Michael, Melanie: Ein modernes Märchen

„Das Geheimnis des Bauernhauses“


ad

Es war einmal ein Junge, der Sascha Mausgewitz hieß. Er war blond, hatte blaue Augen und eine zierliche Gestalt.
Eines Tages kam Sascha nach Haus und Mutter Maja empfing ihn fröhlich, denn sie hatte in einer Verkaufsstelle Arbeit gefunden. Vater Ewald arbeitet in einer Nudelfabrik und verdient recht wenig.

Als Sascha mit den Hausaufgaben fertig war, kam Mutter und verkündete, dass er in den Herbstferien zu Großmutter Barbara aufs Land fahren solle. Sascha fragte entsetzt: „Gibt es da auch Jungen, mit denen ich spielen kann?“ „Ja“, antwortete Mutter Maja,: „Die Drillinge Jo, Mo und To. Es gibt auch viele Tiere auf dem Hof.“ „O.K.,“ sagte Sascha.


Die Herbstferien rückten näher und somit auch Saschas Urlaub bei Großmutter Barbara. An einem Samstagmorgen fuhr Vater Ewald Sascha zur Oma. Sie wurden von ihr überschwinglich nett empfangen: „Oh, Sascha! Bist du groß geworden,“ waren die ersten Worte der Großmutter. Gerade als Sascha nach den Drillingen fragen wollte, kamen die Jungen bereits zum Gartentor hereingestürzt. Sofort wurden die Kinder Freunde. Jo sagte sogleich: „Morgen werden wir die Umgebung erkunden!“ Es wurde ein interessanter und aufregender Tag für Sascha. Er lernte viel neues kennen. Aber noch aufregender wurde es am Abend, als sich die vier Jungen auf dem Dachboden trafen. To tat sehr geheimnisvoll und flüsterte: „Dein Großvater erzählte uns kurz vor seinem Tode eine unglaubliche Geschichte. Früher soll hier eine grässliche alte Hexe gehaust haben. Sie verwandelte ein herrliches Schloss mit vielen Reichtümern in dieses alte Bauernhaus. Die Zauberkraft der Hexe war unerschöpflich stark. Die Alte kannte Millionen von Zauberformeln und sie verwünschte viele Gegenstände und Lebewesen. Darunter waren auch drei Königskinder, eine Prinzessin und zwei Prinzen. Diese verwandelte die Hexe mit ihrem Zauberbesen in drei schwarze Raben. In einem abgeschlossenen Käfig in der hintersten Dachkammer wurden sie gefangengehalten. Den Schlüssel dazu bewahrte sie stets in einer kleinen goldenen Schatulle auf.“

„Whow,“ rief Sascha,: „Habt ihr denn schon ’mal was gefunden?“ „Nein,“ antwortete Mo,: „Wir waren bisher zu feige. Aber nun, wo wir zu viert sind, werden wir es wagen, einverstanden?“ „Gut,“ willigte Sascha ein und gähnte,: „Aber für heute sollten wir erst einmal schlafen gehen.“

Die Nacht über hatte Sascha komische Träume. Er träumte von Hexen, bösen Geistern und Kobolden. Immer wieder erschien ihm der gleiche Kobold. Er stand in einem tropfenden Kellergewölbe und lachte grimmig. Zu seinen Füßen stand inmitten von Ratten eine kleine Kiste. Sehr undeutlich murmelte der Kobold einen Spruch: „Ra, ra, ra, die Raben sind noch da. Willst du sie befrein, schau in die Kiste rein!“

Sascha wälzte sich im Bett und wurde plötzlich wach. Er war schweißgebadet und schaute erschrocken auf. Vor ihm stand Jo. „Nun steh’ schon auf und beeil dich,“ sagte er. Sascha dachte an seinen Traum, sagte jedoch nichts. Zu viert gingen sie dann wieder auf den Dachboden. Mo hatte ein Brecheisen, To eine Axt mitgebracht. „Nur für den Notfall,“ sagten die beiden mit zitternder Stimme. Nun begann die abenteuerliche Suche. Stück für Stück durchstöberten die Jungs den Dachboden. In alten Schränken und Truhen fanden sie unzählige, spinnwebenbedeckte Gegenstände. Darunter waren eine Menge Bücher. Plötzlich rief To in die Stille hinein: „Schaut, was ich gefunden habe! Das große Buch der Zauberei.“ Vier Augenpaare starrten sich entsetzt an. Nun glaubte jeder, dass die Hexe nicht nur in ihrer Phantasie gelebt hatte. Als die Kinder interessiert das Buch durchblätterten, zuckte Sascha auf einmal zusammen. „Was war das, habt ihr dieses Geräusch auch gehört,“ fragte er. Mo bejahte. „Ich glaube, es kam dort hinten aus der Ecke. Es hörte sich wie ein Krächzen an.“ Mit bibbernden Knien begaben sich die vier in diese Richtung. Sie schauten angestrengt, was da wohl sein könnte. To entdeckte als erster die Öffnung in der Wand, welche mit Brettern vernagelt war. „Wir müssen die Bretter lösen, um hinein zu gelangen,“ schlug Jo vor. Alle waren einverstanden. Mit dem Brecheisen und der Axt war es gar nicht so schwer.

Als das letzte Brett gelöst war, fielen vereinzelte Sonnenstrahlen durch die Öffnung. Man konnte die Staubkörnchen tanzen sehen. Sascha steckte als erster den Kopf hindurch, hielt jedoch inne. Was er da sah, verschlug ihm die Sprache. „Es ist also doch wahr,“ sagte er zu den anderen. „Seht selbst! Dort sitzen drei Raben im Käfig.“ Ihnen stand vor Schreck der Mund offen. Als sich die Jungen erholt hatten, kletterten sie nacheinander durch die Luke. Die Raben schauten sie mit großen Augen an. To sagte: „Dein Großvater meinte auch, dass sie befreit und erlöst werden müssen.“ „Tja, da such doch einer den Schlüssel bei diesem Gewühle,“ sprach Mo. „Vielleicht kann man den Käfig aufbrechen,“ schlug Jo vor. „Das wäre zu einfach, wir brauchen den Schlüssel,“ erwiderte Sascha. Plötzlich dachte er an seinen Traum und an den Spruch des Kobolds. Er fügte noch hinzu: „Ich hatte heute Nacht einen komischen Traum…“ Er erzählte was er geträumt hatte und was sein Plan war. „Toll,“ riefen alle, als er geendet hatte.

Sie machten sich nun auf die Suche nach dem Kellergewölbe, in dem sie den Schlüssel vermuteten.
Sascha hatte sich erinnert, dass unter Großmutters Waschküche früher ein alter Weinkeller gewesen war. Zu diesem kannte er aber den Zugang nicht. Nach kurzem Suchen war das Rätsel gelöst. Es gab eine Falltür. Sie ließ sich relativ leicht öffnen und sie ließen sich langsam hinabgleiten. Dort unten herrschte ein großes Durcheinander. Unzählige Flaschen und Fässer, ganz oder kaputt, lagen umher. Aus einer Ecke vernahmen sie ein Quietschen und Fiepen. Ruckartig drehten sich vier Köpfe dorthin. Ein komisches Bild: sie sahen eine Ratte auf einem schmutzigen alten Kästchen sitzen. „Das muss die Schatulle sein,“ schreit Sascha in das Halbdunkel. Noch ehe einer etwas sagen konnte, nahm Jo eine Flasche und warf sie nach der Ratte. Diese ergriff erschrocken die Flucht. Langsam näherten sich die Jungen der Schatulle, öffneten sie und erblickten… den rostigen Schlüssel. Ein leiser Jubel stieg in ihnen auf. Sascha nahm den Schlüssel und eilte allen voran zurück zur Dachkammer. Ruckartig steckte er den Schlüssel ins Schloss des Käfigs. Mit letzten Kräften konnte er den rostigen Schlüssel drehen und die Tür sprang auf. Nacheinander stürzten sich die Raben in die Freiheit. In diesem Moment kam auf dem Dachboden ein gewaltiges Unwetter auf. Es stürmte, hagelte und blitzte. In Todesangst pressten sich die Freunde an den Händen haltend gegen die Wand. Vor ihren Augen begann es zu flimmern. Genau so schnell, wie es begonnen hatte, hörte das Spektakel wieder auf. Die Kinder öffneten langsam die Augen und blinzelten ins grelle Licht. Was sie sahen war unglaublich: sie befanden sich in einem herrlichen Spiegelsaal. Überall funkelte es vor Gold. Ihnen gegenüber standen eine wunderschöne Prinzessin und zwei junge Prinzen. Sie sprachen: „Ihr seid unsere Retter und Erlöser. Durch dich, Sascha, wurde der Zauberbann gebrochen. Als Belohnung dafür schenken wir euch all die Reichtümer aus Gold, die ihr hier sehen könnt.“ Wiederrum besinnt sich Sascha als erster und entgegnet: „Es ist wie ein herrlicher Traum, aber was sollen wir mit diesen Schätzen anfangen? Wir sind doch noch Kinder.“ Die Prinzessin denkt nach und sagt: „Nun gut. Dafür möchten wir euch wenigstens drei Wünsche erfüllen. Überlegt euch die Antwort genau.“

Sascha, Jo, Mo und To beratschlagten lange. Schließlich ergriff wieder Sascha das Wort: „Wir sind uns einig. Erstens: Wir wünschen uns, dass es keinen Krieg mehr gibt auf dieser Welt. Zweitens: es soll immer Mittel gegen bisher unheilbare Krankheiten geben. Drittens: es soll keine Armut und kein Unrecht mehr geben. So könnten Eltern den Kindern ihre Wünsche erfüllen. Das wäre schön.“ „Das sind sehr kluge Wünsche, so möge es sein,“ waren sich die Königskinder einig.

Fortan lebten die Menschen gesund und in Frieden. Keine Familie kannte mehr Armut, auch Sascha, Jo, Mo und To nicht. Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Aber ihr Abenteuer vergaßen sie nie.

© MELANIE MICHAEL, 1997

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen