Franz, Matthias: In Tibet tragen die Frösche Regenschirme

Martin sah sich um. Wo eben noch sein Haus gestanden hatte, war plötzlich nichts mehr. Gar nichts. Noch nicht einmal eine Ruine. Nur ein riesiger Krater. Aber das war es auch nicht so ganz. Es sah keineswegs so aus wie ein Bombenkrater, denn in einem Bombenkrater oder darumherum lagen normalerweise immer noch Trümmer, die die Bombe hinterlassen hatte. Jedenfalls dachte das Martin. Aber auch davon war nichts mehr da. Nein, sein Haus war nicht durch eine Bombe in die Luft gesprengt worden. Es war auch nicht die Heizung gewesen, denn auch dann wären sicherlich einige rauchende Trümmer von seinem Haus übriggeblieben.

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Außerdem hätte er auf jeden Fall die Explosion gehört. Es wäre ein lauter Knall gewesen, den man am anderen Ende der Stadt noch hätte hören können. Aber nichts von alledem hatte er gehört. Nur ein leiser Luftzug, ein Fiepen wie von einem Jungvogel, der seinen Schnabel aufsperrte, damit seine Mutter ihn füttern konnte. Aber das hatte Martin nicht dazu veranlaßt sich umzusehen. Vielmehr war da ein eigenartiges Gefühl in ihm gewesen. Ein ungutes Gefühl.

Martin hatte gerade das Haus verlassen – wie jeden Morgen. Er hatte sich mit einem Kuß von seiner Frau Gisela verabschiedet. Dann war diese nach oben gegangen, um die Kinder zu wecken, damit sie nicht zu spät zur Schule kamen. Er hatte seine Tasche gepackt und war zielstrebig nach draußen gegangen, doch auf dem Weg zur Bushaltestelle war ihm dieses ungute Gefühl gekommen, und er hatte sich umgesehen.

Das erste, was Martin fühlte, als er die fein säuberlich ausgehobene Kellergrube sah, wo vor wenigen Augenblicken noch sein Haus gewesen hatte, war Entsetzen. Blankes Entsetzen. Seine Frau und seine Kinder und alles, was er liebte, war noch im Haus gewesen. Und jetzt existierte es auf einmal nicht mehr. Von heute auf morgen einfach weg.
Zunächst konnte er es nicht fassen. Ging an den Rand der Grube und sah hinab. Seine Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung. Er fiel auf die Knie und wäre beinahe in die Grube gestürzt und hätte sich dabei wohl den Hals gebrochen, aber er konnte sich gerade nochmal mit seinen Händen aufstützen.

“Scheiße”, schrie er schluchzend. “Warum muß ausgerechnet mir so etwas passieren?”
Er stand auf und besah sich die Lage. Heute würde er nicht arbeiten gehen. Sein Chef würde bestimmt Verständnis für ihn haben. Schließlich hatte er jetzt innerhalb eines einzigen Augenblicks sein Haus, seine Frau und seine Kinder verloren. Was er jetzt brauchte, war ein Arzt, ein Psychiater – denn eines war klar: Er war dabei, verrückt zu werden – wenn er es nicht schon war und das Verschwinden seines Hauses nicht bereits ein Produkt seiner Phantasie gewesen war.

Nachdem er etwa eine halbe Stunde lang deprimiert in die Grube gestarrt hatte, ging er zur Straße zurück. Er war nicht der einzige hier, doch die anderen schienen sich nicht daran zu stören, daß nun ein Haus fehlte. Als wäre es die natürlichste Sache der Welt, daß dieses Haus nun plötzlich nicht mehr da war. Passanten gingen vorüber, Autos fuhren vorbei.

Er hielt einen Passanten an, der gerade in seiner Nähe war und die Grube eigentlich hätte sehen müssen. “Entschuldigen Sie”, sagte er. “Können Sie mir bitte helfen? Schauen Sie mal da rüber” – er zeigte dabei auf die Stelle, an der zuvor noch sein Haus gestanden hatte – “und erzählen Sie mir, was Sie da sehen.”

“In Tibet tragen die Frösche Regenschirme”, entgegnete der Passant.
“Bitte? Sie machen sich wohl über mich lustig!”
“Amerikanische Schwerter blühen nur zweimal im Jahr”, stellte der Passant fest.
Martin ergriff den Passanten am Arm, schüttelte ihn und schrie ihn an. “Hören Sie mal zu, Sie Arschloch: Ich habe eben mein Haus, meine Frau und meine Kinder verloren, und Sie kommen hier mit diesen Nonsens-Sprüchen! Statt daß Sie mal zur Polizei gehen oder mir helfen, das alles wieder in den Griff zu kriegen!”

“Ein Kaninchen aus der Ukraine legt zweimal am Tag fünf Eier”, wimmerte der Passant.
Jetzt wurde es Martin zu dumm. Er schleuderte den Passanten zu Boden und ließ ihn im Dreck liegen. Einen erneuten Heulkrampf unterdrückte er. Wut und Verzweiflung füllten seinen Bauch, als er mißmutig weiterstapfte. Am liebsten hätte er jetzt alle Leute angeschrien, alles zusammengeschlagen.
Er sah zum Himmel auf. Es war ein sehr schöner Tag, auch wenn manchmal die eine oder andere weiße Wolke die Sonne bedeckte. Aber an irgendetwas erinnerte ihn der Himmel, nur an was?
Jetzt war nicht die Zeit für Spielchen. Er mußte etwas tun, etwas unternehmen. Die ganze Situation reduzierte sich für Martin auf zwei Möglichkeiten: Entweder war die ganze Welt verrückt geworden oder nur er, und er mußte herausfinden, welche von beiden Möglichkeiten zutraf, um sich dann überlegen zu können, was er als nächstes tun sollte.

Verzweifelt rannte er zur Telefonzelle, die sich – wie er wußte – nicht weit von seinem Haus entfernt befand. Er rannte hinein, griff nach dem Hörer, hatte aber nur eine Sonnenblume in der Hand.
“Mach dir nichts draus”, sagte die Sonnenblume. Eine angenehme, dunkle, weibliche Stimme. Beinahe erotisch. “Nur ein Virus. Kriegen wir bald wieder in Griff.”
Draußen stapfte ein Nilpferd vorbei, gefolgt von einem Kamel, das auf seinem Kopf eine umgekehrte Pyramide balancierte. Eine wahrhaft zirkushafte Nummer! Plötzlich wurde für einen kurzen Moment die Welt von lauter kleinen, hauchdünnen Streifen zerrissen, doch nur wenig später war alles wieder vorbei.

Martin ging nach draußen. Ihm blieb jetzt nur noch der Gang zum Psychiater, wenn nicht gar in eine psychiatrische Anstalt. Was war geschehen? Träumte er? Nein, dafür war alles viel zu real. Er konnte die Vögel zwitschern hören, den Wind fühlen, wie er mit seiner Jacke spielte. Er spürte die von der Kälte langsam errötenden Finger, die er – nach alter Gewohnheit – niemals in Handschuhe zu stecken pflegte. All die Einzelheiten. Ein Traum hatte niemals so viele verschiedene Einzelnheiten. Alles war so real. Und dann doch wieder nicht. Vielleicht hatte ihm jemand Drogen gegeben. Martin hatte noch nie in seinem Leben Drogen genommen, aber genau so stellte er sich einen Trip vor.

Ein bunt angemalter VW-Käfer kam die Straße entlanggefahren. Es war wohl ein Cabrio, denn in dem Wagen standen drei junge Menschen – zwei Männer und eine Frau – so, daß sie mit dem Kopf oben aus dem Auto herausschauten. Einer der Männer und die Frau rauchten einen Joint. Alle drei hatten sie lange Haare, sahen vom Kiffen schon etwas benebelt aus, und sie trugen bunt bemalte Kleider aus Hanffasern. Als die Frau Martin erblickte, rief sie ihm zu: “Weihrauch kommt aus den Niederlanden, aber Schnupftabak läßt den Babyboom wiederauferstehen. Die Russen haben den Mars erobert, und die Kirgisen stehen schon vor Bielefeld. Gott ist tot, und Nietzsche lebt. Also sprach Kamasutra.”
Martin beschloß, das Spiel mitzuspielen. Jetzt, da er derart meschugge war, machte das auch nichts mehr aus. Und um sein Haus brauchte er sich auch keine Sorgen zu machen. Das war genauso wenig verschwunden, wie es sprechende Sonnenblumen gab – oder Kamele, die Pyramiden auf ihren Nasen zu balancieren pflegten. Deshalb rief er: “Ho Tschi Minh hat den Mekong schon überschritten und ein großes Reich zerstört, aber die Amerikaner besteigen lieber Präsidenten, denn sie mögen Mount Rushmore.”

Aber die Hippies waren schon vorbeigefahren. Dafür sprach ihn eine ältere Frau an, deutete auf seine Armbanduhr und sagte: “Watergate liegt in Disneyland Paris”, worauf Martin antwortete: “Nixon geht mir auf den Keks.” Sich bedankend zog die Frau von dannen.
Martin grinste. Langsam fing das alles an, ihm Spaß zu machen. Dies hier war alles so skurril, so schräg, eine willkommene Abwechslung zu seinem Büroalltag.

Ein Clown bewegte sich flic-flac-schlagend die Straße entlang, ein freistehender Hydrant unterhielt sich mit einem Gartenzwerg über nepalesische Blumenzwiebeln, ein kleines Mädchen in einem Ballettkostüm, tanzte umher und spielte dabei mit ihrer kleinen Barbiepuppe. Dabei stammelte es: “Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat.” Ein Bulldozer flog vom Himmel und landete genau in der Grube, in der zuvor noch Martins Haus gestanden hatte. Der blaue Himmel riß kurz auf und gab den Blick auf eine überdimensionierte Computer-Platine frei. Martin betrachtete all die Transistoren, Widerstände und Dioden, und plötzlich begriff er.

Dann geschah auf einmal gar nichts mehr. Es war, als hätte jemand einen Film angehalten. Alles war in der Bewegung erstarrt. Selbst der Wind wehte nicht mehr, und nicht das leiseste Geräusch drang an Martins Ohr. Dafür war jetzt direkt vor seinem Gesicht wie aus dem Nichts ein riesiges Schild erschienen, das ihm nur allzu bekannt vorkam, denn darauf stand:

Leben – Diese Anwendung wird aufgrund eines ungültigen Vorgangs beendet. Wenden Sie sich an den Hersteller, falls das Problem weiterhin besteht. Schließen – Details>>

© 2002 by Matthias Franz

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