Withau, Rosi: Eine Schmunzelgeschichte

Lilli wurde es zu Hause zu langweilig, keine Freunde, keinen Mann, Fernseher kaputt. Ach, dachte sie, ich werde einen kleinen Bummel durch die Stadt machen. Lilli ging ins Schlafzimmer und zog sich ihr neues smaragdgrünes Tweedkostüm an. Sie warf noch einmal kritisch einen Blick in den Spiegel und stellte zufrieden fest, dass dieses Kostüm ihrer Figur schmeichelt. Zufrieden mit sich selbst, verließ sie ihre Wohnung, stieg die zwei Treppen voller Grazie und Stolz hinunter und gelangte auf den Bürgersteig vor ihrem Haus. Lilli lief den Weg hinunter zur Stadtmitte. Lächelnd betrachtete sie dabei des öfteren ihr Spiegelbild in den Schaufenstern. Auch die Menschen, die ihr begegneten, schielte sie von allen Seiten an, ob diese vielleicht ihr bewundernde Blicke zuwerfen. Mittlerweile war Lilli schon im Zentrum der Stadt angelangt. An der linken Straßenecke kurz vor ihr sah sie das kleine italienische Bistro. Schnurstracks steuerte sie auf das Restaurant zu.

Sie ging hinein und suchte sich einen Platz in der Ecke am Fenster, damit sie ja auch die Leute weiter beobachten konnte. Träumend schaute sie durch das Fenster hinaus auf die vorübergehenden Passanten. „Senora, was darf ich ihnen bringen?“ wurde sie von dem Ober aus ihrer gedankenversunkenen Welt unfreiwillig herausgerissen. „Oh, ich habe sie gar nicht kommen sehen“, antwortete sie etwas verstört und strich sich dabei verlegen durch ihr kastanienrotes, welliges Haar. „Bitte einen Espresso und ein Kognak.“ „Sehr wohl Senora“, bestätigte der Kellner ihre Bestellung. „Ach bitte, bringen sie mir noch ein Mineralwasser dazu“, rief Lilli ihm noch hinterher, weil der Ober schon einige Schritte von ihrem Tisch entfernt war. Er drehte sich nur kurz zu Lilli herum und bestätigte die Nachbestellung mit einem kleinen Kopfnicken. Kaum, dass sie wieder alleine und ungestört war, hingen ihre Blicke schon wieder zum Fenster hinaus. Es dauerte jedoch nicht lange, und Lilli bekam ihre Getränke. Gekünstelt und geziert goß sie sich Selters aus der Flasche in das leere Glas, nippte einmal kurz daran, und dann hob sie ganz elegant ihren Kognakschwenker, schüttelte ihn wie ein Profi langsam im Kreis, roch daran und dann führte sie langsam den Schwenker an ihre Lippen und trank genüßlich die Hälfte des Inhaltes aus. Genau so langsam und voll auf Attrappe stellte sie das Glas auf den Tisch zurück. Sie zündete sich eine Zigarette an und führte nun die Espressotasse an ihren Mund.

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Gerade als sie einen Schluck nehmen wollte, hielt sie plötzlich inne. Regungslos verharrte sie in dieser Stellung und horchte sehr intensiv und neugierig den Stimmen am Tisch hinter ihr zu. Eine von den beiden Stimmen kam ihr doch sehr bekannt vor. Lilli lauschte erst noch eine ganze Weile weiter zu, um sich auch völlig sicher zu sein. Doch dann drehte sie sich langsam um, stand auf und stellte sich an den Tisch, der hinter ihr stand. Sie hatte Recht und sich nicht getäuscht. Es war die Stimme von Yvonne, ihrer Freundin. Beide hatten sich mehrere Monate nicht gesehen, weil Yvonne geheiratet hatte und in das entgegengesetzte Stadtteil von Lilli gezogen war. „Ja sag mal Yvonne, was machst du denn hier, das ist ja vielleicht eine Freude“, begrüßte sie Yvonne mit einem überfreundlichem Lächeln auf dem Gesicht. Yvonne sah erschrocken und sichtlich verblüfft zu Lilli hinauf. „Lilli, du? Wie lange bist du denn schon hier? fragte Yvonne ebenfalls mit einem Lächeln zurück, aber einem echten, natürlichen Lächeln. „Ach schon eine ganze Weile, und du?“ „Wir sind noch nicht so lange hier. Darf ich dir meine Kollegin vorstellen? Das ist Susanne Weidloff. Wir wollten heute nach der Arbeit einen Kaffee zusammen trinken. Komm setz dich doch zu uns“ „Es tut mir leid, Yvonne“, ergriff nun Yvonnes Kollegin das Wort, „ich muß jetzt sowieso gehen. Mein Mann wird schon auf mich warten. Wir wollen heute doch noch ins Möbelhaus fahren. Sei mir bitte nicht böse. Ein anderes Mal vielleicht länger“, entschuldigte sich Frau Weidloff und war schon im Begriff, aufzustehen. Dann verabschiedete sie sich von Lilli und Yvonne freundlich und begab sich aus dem Lokal.

„Nun Lilli, jetzt können wir plaudern. Sag mal, was hat dich denn heute eigentlich in die Stadt getrieben? „Ja weißt du Yvonne, ich hatte so viel zu tun, weiß vor Arbeit nicht wohin. Ich wollte einfach mal raus und Entspannen. Aber sag du mir mal, Yvonne, warum du mich schon die ganze Zeit so seltsam mit einem ironischen Lächeln anschaust.“ Yvonne konnte sich in der Tat das innerliche Grinsen kaum verkneifen. „Ach, es hat nichts mit dir zu tun, Lilli, ich habe nur eben noch einmal an das Gespräch mit meiner Kollegin gedacht.“ Um aber davon abzulenken, fragte Yvonne gleich zurück: „Dein Kostüm, Lilli, das du heute trägst, gefällt mir sehr. Hast du das schon lang, denn ich habe es noch nie an dir gesehen? „Nein, nein, das habe ich mir gerade erst vor zwei Tagen gekauft.“ Lilli wußte innerlich vor Stolz, gar nicht wie sie tun sollte. „Ge, das steht mir wirklich gut. Findest du nicht auch, dass es für meine Figur sehr günstig ist, Yvonne?“ „Ja selbstverständlich, es steht dir ganz ausgezeichnet.“ Als Lilli das hörte, wurde sie auf ihrem Stuhl immer größer. Neckisch wiegte sie ihren Kopf langsam hin und her. Das war doch bestimmt nicht billig, oder? bombardierte Yvonne weiter mit Fragen. „Wo hast du es denn gekauft?“ „Du wirst es mir nicht glauben, liebste Freundin Yvonne, bei Held.“ Was? kam es nocht erstaunter von Yvonne zurück. „Das war doch bestimmt sehr teuer?“Ihr Mund schien gar nicht mehr zuzugehen. Jetzt war Lilli in ihrem Element! „Ja, ja, ich verdiene jetzt sehr gut, und da habe ich dieses Kostüm bei Held im Schaufenster gesehen. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Wieder hatte Yvonne beim Zuhören dieses seltsame, hämische Lächeln auf ihrem Antlitz. „Du glaubst mir wohl nicht, Yvonne? Du lachst wieder so komisch. „Doch, doch, ich glaube dir das schon. Aber, liebe Lilli, jetzt wird es langsam auch für mich Zeit, zu gehen. Fred weiß zwar bescheid, dass ich heute Kaffee trinken gehe, aber ich möchte ihn doch nicht allzu lange warten lassen. Du weißt ja, Jungvermählte.“ Dass paßte Lilli zwar nicht so recht, so plötzlich abzubrechen. Wo sie doch gerade so schön in Fahrt war. Aber sie konnte nichts dagegen tun, denn Yvonne winkte schon den Kellner zum Bezahlen heran. Dann verließen beide die Gaststätte. Sie verabschiedeten sich mit einer lieben gegenseitigen Umarmung. Nur gut, dass Lilli nicht das Gesicht von Yvonne sehen konnte. Sie wäre sichtlich wieder verärgert gewesen, wenn sie dieses durchaus argwöhnische Lächeln gesehen hätte. Jeder ging dann in seine Richtung nach Hause.

Zu Hause angekommen, begrüßte Fred seine Frau freudestrahlend. „Na, meine kleine Yvonne, wie war das Kaffeetrinken mit deiner Kollegin? „Wunderbar. Stell dir nur mal vor, wen ich getroffen habe. Da kommst du nie drauf“, antwortete sie ihm und konnte dabei ihr Lächeln immer noch nicht verkneifen. Fragend und staunend sah Fred seine Frau an, und er wußte, dass sie es ihm gleich sagen würde, bevor er anfängt zu raten. „Da kannst du gar nicht drauf kommen. Es war, …es war: Lilli!“ Jetzt war Fred tatsächlich überrascht, damit hatte er wirklich nicht gerechnet. „Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt“, erzählte Yvonne ihrem Mann weiter. Lilli trug ein wunder, wunderschönes smaragdgrünes Kostüm. Sie sah ganz bezaubernd darin aus. Sie war auch sehr stolz darauf. Sie hatte es sich erst vor ein paar Tagen gekauft.“ Fred fragte mit einer leichten Desinteresse im Ton: „Sag mal, Liebling, du hattest doch auch mal so ein ähnliches Kostüm. Aber gesehen habe ich es an dir nie wieder.“ „Das kannst du auch nicht mehr, mein Schatz“, sprach Yvonne nun mit einem fürchterlich lautem Lachen. Sie konnte sich vor Lachen kaum noch halten. Sie lachte so herzlich, dass ihr die Tränen dabei kamen. „Lilli trägt jetzt mein Kostüm. Es war nämlich meines, was sie heute an hatte. Mir ist es zu eng geworden, und da habe ich es der Kleiderkammer gespendet. Während Yvonne dies ihrem Mann gestand, mußte sie dazwischen immer wieder Pausen beim Sprechen einlegen, weil sie während des Erzählens immer wieder an das Gespräch im Lokal mit Lilli denken mußte. Typisch Frau!

 2000 by Rosi Withau

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