Wiegand, Sandra: Das kleine Piratenmädchen

Es war einmal ein kleines Piratenmädchen. Das hieß Lamira und war die Tochter des gefürchteten Oberpiraten Ibrahim Muggeluck. „Lamira“ heißt auf Seeräubersprache „Die schon viele Abenteuer bestanden hat“. Und Lamira wollte auch gerne die gefährlichsten Abenteuer bestehen und ihren Mut beweisen, aber ihr Vater erlaubte es nicht.Er sah sie mit seinem grünen funkelnden Auge an – das andere war ihm vor langer Zeit bei einer abenteuerlichen Seeschlacht ausgestochen worden, stattdessen trug er nun eine schwarze Augenklappe und sprach mit ernstem Ton: „Lamira, du bist erst 6 Jahre alt und mein einziges Kind. Seeschlachten sind eine gefährliche Angelegenheit und oftmals begegnet man dabei finsteren Gesellen, die keinen Spaß verstehen. Das ist nichts für ein kleines Mädchen. Aber du kannst doch auch hier auf unserer schönen Insel Abenteuer erleben, du kannst auf hohen Bäumen mit den Äffchen um die Wette klettern und den Wasserfall hinunterrutschen. Und schau doch mal welche schönen Spielzeuge ich dir von meinem letzten Raubzug mitgebracht habe!“ Aber das waren nicht die Abenteuer von denen Lamira träumte. Und so stand sie wieder einmal traurig am Strand, als ihr Vater am nächsten Tag mit seiner Piratenbande aufbrach, um reiche Schiffe auszuplündern. Sie winkte ihrem Vater hinterher und wollte sich gerade eine Träne aus den Augen wischen, als sie etwas glänzendes vor sich im flachen Wasser entdeckte. Was war denn das? Das sah ja wie ein Flasche aus. Schnell hob Lamira die grüne Flasche auf und bemerkte, dass in ihrem Innern ein Stück Papier steckte. Aufgeregt lief Lamira zu ihrer Strandhütte und holte aus einer Kiste ein paar kleine Stöckchen. Damit versuchte sie vorsichtig das Papier herauszuziehen. Nach ein paar Versuchen klappte es tatsächlich. Lamira rollte das Papier aufgeregt auseinander und traute ihren Augen kaum: Sie hielt eine echte Schatzkarte in den Händen! Kein Zweifel: Hier war Lamiras Heimatinsel mit dem Wasserfall und dem Wäldchen eingezeichnet und dort auf der Nachbarinsel war am Fuße eines kleinen Berges eine dicke Schatzkiste mit Gold und Edelsteinen aufgemalt. Da musste der Schatz zu finden sein. Lamira war früher schon einmal mit ihrem Vater auf der Nachbarinsel gewesen, es war nicht besonders weit, man konnte beinahe hin schwimmen. Und so fasste Lamira sofort den Entschluss zur Nachbarinsel hinüber zu rudern und den Schatz zu suchen.

Das kleine Ruderboot, das sie zum 5. Geburtstag bekommen hatte war schnell ins Wasser gezogen. Eigentlich sollte sie nicht alleine damit fahren, aber bis heute Abend, wen n Ihr Vater zurück kommen würde, wäre sie längst wieder da. Sie nahm noch ein wenig Proviant mit und stieg dann in ihr kleines Boot. „Ahoi!“ rief sie laut und machte mit der Hand den Seeräubergruß, „Ich steche in See!“ Und los ging die Reise. Das Meer war stürmischer als sie gedacht hatte, und Lamira musste mit ihrer ganzen Kraft rudern, damit sie auch wirklich Kurs auf die Nachbarinsel halten konnte. Sie kämpfte wie ein Löwe mit den Wellen, aber sie schaffte es und kam endlich am Strand der Nachbarinsel an. Erschöpft ließ sie sich in den Sand fallen und stärkte sich erst einmal mit einem Schluck Wasser und einem Stück Kokosbrot. Dann machte sie sich gleich auf den Weg, um den kleinen Berg zu suchen, der auf der Schatzkarte eingetragen war. Lamira hatte vor lauter Eifer gar nicht bemerkt, dass dunkle Wolken am Himmel aufgezogen waren. Plötzlich blitzte und donnert es und dann begann es zu regnen, nein zu schütten, wie aus großen Eimern platschte das Wasser auf die Erde. Lamira bekam es mit der Angst zu tun, am liebsten hätte sie sich jetzt bei ihrem Vater auf dem Schoß verkrochen und sich fest an ihn gekuschelt. Aber sie war ja ganz alleine, und deswegen musste sie ein kleines bisschen weinen. Aber nicht lange, dann sagt sie sich: „Ich bin Lamira, und ich werde eines Tages eine große Piratenfrau sein und Piraten kennen keine Angst.“ Und dann schrie sie in den Regen und den Sturm hinaus: „Ich bin Lamira, die gefährlichste Seeräuberfrau der sieben Meere und ich habe keine Angst!“ Sie hob einen großen Stock vom Boden auf und hielt ihn fest umklammert. Sollte doch kommen wer wollte, sie würde alle verhauen, die sich ihr in den Weg stellen! Als sie den kleinen Berg erreichte, hatte sich das Gewitter verzogen und die Sonne kam wieder zum Vorschein. Fieberhaft begann Lamira nach dem Schatz zu suchen: Sie lief einmal um den Berg herum und scharrte mit dem Stock in der Erde. Und wirklich: Bald fand sie eine Stelle, wo der Boden ganz weich war, so als hätte hier jemand vor kurzem gegraben. Mit dem Stock und ihren Händen buddelte Lamira so lange in der Erde bis sie auf etwas Hartes stieß. Sie wischte die Erde weg und erkannte, dass es ein Holzkiste war. Juchuuu!!! Sie hatte den Schatz gefunden. So schnell sie konnte, grub sie die Schatzkiste ganz aus und trug sie zurück zum Strand, wo sie ihr kleines Boot angetaut hatte. Zum Glück war die Kiste nicht schwer, und so hatte sie es bald geschafft. Voller Freude über den gefundenen Schatz und mit neuer Kraft ruderte sie zurück nach Hause. Da bemerkte sie das Sonne schon ganz tief stand und gleich darauf dunkelrot im Meer versank. War es etwa schon so spät? Hoffentlich waren ihr Vater und seine Seeräuberbande noch nicht zurück und suchten nach ihr. Als sie näher zum Strand kam, sah sie allerdings, dass das große Seeräuberschiff mit der schwarzen Flagge schon am Strand lag, und als sie noch näher kam, hörte sie dass alle Seeräuber nach ihr riefen: Laaaaa-miiiiiii-raaaaa! Woooooooooo bist duuuuuuuu?“ Lamira stand in ihrem Boot auf, formte mit den Händen einen Trichter um ihren Mund und schrie aus Leiberkräften: „Hiiiiiiiier, bin ich, auf dem Waaaaaaaaaaaasser, und ich habe einen echten Schaaaaaaatz gefunden!“ Sofort darauf sprang die ganze Seeräuberbande ins Wasser und schwamm zu Lamiras kleinem Boot. Sie zogen Lamira mitsamt dem Boot an Land und brachte sie schnell zu ihrem Vater, der traurig vor seiner Strandhütte saß. „Wir haben sie gefunden, Chef!“ Überglücklich sprang Lamira in die Arme ihres Vaters und bevor der zu schimpfen anfangen konnte, rief sie: „Papa, ich habe ein schweres Abenteuer bestanden und ich habe einen echten Schatz gefunden. Schau!“ Sie öffnete die Schatzkiste, die Seeräuber hielten gespannt den Atem an, und … die Kiste war leer. „Aber was ist denn das? Wie kann das sein?“ schluchzte Lamira und weinte los wie eine Heulboje. Ihr Vater strich ihr über den Kopf: „Nicht weinen, meine mutige Seeräubertochter, da war wohl jemand schneller als du. Aber du hast mir gezeigt, was für ein mutiges und tapferes Piratenmädchen du bist.  Und schau mal: Eine wunderschönen weiße Perle hat der Schatzräuber vergessen.“ Der Vater nahm die Perle aus der Kiste und band sie Lamira mit einem Lederband um den Hals. „Von nun an sollen alle wissen, dass du ein echtes Seeräubermädchen bist und zu meiner Mannschaft gehörst.“ „Heißt das, ich darf von jetzt an mit dir fahren?“, fragte Lamira immer noch mit Tränen in den Augen. „Genau, das heißt es“, nickte ihr Vater. Und die ganze Seeräuberbande brüllte: „Lamira, die Piratin, lebe ho-ho-hoch!“ Von nun an durfte Lamira ihren Vater bei allen Seeschlachten begleiten und sie erlebten gemeinsam viele gefährliche Abenteuer. Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute.


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© Sandra Wiegand 2003

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