Biehn, Uwe: Der Abend der Uhr

SIR Arthur Cavendish kam heute nach einem langen Tag in seiner Kanzlei völlig entnervt nach Hause. Den grauen Regenmantel warf er über einen Stuhl in der Garderobe und rief nach seiner Haushälterin.
>> Wo sind meine Pantinen! Martha! << schrie er durch die Diele.
>> Entschuldigen sie SIR!, aber sie stehen wie immer neben dem kleinen schwarzen Schemel links von der Garderobe. << antwortete Martha mit ihrer piepsigen Stimme.
Ohne ein Wort des Dankes zog SIR Arthur seine Schuhe aus und schlüpfte in die weichen Pantoffeln. Er nahm seine Aktentasche unter die kräftigen Arme und ging in sein Arbeitszimmer um endlich in Ruhe die Abendausgabe der TIMES zu lesen. SIR Cavendish hatte es sich gerade in seinem alten Ohrensessel bequem gemacht und eine Pfeife entzündet, als es an der Tür zum Arbeitszimmer klopfte und kurz darauf Martha herein trat.

>> SIR Arthur – das Abendessen ist im Speisezimmer angerichtet! << unterbrach Martha die angenehme Stille des Arbeitszimmers.
>> Ja, ja – ich komme schon! << brummelte SIR Cavendish zurück.
Schnell rollte er seine Zeitung zusammen und schlurfte hinüber ins Speisezimmer. Zu seiner Verwunderung roch es angenehm nach gebratenem Fisch in einer hellen Weißweinsauce. Wortlos setzte SIR Arthur sich auf seinen Stuhl und lies sich von seiner Haushälterin bedienen.
>> Also Martha ich muß sagen, heute haben sie sich selbst übertroffen. Es riecht sehr gut und der Fisch ist schön goldgelb ausgebacken! << lobte er Martha mit säuselnder Stimme.
>> Es freut mich – SIR – wenn es ihnen auch genauso mundet. << antwortete Martha mit leiser Stimme.
>> Nun – dann will ich mir mal ihr Essen schmecken lassen! << lächelte SIR Cavendish seine Haushälterin an.
Das war zuviel für die alte Martha; schnell verließ sie das Speisezimmer mit glühenden Wangen und ging zurück in die große Küche um dort Ordnung zu machen. Etwa eine halbe Stunde später trat Martha wieder zu SIR Arthur in das Eßzimmer und brachte ihm ein Glas alten schottischen Whiskys.
>> Sehr aufmerksam von ihnen! <<
>> Brauchen sie mich heute Abend noch SIR ! << fragte Martha mit ihrer piepsigen Stimme.
>> Nein meine gute Martha – sie können dann nach Hause gehen! << entgegnete SIR Cavendish seiner Haushälterin.
>> Danke- SIR – und einen geruhsamen Abend wünsche ich ihnen noch! << lächelte sie ihn unterwürfig an und verschwand wieder aus dem Speisezimmer.
SIR Cavendish nahm seinen Whisky und ging wieder zu seinem alten Ohrensessel in sein Arbeitszimmer. Nachdem er die angebrannte Pfeife wieder in Gang gebracht hatte laß SIR Arthur Cavendish einige Artikel in der TIMES. Er hatte gerade die neusten Meldungen des Finanzmarktes gelesen, als Martha die schwere Ebenholztür unüberhörbar ins Schloß zog. Nun war er ganz allein; keiner konnte ihn nun noch stören. Denn vorsorglich hatte er durch seine Sekretärin alle Termine für diesen Abend absagen lassen. Die Stille im Haus und der Geschmack seiner Pfeife ließen SIR Artuhr etwas müde werden. Nachdem er die wichtigsten Meldungen des Tages gelesen hatte, beschloß SIR Cavendish nach oben in sein Schlafzimmer zugehen, um sich zur wohl verdienten Ruhe zu begeben. Schnell klopfte er noch seine Pfeife aus und ging langsam die knarrenden Holzstufen der alten Treppe hinauf. In seinem Schlafzimmer entkleidete er sich und schlüpfte in den Schlafanzug, den ihm Martha jeden Abend bevor sie ging zurecht gelegt hatte. Müde und entspannt kroch SIR Arthur in das Bett und versuchte zu schlafen.
Doch irgend etwas wollte ihn heute am einschlafen hindern. Leise vernahm er ein penetrantes Geräusch. Es drang ganz leise an sein Ohr. Noch wußte SIR Artuhr nicht wer oder was dieses aufdringliche Geräusch verursachte. Nur eines war ihm schon gewiß; solange er dies unbarmherzige klingen aus weiter ferne hörte, war an Schlaf nicht zudenken. Um festzustellen was es mit dem Geräusch auf sich hatte, lenkte er seine ganze Aufmerksamkeit darauf. Es dauerte eine ganze Weile, bis SIR Arthur die Quelle des nervenden Tons erkannt hatte.
Für ihn gab es keinen Zweifel über die Herkunft des Geräusches. Dieser penetrante, gleichmäßige Klang konnte nur von der großen Wanduhr in seinem Arbeitszimmer kommen. Einen Moment lang hielt er den Atem an und hörte wie sich der Klang zu einem leisen Tick mauserte. Ganz leise und gerade so hörbar erkannte SIR Cavendish den Ton dieser nervenden Wanduhr. Immer wieder wurde das Tick mit einem etwas lauteren Tack beantwortet. Doch mit jedem Tick der Uhr wurde das nachfolgende Tack etwas lauter. Es begann sich hartnäckig in seine Gedanken zu graben; – es zerrte allmählich an seinen Nerven. SIR Arthur konnte keinen Schlaf finden. Alle Versuche seine Gedanken auf etwas anderes als dieses bohrende ticken der Wanduhr zu lenken schlugen fehl. Nichts half ihm. Alles was er hörte, war nur dieses verdammte ticken der großen Wanduhr. Dieses penetrante Tick und das gleich darauf nachfolgende trostlose Tack. Unbarmherzig wurde es lauter und dröhnender. Jedem lauten Tick folgte nun ein dumpf dröhnendes Tack. Vor lauter Verzweiflung vergrub SIR Cavendish seinen Kopf in das Kopfkissen und hoffte so, dem Hämmern der Uhr zu entgehen. Doch anstatt das ticken der Uhr dadurch zum Verstummen zu bringen, drang es nur noch lauter an ihn heran. Mit jedem Versuch das Kissen fester an seine Ohren zu pressen, wurde die Wanduhr nur lauter.
Es kam ihm vor als wüßte die Mechanik der Uhr, das er ihr ewiges ticken nicht mehr ertragen konnte; als wäre der Teufel selbst der Erbauer der Uhr gewesen. Wie sonst konnte die Uhr wissen, das ihr ticken und tacken ihn so erbarmungslos quälen würde.
Völlig entnervt riß er sich das Kissen von den Ohren und das ticken der Uhr war sofort verstummt. Er lauschte angestrengt – doch seine Ohren vernahmen kein einziges Tick oder Tack. Von dieser Ruhe überrascht ging SIR Artuhr in sein Arbeitszimmer, wo die große Wanduhr hing. Zaghaft öffnete er die schwere Eichentür des Raumes – ganz langsam bewegte er das hölzerne Türblatt. Sachte – Stück für Stück drückte er die Tür vorsichtig auf – um nur kein Geräusch zu verursachen. Keinen Ton durfte er den Türangeln entlocken, damit die Uhr keinen Grund hatte mit ihrem gräßlichen Ticken zu antworten. SIR Arthur öffnete die Tür nur soweit, das er gerade durch den schmalen Spalt in sein Arbeitszimmer treten konnte. Nachdem er sich zwei Schritte ins Zimmer getraut hatte, blieb er stehen und lauschte. Doch es war kein Geräusch zu hören. Kein noch so leises Tick oder Tack kroch an seine Ohren. Es war still wie in einem nassen, dunklen Grab. Selbst der Wind, welcher die ganze Zeit mit den Blättern der Bäume in seinem Garten gespielt hatte, war verstummt. Langsam schlich er sich in die Nähe der großen Wanduhr.
Doch auf halbem Wege blieb er wie angewurzelt stehen. Den Blick zur großen Wanduhr gerichtet, sah er im fahlen Schein des Mondlichtes nichts als einen hohlen schwarzen Kasten, der keinerlei Ding enthielt. Erstaunt rieb er seine Augen und starrte wieder zu dem Kasten, der eigentlich seine Wanduhr darstellen müßte. Doch sosehr SIR Cavendish es sich auch wünschte – der Kasten an der Wand blieb leer. Weder das silberne Zifferblatt noch das schwere silberne Pendel , welches normaler Weise im Takt der Uhr hin und her schwang schimmerten im Mondschein. Nur dieser leere schwarze Kasten hing an der Wand.
Doch welches grauenvolle Geticke hatte ihm dann den Schlaf geraubt. War es der Leibhaftige selbst gewesen – der ihm so zugesetzt hatte oder war es wieder dieser lähmende Alptraum, diese qualvolle Vorstellung seines Todes.
SIR Arthur Cavendish wollte noch einen Schritt auf den Kasten an der Wand zugehen, als er ein leises, aus weiter Ferne klingendes, fast zärtliches Tick vernahm. Bleich vor Schreck hielt er in seinem Schritte inne und wartete nun auf das logischer Weise nachfolgende Tack. Jedoch es war kein Tack zu vernehmen – so sehr er sich auch anstrengte das fehlende Tack zuhören – es kam nichts. Kein Tack folgte dem Tick. Nichts um ihn herum war zu hören. Alles schien auf das fehlende Tack der Uhr zuwarten. Doch die ewige Zwiesprache der Uhr schien gebrochen zu sein. Der immer währende Monolog der tickenden Wanduhr war verstummt. Alles was SIR Arthur hörte war sein eigene Herz, das schnell und leise vor sich hin schlug.
Die angespannte Ruhe wurde unerträglich. SIR Cavendish hatte eine Idee. Er mußte nur noch einen Schritt auf den Kasten zugehen, damit er sich sicher sein konnte, daß das fehlende Tack für immer Verstummt war. Doch was, wenn er die Uhr damit erschreckte; was wenn sie sich angegriffen fühlte. In SIR Arthurs Kopf überschlugen sich die Gedanken und für einen Moment war er ratlos. Dieser Umstand ließ ihn den Fehler seines Lebens tun.
Er faste all seinen Mut und ging noch einen Schritt auf den schwarzen Kasten zu, der da so tot an der Wand hing. Aber kaum hatte SIR Arthur Cavendish den Schritt getan, als ein ohrenbetäubendes Tack die Stille des Zimmers zerriß. Sein Trommelfell vibrierte und der Kopf tat ihm weh, als der schwarze Kasten dies fehlende Tack an seine Ohren warf. Der dumpfe, dröhnende Klang des Tacks ließ seinen alten Körper erzittern. Es drang in ihn ein und hob zu einem wilden Getöse an, das Für einen Moment SIR Arthur Hörfähigkeit lahmlegte. Nichts als dieses grausame, dröhnende Tack war in seinem Kopf. SIR Cavendish preßte die Hände auf beide Ohren und hoffte so, dem Getöse zu entgehen. Doch unbarmherzig schwoll der dröhnende Ton in seinem Körper an. Von der Gewalt des dröhnenden Tack überwältigt, warf SIR Arthur seinen massigen Körper auf den Boden des Arbeitszimmers. Die Hände noch immer fest auf seine Ohren gepreßt; schlug er mit dem Kopf auf einen kleinen Marmortisch der unter der Uhr stand auf. Plötzlich wurde es still. Kein dröhnen, kein ticken und kein tacken drang an sein Ohr. Nichts als wohltuende Stille drang an seine Ohren.
>> Dieser schöne Moment könnte ewig dauern! << hörte SIR Arthur Cavendish ein letztes mal seine eigene Stimme. Er riß seine Augen auf und starrte auf den schwarzen Kasten, der nichts anderes als seine viktorianische Wanduhr war, die schon seit einer Ewigkeit nicht mehr ging.


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 Copyrights by Uwe Biehn Freitag, 2. März 2001

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