Dähling, Witburg: Die Zeit

Bleib doch stehen – Pendel der Uhr – Zeiger haltet still – setzt euren Weg in die immer wiederkehrende Runde nicht fort. Wehmut überkommt mich oft beim Nachdenken, angesichts der Flüchtigkeit all dieser Gedanken und Erlebnisse. Die Tage, die zu schnell dahinfliegen. Ach wie gerne möchte man das Schöne länger genießen, wie wenig oder doch so viel könnten wir daraus erfahren, wenn wir uns nur mehr die Kostbarkeit unserer Zeit bewusst wären. Uns umsehen im weiten Reich der Gedanken, im großen Bildersaal der Schönheiten hier auf Erden.

Um mich greift die Dunkelheit, wie die Arme einer Krake. Eine stumme Tiefe ist da. Ich falle tiefer und tiefer in den Abgrund der Eingeengtheit. Einer Leere, die mein Bewusstsein lahm legt. Die dunkle Tiefe der Nacht weicht einem gespenstischen Grau. Verschwommene, undeutliche Gedanken – riesige aber auch gnomenhafte Gestalten – kreisen in meinem Bewusstsein. Ist dies ein Traum, ist dies Wirklichkeit? Ein dumpfer Stoss – registriert mein Kopf. Er riss mich hoch, er wollte was sagen, was andeuten – doch mein Körper sackt im nächsten Augenblick wieder zurück. Zeit – Zeit – Zeit – hämmert es in meinem Gehirn. Schlaftrunken tastet meine Hand nach dem Wecker. Die Gedanken sind noch verwirrt, betäubt vom … wo war ich…
Ein Versuch aus dem Bett zu springen missglückt. Das Nachthemd hat sich wie eine Blumenranke um meinen Körper gewunden, der Versuch aus dem Bett zu springen, auszubrechen aus dieser verwirrenden Situation, musste einfach mißglücken. Und wieder hämmert es – Zeit – Zeit – Zeit – in meinen Gedanken, während meine Finger versuchen den Wirrwarr von Falten am Körper glatt zu zupfen, gelingt es mir den linken Fuß auf den Boden zu setzen. Sekunden später berühren beide Füße den Boden, ich stehe, ich recke mich, die Arme streckend wie aufgehende Sonnenstrahlen – doch die Zeit – die Zeit – die Zeit – hämmert es wieder und wieder in meinen Gedanken. Die Hände suchen nach dem Fenstergriff, ich öffne das Fenster, die Luft strömt rein, sie lässt mich erschauern, sie ist geschwängert von der Feuchtigkeit, von den Regenwolken die sich über den ganzen Himmel verteilen und die tiefer hängen um schneller einen Guss zur Erde zu schicken.
Der Blick in den Spiegel – das bin ich nicht. Die Haare stehen zerzaust wie eine Punkfrisur zu Berge – die Augen verquollen, abgrundtief hässlich, kommend aus dem Schlaf der Träume. Wie poetisch das klingt – doch die Wirklichkeit zeigt es mir anders. Zeigt mir wie weit weg wir in den Träumen, in den Nächten sein können. Die Kirchturmuhr ermahnt mit durchdringenden Schlägen an die Zeit – die Zeit – die Zeit.
Hastig suche ich das Badezimmer auf. Entleere die Blase. Heute reicht es nur für eine Katzenwäsche. Aber nein – der Geruch von Schweiß in den Achselhöhlen, meinem Intimbereich – ich brauche eine Erfrischung – also schnell unter die Dusche. Wieder gleitet mein Blick aus dem Fenster, habe ich mich doch nicht getäuscht? Nein, grau in grau sieht der Himmel aus, keine treibenden Wolken, welche ein Loch für die Sonne freigeben könnten.
Frühstücken in Eile – ein Schluck Tee in Eile, Mantel, Schirm, Tasche – die Zeit – die Zeit – die Zeit – hämmert es. Eilig die Treppe hinunter, überspringend die letzen Treppenstufen – die Zeit bleibt nicht stehen. Jeden Morgen wiederholt sich dasselbe Ritual, jeden Morgen ist auch das Risiko nicht auszuschließen – sich beim letzten Sprung vom Treppenabsatz den Knöchel zu verstauchen. Sekunden stockt mir der Atem beim Öffnen der Haustür. Heute werde ich wohl klitschnass die U-Bahn erreichen. Sekunden nur würde der Regen brauchen, um mich in einen nassen Schwamm zu verwandeln. Zeit – Zeit – Zeit – die Gedanken lassen nicht davon ab.
Es ist sinnlos den Schirm aufzuspannen, schon der erste Versuch würde scheitern. Seine Ähnlichkeit mit einem Schirm würde verblassen, eher ein Ding vom Sperrgut würde jeder denken. Auf meinen Lippen musste bei diesem Gedanken ein Schmunzeln entstehen. Ab und zu streift eine nasse Strähne des Haares mein Gesicht. Nicht lange und die Schuhe sind durchgeweicht, ausgerechnet die allerneuesten Schuhe. Der Mantel lässt die Feuchtigkeit an den Schultern spüren, ein ekelhaftes Gefühl, klammes Zeug zu fühlen. Am eigenen Leibe erfahrend dreht sich der Magen um, spuckt die Galle und die Zeit – die Zeit – die Zeit – läuft weiter. Da zwei – Engumschlungene – triefend nass – Ausbruch, schwindelerregender Gefühle – Ralf… Rechts – links – passiert – der großen Pfütze war nicht auszuweichen. Ich versuche meinen Schritt zu verlangsamen, nicht mit den hastenden Vorübereilenden in ein Tempo zu geraten. Die Zeit – die Zeit – die Zeit – hasten, eilen, laufen, stolpern. Durch den Schleier des Regens ist die Leuchtschrift der U-Bahnstation zu erkennen.
An der Bushaltestelle steht wie ein Bienenschwarm zusammengepresst eine Masse von Menschen. Sollten die alle in den zu erwartenden Bus einsteigen wollen? Das muss ich sehen, auch wenn ich durch diese Sekunden der Neugier noch mehr vom Regen durchweicht werde. Die Neugierigkeit siegt, ich lasse meinen Schritt langsamer werden. Der Bus fährt an der Haltestelle vor – fast schon überfüllt. Sie drängeln, schubsen, stolpern – Menschen springen rein, Menschen springen raus, der Bienenschwarm löst sich langsam auf.
Weiter – die Zeit – die Zeit – die Zeit – soll mir egal sein – hoffentlich erwartet mich oben an der U-Bahn nicht so etwas, sonst bin ich nervlich verloren. Zeit – Zeit – Zeit – halte an, bleibe doch mal für ein paar Minuten stehen. Doch mich hat die Realität eingeholt und hält mich gefangen. Sie siegt zunehmend und gibt dieser gnadenlosen Hektik von morgens bis abends noch neues Futter. Und schon nagt sie an mir und breitet sich in vollem Umfang aus, sie hält mich gefangen und will mich nicht mehr loslassen. Wieviel Zeit bleibt noch? Wieviel Zeit – Zeit – Zeit?
Das Pendel der Uhr stand still – die Zeiger liefen nicht mehr im Kreis. In dieser Nacht habe ich im Traum die Uhr angehalten. Wissen wollte ich wohl, wie es ist, einen Tag ohne Uhr, ohne Zeiteinteilung zu verbringen. Alles war verschwommen… Mir wurde bewusst, alles sollte so weiterlaufen wie bisher… denn das Aufwachen, der Regen, die Menschenmassen, den Tagesbeginn, es gehört zu meinem Leben, auch wenn die Zeit – die Zeit – die Zeit – immer wieder weiter laufen wird und das Pendel der Uhr nicht aufhört zu schlagen und die Zeiger Stunde und Stunde anzeigen, für die Nacht, für einen neuen Tag.

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