„Blau wie die Sehnsucht“ von Veronika Suerken

Im Schreibwettbewerb „Erwartungen 2001“ erhielt die Autorin Veronika eine Ehrenurkunde für ihre Geschichte „Blau wie die Sehnsucht“.


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Blau wie die Sehnsucht

Ich sehe eine Träne in deinen Augen, ganz langsam rollt sie deine Wange hinab. Sie sucht sich ihren Weg. Immer schneller wird sie. Dein Mund öffnet sich, und ich höre dein Schluchzen.

Es zerreißt mir das Herz.

Sofort will ich aufspringen, doch ich kann es nicht.

 

Der Pfarrer redet.

Wie kann der über dich sprechen, wenn er dich kaum kannte?, fragst du dich.

Ich sehe es an deinen Augen. Sie erzählen mir deinen Kummer.

Ich will am liebsten winken, sodass du mich endlich siehst, doch ich weiß, du kannst mich nicht sehen.

Deine Augen schweifen umher, als ob sie mich suchen, aber ich erkenne, du suchst etwas an dem du dich halten kannst.

Die Blumen, es sind Lilien, nein, denkst du, Nelken. Die Rosafarbigen , die so lieblich duften. Und erneut erfasst  es dich.

Ich will aufspringen und zu dir laufen, doch ich kann nicht.

Etwas hält mich fest. Ich reiße und zerre, aber ich schaffe es nicht.

 

Der Pfarrer betet.

Sofort faltest du deine Hände, doch nur damit keiner hersieht.

Du willst alleine sein. Keiner soll dich beachten, niemand soll deinen Schmerz bemerken.

Er sitzt tief. Tief in dir.

Ich schaue dich an. Du hast die Augen geschlossen. Blaue Augen. Wie die Sehnsucht.

Oh, wie ich dich vermisse!

Erneut versuche ich, zu dir zu gehen. Ich will dich umarmen.

 

Der Pfarrer ist still geworden.

Schwarz! Du willst aufspringen. Nein, es darf nicht sein!

Erneut sehe ich eine Träne in deinen Augen.

Du hast blaue Augen. Blau, wie die Sehnsucht, die ich fühle. Ich vermisse dich.

Aber ich bin nicht bei dir, obwohl ich deinen Atem spüren kann.

Ich will dich halten, wenn du fällst.

 

Der Pfarrer geht vorne weg. Er spürt deinen Kummer, ich weiß es.

Schwärze hinter uns, neben uns, über und unter uns.

Doch etwas gibt Licht.

Erneut sehe ich dich weinen, als sie es in die schwarze Dunkelheit hinablassen.

Ich spüre einen leichten Druck von oben. Etwas zerrt an mir.

Du hast mich erkannt.

Du springst auf, versuchst auf mich zuzurennen. Doch du stolperst und fällst auf die Knie.

Blut schwillt aus der Wunde. Rot.

Ich spüre deine unendliche Liebe zu mir.

 

Der Druck auf mir ist stärker geworden. Etwas zieht und zerrt an mir.

Ich beginne zu fliegen.

Deine Augen, sie sind klar, erfassen mich. Unsere Blicke treffen sich.

Blau, wie der Himmel, an diesen Aprilmorgen.

Oh, wie ich dich liebe.

 

Dunkelheit! Du stehst da, und schaust hinauf, wo ich verschwunden bin. Du denkst, ich habe dich verlassen.

Aber ein kleiner Lichtstrahl fällt auf dich. Er lässt deine Augen erleuchten. Sehnsucht.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

 

Du weißt, wir werden uns wiedersehen.

 

© 17.05.2001 by Veronika Suerken


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