Heim, Wilhelm: Jesus on Tour

Durch Überlieferung, d.h. durch die liebe Gerüchteküche, ist den Menschen bekanntgeworden, daß ein Mann, namens Jesus, an einem 24. Dezember das Licht der Welt erblickte. Seit diesem Tag feiert man jedes Jahr seine Geburt. Den Festtag nannte man Weihnachten.
Mit seinen guten und wundervollen Wesen beglückte er die Menschheit seit seiner Geburt. Er brachte viel Glück und Seligkeit unter die Sterblichen. Natürlich war das anstrengend. Der oberste Befehlshaber (Gott) hatte ihm mit dem Auftrag, Blinde und Behinderte wieder für die Volkswirtschaft fit zu machen, eine schwere Aufgabe gestellt. Jesus erfüllte sie zunächst zur vollsten Zufriedenheit. Um sich auch mal zu entspannen und mal auf cool zu machen, schlug Jesus dann ein bißchen über die Strenge. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, sagte er sich.

So erleichterten Zockerrunden, Sauftouren, hier und da mal ein Joint, Weiber ohne Ende und in jeder Stadt, ab und zu mal eine Schießerei unter falschem Namen (versteht sich) sein Leben erträglich. Zugute kam ihm dabei, daß noch keine Zeitungen, keine Fernsehsender und kein Internet die Fehltritte verbreiten konnten.


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So reiste er um die Welt, einmal im Monat schrieb er eine Postkarte an seine Eltern Maria und Josef. Sie sollten wissen, daß er wahnsinnig im Streß sei und nicht nach Hause kommen könne. Das lohnte sich für ihn eh‘ nicht, weil ja sein Geburtstag und Weihnachten zusammenfielen – so eine Scheiße. „Was soll’s,“ dachte er sich, „Karneval in Rio, Silvester in Paris (die Stadt der Liebe) und schließlich Ostern auf Helgoland (irgendwann muß man sich vom Feiern und Saufen mal erholen) ist auch nicht schlecht.“

So wurden seine guten Taten immer weniger, die Gewalt und das Verbrechen nahmen wieder zu, die Krankenhäuser waren voll belegt, und das Gesundheitssystem drohte global zusammenzubrechen. Die Welt benötigte Hilfe – und das dringend. Aber Jesus war von den vielen Parties und Disco-Events einfach zu erschöpft. Er konnte die Welt nicht retten. Sollte es doch Superman machen, der verdiente eh‘ mehr Geld.

Außerdem brauchte Jesus Ruhe für seinen Auftritt bei David Copperfield, dem großartigsten Zauberkünstler aller Zeiten. In seinem Größenwahn wollte Jesus nämlich beweisen, daß er unsterblich sei. Er schloß eine Wette mit irgendeinem Kaiser ab, dem das Regieren langweilig war und dem seine Berater keine Ersatzbatterien für den Gameboy geben wollten. Copperfield sollte ihn, Jesus, an das größte Holzkreuz nageln, das es gab, und er, Jesus, würde drei Tage später gut erholt wieder auf der Matte stehen und die Wettschulden vom Kaiser kassieren.

So besorgte man das Holzkreuz – eine Spezialeinheit des israelischen Geheimdienstes klaute es aus der Parteizentrale der CSU in München. An einem Karfreitag (die Ladenöffnungszeiten waren damals echt spitze) holte sich Copperfield bei OBI so eine elektrische Powernagelmaschine und nagelte Jesus ans Kreuz. Natürlich waren viele Schaulustige vor Ort und blockierten den Verkehr auf der Anhöhe. Aber auch schon damals war Zeit gleich Geld, und noch während Jesus verblutete, baute man die Werbetafeln für das folgende Fußballänderspiel auf. Schließlich brachte man den scheinbar toten Jesus in eine Höhle. Sein Kumpel Arnold Scharzenegger aus Österreich rollte eine riesige Steinkugel vor den Höhleneingang, natürlich alles unter Aufsicht der Wettkommission.

Man kann es heute nur noch schwer nachvollziehen, aber die Sache war abgekartet. Arnold und Jesus hatten einen Pakt geschlossen, der einen Versicherungsbetrug ermöglichte. Vor der Kreuzigung schloß Jesus eine Lebensversicherung bei der Allianz ab. Und zwar eine Versicherung, die auch dann zahlt, wenn eine Leiche nicht mehr auffindbar ist. Jesus war so verzweifelt, daß er keinen anderen Weg mehr sah als diesen. Er mußte sich aus dem tätigen Leben zurückziehen, vor lauter Fun und Spaß konnte er seine Wohltätigkeitsaufgaben nicht mehr erfüllen. Als er nun nach den besagten drei Tagen nicht erschien, erklärte ihn das Einwohnermeldeamt von Monaco – dort hatte er inzwischen seinen ständigen Wohnsitz – für tot. Der Kaiser war happy, denn er hatte die Wette gewonnen. Arnold holte den Versicherungsbetrag ab, teilte ihn durch zwei und überwies eine Hälfte auf ein schweizer Nummernkonto. Er machte alles so, wie Jesus ihm es aufgetragen hatte.

Von Jesus hörte man nie wieder etwas, aber er wurde eine Legende. Auch Gott verlor ihn aus den Augen, denn er hatte mit seinem Schützling Moses genug zu tun. Arnold kaufte sich ein Flugticket nach Hollywood und startete dort eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler.

Wilhelm Heim, Dezember 1998

(c) 1998 by Wilhelm Heim

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