Heinlein, Heike: Der fliegende Elefant

Es war einmal ein Elefant. Sehnsuchtsvoll sah er immer hoch zum Himmel, wo viele Vögel flogen. Leicht wie Federn schwebten sie dahin und zogen ihre Kreise am blauen Nachmittagshimmel.
„Wenn ich doch nur auch so fliegen könnte.“, jammerte der Elefant und ließ dabei seinen Rüssel hin und her baumeln.

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Das hörte zufällig ein Affe, der auf einem Baum ganz in der Nähe saß und den Elefanten schon eine ganze Weile beobachtete.
„He, du da, Dickhäuter. Was guckst du so traurig?“ fragte der Affe. Dabei hüpfte er ein paar Äste tiefer, um den Elefanten besser sehen zu können.

„Ich möchte so gerne fliegen, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll“ antwortete der Elefant.
„Du und fliegen. Ha, ha, ha.“ Der Affe hielt sich vor Lachen den Bauch und wäre beinahe von seinem Ast heruntergefallen. „Du kannst nicht fliegen. Du bist viel zu dick und zu schwer. Außerdem hast du keinen Propeller. Wer fliegen will braucht einen Propeller!“
„Einen Propeller? Woher soll ich den denn bekommen?“ fragte der Elefant und wackelte weiter mit seinem Rüssel hin und her.

In diesem Augenblick schritt eine Giraffe aus dem Dickicht. Sie hatte das Gespräch zwischen dem Affen und dem Elefanten belauscht.

„Wenn ihr gestattet, würde ich mich gerne in euere Diskussion einmischen“, sagte sie. Der Elefant und der Affe sahen sie neugierig an.

„Hast du vielleicht eine Idee, wie ich zu einem Propeller komme“ wollte der Elefant wissen.
„Klar, das ist doch ganz einfach. Unten am Fluß gibt es jede Menge Schilfgras. Daraus kann man einen Propeller bauen. Den muß man nur noch an deinem Rüssel anbringen und schon kannst du in die Lüfte entschweben“, antwortet die Giraffe. Sie war sehr stolz auf ihren schlauen Einfall, so daß sie erst mal zufrieden ein paar Blätter von einem Baum abknabberte und dann genußvoll kaute.

Der Elefant wußte nicht so recht was er von der Sache mit dem Propeller halten sollte.
„Selbst mit Propeller bin ich doch immer noch so schwer, daß ich nicht vom Boden abheben kann“, meinte er.

„Ganz recht, ganz recht“, meldete sich da eine Gazelle, die sich inzwischen mit hinzu gesellt hatte.

„Hast du vielleicht eine Idee?“ fragte der Affe.

„Natürlich, natürlich. Der Elefant braucht nur einfach nur ein Jahr lang nichts zu essen, und schon hat er das Idealgewicht zum Fliegen“, verkündete die Gazelle.

Der Elefant wurde bei dem Gedanken so lange Zeit nicht zu essen plötzlich sehr, sehr hungrig.

„Diese Idee gefällt mir ganz und gar nicht. Fällt euch denn nichts besseres ein?“ fragte er und stampfte ungeduldig mit den Vorderfüßen auf dem Boden herum. Es entstand eine längere Pause, in der die Tiere ihre Köpfe gewaltig anstrengten und überlegten.

„Ich habs, ich habs“, verkündete schließlich die Gazelle.

„Was hast du?“ fragte der Affe.

„Die rettende Idee natürlich. Ich weiß jetzt wie der Elefant fliegen kann“, antwortete die Gazelle und sah den Affen mitleidig an. Der ist wirklich schwer von Begriff dachte sie.

„Na, nun sag doch schon. Was hast du für eine Idee?“ wollte die Giraffe wissen.

„Wer fliegen will braucht Flügel!“, verkündete die Gazelle. Sie war sehr stolz auf ihr Wissen.
Einige Sekunden dachten alle Tiere nach, dann fragte der Affe: „Und woher sollen wir die Flügel nehmen?“

Die Gazelle senkte ihren Kopf. Daran hatte sie nicht gedacht. Zu dumm auch. Plötzlich kam sie sich gar nicht mehr so schlau vor. Es entstand wieder eine Pause, in der alle Tiere angestrengt nachdachten. Die Giraffe fraß dabei unentwegt Blätter von einem Ast. So konnte sie besser überlegen. Plötzlich hörte sie auf zu kauen und rief:

„Ich hab die Lösung! Inzwischen ist wohl jedem klar, daß der Elefant nicht selber fliegen kann. Warum setzt er sich dann nicht einfach auf den Rücken eines Flugzeuges und ab geht die Post?“

„Nicht selbst fliegen. Huckepack auf einem Flugzeug. Das zählt nicht. Das ist so wie gar nicht fliegen“, sagte der Elefant und schüttelte dabei den Kopf.

„Ich will aus eigener Kraft fliegen, ohne Hilfsmittel. Die Elefantenehre muß gewahrt bleiben“.
„Du bist nicht nur dickhäutig, sondern auch dickköpfig“, schimpfte die Giraffe. „Mir fällt nichts mehr ein“.

„Selbst meiner Schlauheit sind Grenzen gesetzt“, flötete die Gazelle.

„Auch ein Affe ist nicht allwissend“, sagte der Affe.

Da wurde dem Elefanten klar, daß er selbst eine Lösung finden mußte.
Angestrengt dachte er nach. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er vor langer Zeit einmal ein Buch übers Fliegen gelesen hatte. Wie war das noch? Begriffe wie Aerodynamik, Luftdichte und Auftriebskraft fielen ihm wieder ein. Aber er wußte nicht mehr genau was sie bedeuteten.
Er überlegte hin und her. Dann mußte er an die Flugzeuge der Menschen denken. Natürlich! Die nahmen Anlauf, wurden auf dem Boden immer schneller und durch die Aerodynamik, die Luftdichte und die Auftriebskraft konnten sie schließlich abheben. So war es! Oder so ähnlich. Auf jeden Fall wollte er es einmal mit Anlauf nehmen versuchen.

Er erzählte dem Affen, der Giraffe und der Gazelle von seiner Idee. Die fanden, daß der Elefant nun wirklich nichts mehr zu verlieren hatte und begleiteten ihn auf eine große Lichtung, die als Startpiste bestens geeignet war.

Der Elefant ging in Startposition. Sein Rüssel war gerade nach vorne ausgestreckt. Um sich selbst das Signal zum Start zu geben, flötete er einmal richtig los.

„Tüüüt!“

Dann rannte er los. Er rannte so schnell er konnte. Sein Herz klopfte immer schneller. Nach einer Weile hatte er Mühe, seinen Rüssel gerade zu halten. Aber entschlossen hielt er durch. Dann wurden seine Beine schwer, doch er rannte weiter. Nun sah er schon das Ende der Lichtung. Aber ein echter Dickhäuter gibt nicht auf. „Bestimmt werde ich gleich abheben“, dachte er. Doch nichts geschah. Jetzt kamen die ersten Bäume immer näher und siehe da: Der Elefant flog!!

Es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als eine Vollbremsung zu machen und dabei schleuderte es ihn in hohem Bogen durch die Luft. Er landete unsanft auf seinem dicken Hinterteil, und blieb erst einmal verdattert sitzen.

„Ha, ha, ha, das nenn ich eine Bruchlandung“. Der Affe hatte selten so viel Spaß gehabt und hüpfte vor Vergnügen immer wieder in die Höhe.

Auch die Giraffe und die Gazelle brachen in Gelächter aus. Was war das doch für ein Spaß.
Der Elefant hingegen war verzweifelt. Was hatte sein Leben noch für einen Sinn, wenn er doch nicht fliegen konnte. Stattdessen war er zum Gespött der anderen Tiere geworden.

„Ich muß auf einen anderen Planeten auswandern. Hier kann ich mich nicht mehr blicken lassen“, dachte er. „Mein Leben ist ruiniert“.

Langsam stand er auf. Sein Hinterteil schmerzte gewaltig, aber er ließ sich nichts anmerken.
Er wollte sich wortlos davonschleichen, doch da versperrte ihm ein Nilpferd den Weg.

„Schönen guten Tag Elefant“, sagte es. „Wie gut, daß ich dich treffe“.

Der Elefant war völlig durcheinander. Was sollte so gut daran sein, so einen Versager wie ihn zu treffen?

„Was willst du von mir?“, fragte er das Nilpferd ohne großes Interesse.

„Du kennst doch den Trampelpfad, der runter zum Fluß führt“, antwortete das Nilpferd.

„Klar“, sagte der Elefant.

Jeder kannte den Pfad. Er wurde täglich von vielen Tieren benutzt, um zum Trinken an den Fluß zu gehen.
„Nun, bei dem Unwetter heute nacht wurden einige Bäume entwurzelt und fielen direkt über den Trampelpfad. Solche dicken Tiere wie ich kommen jetzt nicht mehr an den Fluß. Der Weg ist versperrt. Wir brauchen dringend jemanden, der so groß und stark ist wie du. Mit deiner Kraft und deinem Rüssel kannst du die Bäume zur Seite räumen und den Weg wieder frei machen. Du mußt uns unbedingt helfen, sonst verdursten wir“.

Da spürte der Elefant wie ein Ruck durch seinen Körper ging. Sein schmerzendes Hinterteil spürte er plötzlich gar nicht mehr.
„Dann wollen wir hier nicht länger rumstehen, sondern uns an die Arbeit machen“, sagte er entschlossen.

Es wurde ein anstrengender Nachmittag. Viele schwere Baumstämme mußte der Elefant wegräumen. Aber die harte Arbeit machte ihm nichts aus. „Wozu soll ich fliegen lernen?“ überlegte er, „Ich bin ein Elefant. Elefanten schwirren nicht durch die Lüfte. Das sind ganze Kerle, die wichtige schwere Arbeiten verrichten“.

Voller Stolz räumte er den letzten Baumstamm zu Seite. Es fing schon an dunkel zu werden, als er endlich fertig war. Nun war er wirklich sehr, sehr müde nach diesem anstrengenden Tag. Zusammen mit den anderen Tieren ging er runter zum Fluß und trank, bis er keinen Durst mehr hatte. Danach suchte er sich einen gemütlichen Platz für die Nacht. So zufrieden war er noch nie eingeschlafen.

© Copyright by Heike Heinlein Mai 2001

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