Henrich, Stella-Eva: Charlies Mutter erklärt Väter

Samstags habe ich „Papa, Charlies Vater hat gesagt“ im HR angehört. Denn meine Eltern hörten viel Radio, und da habe ich auch zugehört. Jetzt nach über 20 Jahren, habe ich angefangen, dieses Format zu kopieren. Und heute fragt die sechsjährige Anja – von ihrer Mutter Änni genannt – ihre Mama. ….“sag mal Mama, Charlies Mutter hat gesagt,…..“ und sie antwortet…… (Charlie ist der Spitzname von Änni´s Freundin Charlotte)


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„Die besten Väter dieser Welt“

Änni: Mama, sag mal, Charlies Mutter hat gesagt, Charlies Onkel Fritz habe sich vom Acker gemacht, als Charlies Cousin Michi zur Welt kam. Er sei ein Saukerl, dieser Fritz, hat Charlies Mutter gesagt.

Mama: Ja, Änni. Wenn es so war, dass der Vater von Charlies Cousin sich seiner Verantwortung als Vater nicht gestellt hat, dann ist er ein echter Saukerl.

Änni: Na ja, vielleicht hatte Charlies Onkel Fritz ja keine Lust auf Kinder, Mama.

Mama: Also Änni (moralischer Ton), deshalb läuft man doch nicht einfach davon. Wir machen doch alle manchmal Dinge, die uns nicht gefallen. Guck, ich arbeite jeden Tag für ein Unternehmen, dessen Produkte ich mir von meinem Gehalt niemals kaufen kann. Trotzdem bleibe ich dort und haue nicht einfach ab. Obwohl es mir nicht gefällt.

Änni: Mama, der Vergleich hinkt aber. (lacht beim Reden) Du könntest Dir ja einen neuen Betrieb suchen. Aber einen neuen Vater bekommst du nicht einfach an der Supermarktkasse. Also, warum bekommen Leute Kinder, Mama?

Mama: Hm, da gibt es sicher verschiedene Gründe, Änni. Die einen lieben sich so sehr, dass sie gemeinsam ein Kind haben wollen. Die anderen haben Angst vor dem Tod und müssen sich reproduzieren. Andere Menschen wiederum finden es schick, Kinder zu haben. Wiederum andere wollen einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und setzen Kinder in die Welt. Manchmal passiert es auch ganz einfach, ohne dass es vorher geplant war, Änni.

Änni: Ohne Planung ! (laut entrüstet) Na das könnte mir nicht passieren, Mama. Könnte das nicht aber bei Charlies Onkel so gewesen sein, Mama? Ein Unfall und dann hat er sich einfach vom Acker gemacht.

Mama: Ich will das nicht ausschließen, Änni. Aber ich finde das trotzdem nicht gut.

Änni: Irgendwie bist Du spießig, Mama. Und moralisch. Vielleicht braucht Charlies Cousin gar keinen Vater. Vielleicht erzählen ihm die Erwachsenen immer nur, jeder müsse einen Vater haben. Ich habe jedenfalls mehr Klassenkameraden ohne als mit Vater. Glaube ich.

Mama: Na prima, Änni, dass Du wenigsten nicht moralisch und spießig bist wie ich. Da bin ich wirklich sehr froh drüber, mein Kind. Was hältst du denn davon, wir schicken Papa die nächsten Wochen einfach mal zu Tante Hilde. Irgendwie habe ich zur Zeit keine Lust mehr auf Papa. Der schnarcht nachts laut, wälzt sich im Bett und klaut mir regelmäßig die Bettdecke im Schlaf. Papa nervt mich.

Änni: Aber Mama, was redest Du da. (entrüstet, wütend) Wenn Du Papa zu Tante Hilde schickst, gehe ich mit ihm. (sehr entschlossen)

Mama: Aber Änni, Du wirst doch jetzt nicht spießig, oder?

Änni: Ist mir doch egal. (trotzig) Bin ich halt spießig, Mama. Aber Papa gehört zu uns. Den kannst Du doch nicht einfach so weggehen lassen. Wer liest mir dann abends Harry Potter vor, wer bringt mich morgens in die Schule und spielt am Wochenende mit mir Schach? Du bist wirklich gemein, Mama.

Mama: Reg Dich wieder ab, Änni. Ich werde Papa nicht wegschicken. (versöhnlicher, beruhigender Ton) Aber Du siehst, jeder braucht seinen Vater. Vielleicht will das Charlies Cousin Michi nur nicht zugeben. Könnte doch sein, Änni. Oder?

Änni: Vielleicht. Könnte schon sein. Vielleicht frag ich ihn mal, Mama. (leise und nachdenklich redend) Im übrigen, Du schnarchst auch, Mama. Papa wollte deshalb kürzlich schon mal sein Bett bei mir im Zimmer aufstellen.

© 2002 by Stella-Eva Henrich

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