Graupe, Marika: Der kleine Baum

Ein kleines blondes Mädchen ging eines Tages in einem Feld am Rande
der großen Stadt spazieren. Versteckte sich im gelben Korn, jagte den
Schmetterlingen hinterher und pflückte diese wunderschönen tiefblauen
Kornblumen, die es ihrem Papa schenken wollte.

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Plötzlich entdeckte es einen kleinen Baum, der so ganz alleine mitten in dem großen Feld stand. Noch so klein das er nicht größer war als das kleine Mädchen und auch nicht höher als das Korn um in herum.
Das kleine Mädchen freute sich sehr endlich jemanden zum spielen gefunden zu haben. Doch der kleine Baum schien irgendwie sehr sehr traurig zu sein.

„Was ist mit dir?“ fragte ihn darum das kleine Mädchen.
„Ach“ sagte der kleine Baum und begann heftig zu schluchzen „ich bin viel zu klein für einen richtigen Baum! Ich reiche gar nicht bis zu den Wolken! Und auch die vielen Vögel, die aus dem Süden kommen und so viele tolle Geschichten von fremden Tieren, fremden Ländern und aufregenden Abenteuern zu berichten wissen, nie landen sie auf mir! Nie machen sie bei mir Pause! Immer suchen sie sich die großen Bäume, die mit den dicken Stämmen und den vielen vielen Blättern, um zu rasten!“
Das kleine Mädchen setzte sich neben den Baum und hörte zu.
„In den großen Bäumen“ sagte der kleine Baum leise, „in den großen Bäumen können sie sich verstecken, finden viele Würmer zum essen. In den großen Bäumen bauen sie ihre Nester und bekommen ihre Jungen.“

Der kleine Baum fing an zu weinen. Seine Ästchen hingen herab und auch die kleinen grünen Blättchen schauten geknickt drein.
„Nie wird sich jemand an mich erinnern. Nie werd` ich einen Freund haben. Immer werd` ich allein sein.“
Das kleine Mädchen rückte näher an das Bäumchen heran, streichelte die kleinen grünen Blätter und sagte sanft: „Wenn du willst, lass mich deine Freundin sein. Dann bist du nicht mehr allein.
Ich könnte dich gießen, wenn die Sonne zu stark scheint und du Durst hast, mit dir reden, wenn du alleine bist, dir im Winter meinen Schal umbinden, damit du nicht frierst. Und jetzt im Herbst zeige ich dir meinen Drachen!“

Der kleine Baum trocknete sich verstohlen die Tränen ab und schaute auf. „Wirklich? Du willst meine Freundin sein? Für immer?“
Er begann zu strahlen. Wenn er gekonnt hätte, hätte er das kleine Mädchen bei den Händen genommen und getanzt! So wackelte er vor Begeisterung mit seinen kleinen Ästen, bis die Blätter Musik machten.

Von diesem Tag an kam das kleine Mädchen regelmäßig, um ihren kleinen Freund zu besuchen. Der Herbst zog ins Land und schüttelte die Blättchen vom kleinen Baum.
Winter, Frühling und Sommer vergingen im Nu und schon im nächsten Herbst, als das Korn auf dem Feld wieder so hoch stand, schauten ein paar Zweige des kleinen Baumes über das Feld hinweg.
„Sieh mal ich bin gewachsen!“ freute sich der kleine Baum und lachte das Mädchen vergnügt an.
Aber auch das kleine Mädchen war in diesem Jahr schon etwas größer als im letzten und konnte mit ihrem Freund zusammen über das Feld schauen.

So gingen mehrere Jahre ins Land, viele Sommer und Winter. Aus dem gelben Feld haben die Menschen irgendwann eine wunderschöne grüne Wiese werden lassen, auf der die wunderschönsten Blumen wuchsen. Rote, gelbe und violette. Hasen tobten im hohen Gras, Bienen tummelten sich und Schmetterlinge in den schönsten Farben kamen regelmäßig zu Besuch.
Aus dem kleinen Bäumchen wurde unmerklich ein großer stattlicher Baum und aus dem kleinen Mädchen eine wunderschöne junge Frau.
Immer noch besuchte sie ihren Baum regelmäßig, erzählte ihm aus der großen Stadt und er lauschte ihrer Stimme und freute sich über jeden Besuch seiner „ kleinen“ Freundin.

Und eines Jahres dann, an einem wunderbaren Frühlingstag, kam das blonde Mädchen wieder zu ihrem Baum und sah schon von weitem, wie er strahlte vor Freude.

„Pst!“ sagte er, „Pst! Schau mal da oben!“ Und da sah es das Mädchen auch! In dem dicken Laub ihres Freundes haben zwei Vögel ein Nest gebaut und wunderschöne weiße Vogeleier hineingelegt! Ganz still setzte sich das Mädchen an den dicken Stamm ihres Baumes in den Schatten und lauschte dem Wind, der in den Blättern ihres Freundes eine ruhige Musik spielte.

Und irgendwann, ganz leise, piepten die kleinen Vogelkinder und sangen dem Baum ein Begrüßungslied. Ganz stolz wurde er da, der kleine so große Baum. Und ganz froh. Sanft wiegte er seine großen Äste über seiner Freundin, die sich dicht an seinen Stamm lehnte. Beide spürten, wie gut es ist einen Freund zu haben!

© 09/2000 by Marika Graupe

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