Krummeck, Anja: Der Löwe hat Zahnweh

angsam ging die Sonne auf und vertrieb die schwarze Nacht. Noch halb schlafend öffnete der Löwe seine Augen und streckte sich. Ein neuer Tag begann, an dem er wieder viel erleben wollte. Langsam stand er auf und sah sich um. Er war anscheinend der erste, der wach war. Alles war noch ruhig und es war niemand zu sehen. Um die Müdigkeit aus seinem Körper zu vertreiben, streckte er sich erst einmal ausgiebig. Der Löwe überlegte, was er nun machen sollte, da ja außer ihm noch alles schlief.
Er hörte ein kleines Grummeln in seiner Magengegend und beschloss, erst einmal zu frühstücken.

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Als er gerade genüßlich am kauen war, überkam ihn plötzlich ein stechender Schmerz im Mund. Der Löwe stöhnte vor Schmerz und Überraschung, denn solche Schmerzen kannte er nicht. Er schluckte den Rest der Mahlzeit, den er noch im Mund hatte ungekaut hinunter und hoffte, dass der Schmerz verschwinden würde. Doch der Schmerz war immer noch da. Er saß in seinem Kiefer und pochte
unaufhörlich. Der Löwe versuchte, den Schmerz mit einem Schluck frischem Wasser hinunterzuspülen, doch als das Wasser die schmerzende Stelle berührte, wurde es nur noch schlimmer. Seine schmerzvollen Ausrufe, sein Jammern und Klagen waren weit in der Landschaft zu hören.
Von diesem Lärm angelockt, kam ein kleiner Hamster aus seinem Erdloch hervorgekrochen. Er wollte sehen, wer oder was denn solch einen Lärm veranstaltete und ihn nicht mehr schlafen ließ. Neugierig lief er auf den Löwen zu und blieb erst einmal in sicherer Entfernung stehen. Der Löwe war so mit sich und seinem Schmerz beschäftigt, dass er den kleinen Hamster gar nicht bemerkte. Schließlich ging der kleine Hamster auf den Löwen zu und fragte ihn, warum er denn solch einen Krach macht.
Überrascht und erst einmal von seinem Schmerz abgelenkt sah der Löwe den kleinen Hamster an und erzählte, was er doch für schlimme Schmerzen habe. Als dem Hamster klar wurde, dass der Löwe Zahnschmerzen hat, schlug er ihm vor, doch einfach zum Zahnarzt zu gehen. Der Zahnarzt
würde ihm die Schmerzen nehmen und dann könnte der Löwe wieder essen und kauen wie zuvor – ganz ohne Schmerzen.

Als der Löwe das Wort Zahnarzt hörte, wurde er kreidebleich. Ihm lief ein Schauer über den Rücken und seinen ganzen Körper durchlief ein Zittern. Der Löwe hatte von anderen gehört, dass es beim Zahnarzt ganz schrecklich sein sollte. Alle erzählten, dass dieser einem riesige Spritzen geben würde und mit einem lauten, grässliche Töne erzeugenden Bohrer noch größere Löcher in die Zähne machen würde. Außerdem würde es beim Zahnarzt so penetrant nach Desinfektionsmittel stinken,
dass es einem noch schlechter wird, als es einem ohnehin schon ist. Der kleine Hamster merkte, dass der Löwe schreckliche Angst vor dem Zahnarzt hatte und versuchte, beruhigend auf ihn einzureden. Von selbst würden die Schmerzen nicht verschwinden, das war dem kleinen Hamster klar. Der Löwe
aber, der nicht wollte dass man merkte, wenn er Angst hatte, wollte keine weiteren Ratschläge mehr vom kleinen Hamster mehr annehmen und sagte ihm, dass die Schmerzen so schlimm auch wieder nicht seien. Der Hamster könne ruhig wieder in seine Höhle zurückgehen, denn ihm, dem Löwen gehe es gut. Außerdem solle er sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen, schließlich hatte er ihn nicht um Hilfe gebeten. Der kleine Hamster, der dem Löwen ja eigentlich nur helfen wollte, ging dann wieder in seine Höhle zurück, rief dem Löwen aber, als er schon auf dem Weg in sein Erdloch war, noch zu, dass er dann gefälligst ruhig sein solle, wenn es ihm doch so gut gehen würde. Schließlich wollten andere ja noch schlafen.

Als der kleine Hamster wieder verschwunden war, legte der Löwe sich hin und wollte auch noch etwas schlafen. Er hoffte, dass die Schmerzen schon weg gehen würden, wenn er etwas schlafen würde. Als der Löwe so da lag und versuchte zu schlafen, wurde der Schmerz in seinem Kiefer wieder stärker. Das Pochen wurde ständig intensiver. Weil der Löwe sich auf die Schmerzen konzentrierte, konnte er nicht einschlafen. Leise stöhnte er vor Schmerz. Er drehte sich auf die andere Seite und wollte endlich
schlafen. Doch die Schmerzen nahmen nicht ab. An schlafen war nicht zu denken. Ein lauter Seufzer kam ihm über die Lippen und schließlich fing er wieder an zu jammern und zu klagen.

Der kleine Hamster kam wieder aus seinem Erdloch hervor und ging zum Löwen hin, stellte sich vor ihn und sah ihn mahnend an. Schließlich sah der Löwe, dass der kleine Hamster wieder da war. Die beiden standen schweigend voreinander und der Blick des kleinen Hamsters durchbohrte den Löwen. Schließlich, weil er den stechenden Blick des kleine Hamsters nicht mehr standhalten konnte, fragte der Löwe den kleinen Hamster, wie man denn zum Zahnarzt hinkommt. Der kleine Hamster erklärte ihm den Weg. Weil der Löwe aber immer wieder nachfragte und anscheinend ständig die Ortsangaben verwechselte und sich den Weg anscheinend absolut nicht behalten konnte, bot der kleine Hamster dem Löwen schließlich an, ihn zu begleiten. Der kleine Hamster konnte sich denken, dass der Löwe Angst hatte und nicht allein zum Zahnarzt gehen wollte. Dankbar erklärte sich der Löwe einverstanden und die beiden machten sich auf den Weg.

Unterwegs erzählte der kleine Hamster dem Löwen, wie es wirklich beim Zahnarzt ist. So ist es zum Beispiel so, dass die Spritze, die man bekommt überhaupt nicht schmerzhaft ist. Die Schmerzen im Zahn sind viel stärker als der kleine Piks einer Spritze, die man aber auch nicht bei jedem Zahnarztbesuch bekommt. Der Löwe blickte stur geradeaus und sagte kein Wort. Er dachte sich, dass der kleine Hamster ihm nur die Angst nehmen und ihm deshalb den Zahnarztbesuch schönreden
wollte. Der kleine Hamster bemerkte die misstrauischen Blicke des Löwen und fuhr mit seiner Erzählung fort. So erklärte er dem Löwen auch, dass ein Zahnarzt zwar einen Bohrer hat, mit ihm aber nur Löcher in den Zahn bohrt, um den schmerzverursachenden Karies zu beseitigen und das Loch
dann anschließend wieder komplett mit einer Flüssigkeit zu schließen, die später genauso hart wird, wie der eigentliche Zahn. Auch, dass es in Arztpraxen nach Desinfektionsmittel riecht hat seinen Grund, erklärte er dem Löwen. Das Desinfektionsmittel bekämpft Bakterien, die sich z.B. auch auf dem Bohrer, dem Zahnarztstuhl und überhaupt überall befinden. Diese Bakterien können verantwortlich dafür sein, dass sich die Wunde im Mund oder am Zahn entzündet, was dann weitere Zahnarztbehandlungen zur Folge haben würde. Deshalb wird Desinfektionsmittel benutzt.
Je länger der kleine Hamster dem Löwen alles erklärte, desto ruhiger und zuversichtlicher wurde er. Die Schmerzen konnte er zwar immer noch spüren, aber die Erzählung mit dem kleinen Hamster lenkte ihn doch zumindest soviel ab, dass er die Schmerzen aushalten konnte.

Schließlich standen die beiden vor der Praxis. Das Herz des Löwen begann schneller zu schlagen. Er fragte sich, ob das, was der kleine Hamster ihm die ganze Zeit erzählt hatte, auch wirklich stimmte. Es konnte ja auch sein, dass der kleine Hamster geflunkert hatte und die anderen doch recht hatten, mit ihren Behauptungen. Schließlich sagten das ja auch alle, und wenn alle das sagen, wird es vielleicht doch stimmen, überlegte der Löwe. Außerdem fragte der Löwe sich die ganze Zeit schon, woher der kleine Hamster das alles überhaupt wissen konnte.

Der kleine Hamster merkte, dass der Löwe zögerte, hineinzugehen. Er wartete ab, was der Löwe nun tun würde. Hineingehen musste der Löwe schon selbst., der kleine Hamster konnte ihm dabei nicht helfen. Der Löwe blickte den kleinen Hamster an und war sich nicht sicher, ob er nun dem kleinen Hamster glauben sollte oder nicht. Doch nun begann das pochen in seinem Kiefer wieder stärker zu werden. Die Schmerzen nahmen so schnell wieder zu, dass der Löwe einen schmerzverzerrten Seufzer losließ. Schließlich entschloss sich der Löwe, wo er nun schon einmal hier war, doch
in die Arztpraxis zu gehen, denn die Schmerzen hörten anscheinend von selbst nicht auf.

Als der Löwe, nachdem er im Wartezimmer etwas gewartet hatte aufgerufen und in das Arztzimmer geführt wurde, erlebte er eine Überraschung. Neben dem Behandlungsstuhl stand, in einem weißen Kittel und mit weißen Handschuhen, der kleine Hamster. Nun war dem Löwen klar, woher der kleine Hamster so gut über Zahnärzte Bescheid wusste, der kleine Hamster war selbst ein Zahnarzt! Der Löwe atmete erleichtert auf, denn durch die vielen Erzählungen des kleinen Hamsters auf dem Weg in die Praxis, hatte er Vertrauen zu ihm gefasst. Etwas beruhigter nahm er auf dem Behandlungsstuhl platz und öffnete sein Maul, damit der kleine Hamster nachsehen konnte warum der Löwe solche Schmerzen hatte.

Die Behandlung dauerte nicht sehr lange und bald konnte der Löwe wieder vom Behandlungsstuhl aufstehen und frei von Schmerzen wieder nach Hause gehen. Der kleine Hamster sagte ihm noch, dass er erst am nächsten Tag wieder etwas essen sollte. Ansonsten könnte es sein, dass die Schmerzen wieder kommen könnten und das wollte der Löwe natürlich nicht.

Gut gelaunt und ohne Schmerzen ging der Löwe wieder nach Hause und erzählte allen, wie es beim Zahnarzt wirklich ist und dass an den Schauermärchen, die ihm alle zuvor erzählt hatten, nichts dran
war. Er wusste es ja nun besser.

© by Anja Krummeck 2002

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