? Sarah kommen die Tränen, nie war sie so enttäuscht worden. Ganze Sturzbäche voller Wut und Enttäuschung strömen aus ihr heraus.

Plötzlich hört sie eine Stimme.
„Hast du eigentlich geglaubt, du kommst hier an und findest ein Königreich?“
„Ja!“ antwortet Sarah selbstbewußt.
„Meinst du etwa es passiert immer alles so wie du es willst?“
„Da habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. Es war halt immer so.“
Sarah schaut sich um, kann aber niemanden entdecken.
„Wo bist du? Warum versteckst du dich vor mir?“

Aber es blieb leise. Keiner antwortete auf Sarahs Frage. Sarah sucht überall, guckt hinter den Felsen nach, läuft wieder zum Waldrand, guckt in die Baumkronen. Plötzlich wird sie wütend. Sie stampft mit den Füßen und fängt an zu brüllen.

„Nun zeig dich schon. Ich weiß, dass es dich gibt, schließlich war die Stimme eben kein Traum. Also kannst du auch wieder hervorkommen und mir ein paar Fragen beantworten.“
Keine Reaktion.

„Warum habe ich dann den weiten Weg zurückgelegt? Hä? Warum habe ich meiner Mutter dann den Schal aus dem Schrank genommen? Warum musste ich unsere Köchin wegen dem Zucker anlügen?“

Vor lauter Wut und Tränen überschlug sich Sarahs Stimme.
Plötzlich ertönte die Stimme wieder.

„Ich weiss nicht warum du deine Mutter bestohlen hast. Ich weiß auch nicht warum du die Köchin angelogen hast. Aber vielleicht kannst du es mir ja erklären?“
„Weil du letzte Nacht zu mir gesagt hast ich soll diese Dinge mitbringen, dann würde ich ein Paradies sehen.“ Trotzig setzte Sarah sich wieder in den Sand.
„Hast du keine eigenen Tücher, keinen eigenen Zucker? Musst du unrechte Sachen begehen, nur damit du Spass haben kannst?“ fragte die Stimme sanft.
Sarah schniefte.

„Aber meine Tücher habe ich doch alle geschenkt bekommen. Und der Zucker ist für mein Pferd. Und, und ausserdem… . Was soll das hier jetzt überhaupt? Willst du mir ein schlechtes Gewissen einreden?“

„Nein, natürlich möchte ich das nicht. Ich möchte dir gerne helfen, liebe Sarah. Aber dazu musst du dich erstmal beruhigen. Dann legst du die Sachen alle auf einen Haufen. Auch das goldene Band, welches ja nun wirklich deins ist. Du scheinst es nicht mehr zu benötigen.“
Als Sarah die Mitbringsel ordentlich auf einen Felsen gelegt hatte, wirbelte plötzlich der Sand hoch und ein Höhleneingang wurde sichtbar.

„So mein Kind, nun komm!“ Die Stimme klang hohl aus der Höhle.
Sarah ging zögernd zum Eingang. Dort sah sie ein grünes Licht aus dem Innern der Höhle schimmern. Vorsichtig tastete sie sich vor. Das war alles nicht so wie erwartet, nicht so wie sie es wollte, so ging sonst niemand mit ihr um. Plötzlich stand sie in einer grossen Halle. Die Halle schimmerte grün, durch die Kuppel schien, wie durch Zauberei, die Sonne. Am Ende der Halle saß ein kleiner Zwerg auf einem Thron.

„So,“ sprach er: „dann können wir uns jetzt ja unterhalten.“
„Was hat das alles zu bedeuten?“ fragte Sarah. „Ich dachte hier würde ein Fest gefeiert werden. Mit Elfen und Zwergen.“

„Vielleicht sollte ich mich erstmal vorstellen. Ich bin Prinz Nuno. Und meistens lade ich auch Kinder hier ein und feiere mit ihnen ein Fest. Allerdings haben sich diese Kinder auch das Fest verdient. Die anderen Kinder kennen die Nächstenliebe, helfen Menschen in Not, sind nicht so selbstsüchtig. Bei dir liegt der Fall etwas anders.“

Sarah schaut den Zwerg beleidigt an. So spricht man nicht mit ihr. Sie wollte gerade etwas zu ihrer Verteidigung sagen, da unterbrach sie der Prinz.

„Ich sehe, du bist nicht sehr einsichtig. Komm mal mit, ich möchte dir etwas zeigen!“
Prinz Nuno führte Sarah durch einen Gang zu einem großen See. Im See sah Sarah sich wieder. Allerdings spielte die Szene im See sich zu Hause ab, im Wohnzimmer in einem alltäglichen Streit mit ihrer Mutter.

„Da hat sich bestimmt wieder die Köchin über mich beschwert. Und ich bekomme wieder den Ärger. Die wird doch bezahlt, die muß doch machen was ich will. Wozu wurde die sonst eingestellt?“ meint Sarah zu ihrer Verteidigung.

„Aber die Köchin ist nicht dein Hampelmann, liebe Sarah. Sie ist auch ein Mensch und hat Achtung verdient. So wie jeder Mensch. Und du gehst ja so mit allen Menschen um. Auch wenn es keine Hausangestellten sind. Hast du dich noch nie gefragt warum du keine Freunde hast? Warum du nie zu irgendwelchen Festen eingeladen wirst?“
Sarah schluckte, irgendwie hatte der Zwerg ja recht.

„Und nun?“ fragte sie.
„Da schau her.“ Prinz Nuno zeigte auf den See.
Es erschien ein Bild einer alten Frau die einsam in einem Sessel sitzt. Tiefe Falten zierten ihr vergrämtes Gesicht. Ihr Blick ging einsam ins Leere.
Plötzlich änderte sich das Bild. Die selbe alte Dame, mit lachenden Augen in ihrem liebenswerten Gesicht, viele Kinder um sie herum die Spass hatten. Die ganze Szene strahlte eine enorme Fröhlichkeit aus.

„Das bist beides du in 57 Jahren.“ erklärte Prinz Nuno. „Noch liegt es in deiner Hand wie sich dein Schicksal stellen wird. Und nun liebe Sarah geh nach Hause und denke nach. Triff deine Entscheidungen aus dem Herzen, dann werden wir uns wiedersehen.“

Sarah war ganz durcheinander. Jetzt sollte sie wieder weggeschickt werden. Sie hatte doch noch gar keinen Spass. Sarah schmollte. So schlimm ist sie doch nun auch nicht. Oder? Vielleicht sollte sie mal ihre Mutter fragen.

Prinz Nuno drückte ihr plötzlich einen Stein in die Hand, einen stinknormalen weißen Stein.
„Was soll ich denn damit?“ fragte sie.
„Der Stein wird dir helfen, trage ihn immer bei dir und verliere ihn nie.
Der Stein hat magische Kräfte, mißbrauche sie aber nicht. Denn dann wird der Stein grau, und alles ist verloren. Wirst du aber gute Taten vollbringen, nimmt der Stein eine leuchtendgrüne Farbe an. So, und nun geh nach Haus.“

Prinz Nuno klatschte zweimal in die Hände. Für Sekunden verdunkelte sich alles, und als Sarah wieder sehen konnte fand sie sich im Pferdestall wieder. Sarah rieb sich den Kopf. War das alles wahr? Oder war sie nur hier eingeschlafen und hat geträumt? Da findet sie den Stein vor sich auf dem Boden. Und plötzlich fiel ihr wieder alles ein. Die Gesichter der beiden alten Frauen, das Gesicht ihrer Mutter im See.
Schnell steckte sie den Stein in die Hosentasche und lief ins Haus.

© 2001 Sabine Barths

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