Henrich, Stella-Eva: Charlies Mutter erklärt … den Krieg

März 2003


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Änni: Mama, Charlies Mutter hat gesagt, Bagdad sei nicht weit von uns weg. Aber in Bagdad fliegen Bomben, bei uns ist es aber doch ruhig. Machen wir auch bald Krieg, Mama.

Mama: Nein, Änni. Bei uns gibt es keinen Krieg. Weder morgen noch irgendwann. (entschlossene Stimme)

Änni: Warum bist du da so sicher, Mama. Charlies Mutter hat gesagt, wenn in Bagdad nicht bald Ruhe ist, dann werden die Araber bei uns Häuser in die Luft sprengen. Ich will aber nicht, dass in Frankfurt so was passiert, Mama. (verängstigt)

Mama: Änni, Charlies Mutter geht mir mit ihrem Gerede auf die Nerven.

Änni: Mama, ich habe trotzdem Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt.

Mama: Änni, ich kann deine Sorge verstehen. (beschwichtigend) Aber du musst wissen, Bagdad ist 5.000 Kilometer von uns entfernt. Es stimmt nicht, wenn Charlies Mutter behauptet, die Stadt sei nicht weit weg. Aber du hast Recht, Änni, wir müssen aufpassen, dass wir nicht ignorant werden und uns die Schicksale der Menschen dort nicht mehr nahe gehen und berühren.

Änni: Warum beschießen die Menschen sich denn eigentlich in Bagdad, Mama?

Mama: Das ist eine sehr schwierige Frage, die du mir da stellst. In Bagdad gibt es einen Diktator, einen Mann der Schrecken und Terror anrichtet. Und weil der nicht freiwillig sein Amt niederlegen will, versuchen Soldaten ihn nun zu fangen und festzunehmen.

Änni: Hm (zweifelnd), ich habe gestern Bilder von toten Kindern im Fernsehen gesehen. Ihre Körper waren zerfetzt. Verstecken die den Diktator vor den Soldaten oder warum müssen sie sterben? (traurige Stimme)

Mama: Änni, dafür gibt es keine Erklärung. Diese Kinder sind unschuldig, so unschuldig wie alle anderen Kinder dieser Welt auch. Sie sind den Soldaten wohl in die Quere gekommen.

Änni: Und dann haben die Soldaten sie einfach weggebombt? (entsetzt, betroffen) Das glaube ich dir nicht, Mama. Das macht niemand.

Mama: Im Krieg gibt es keine Spielregeln, Änni. Der Krieg ist unmenschlich und brutal. Ein Menschenleben zählt da nicht viel.

Änni: Ich hasse den Krieg, Mama. Ich hasse, hasse, hasse ihn. (wütend)

Mama: Hass ist kein gutes Gefühl, Änni. Die Menschen führen doch gerade deshalb Krieg, weil sie sich hassen.

Änni: Bin ich etwa auch so böse wie der Diktator in Bagdad?

Mama: Nein, Goldkind, du bist nicht böse. Nur manchmal frech. Aber das sind alle Kinder, alle Kinder dieser Welt. Das ist völlig normal.

Änni: Da bin ich aber echt froh, Mama.
… es klingelt an der Tür …
Mama, es ist Charlie. Wir sind zum Räuber und Gendarm spielen verabredet. Bis später.

© 2002 by stella eva henrich

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