„Bunter Herbst“ von Michael Barens

Der Autor Michael Barens hatte mit seiner Geschichte am Schreibwettbewerb “Bunter Herbst” teilgenommen und damit den zweiten Platz belegt.

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Bunter Herbst
Im Atelier riecht es nach Farbe, von draußen weht frischer Wind herein. Auf der Staffelei ist ein Bild. Vier Menschen sind darauf dargestellt, doch nicht als zusammengehörige Gruppe, sondern so, als wüssten sie nichts von der Existenz der anderen. Jeder dieser Menschen für sich genommen wäre ein Bild, und dennoch befinden sich alle unter dem Blätterdach eines einzigen riesenhaften Baumes, der seine knorrigen Wurzeln in jeden Winkel des Bildes ausstreckt.

Am linken Rand des Bildes springt ein ausgelassen lachendes Kind. Sein Blick ist auf einen Zitronenfalter gerichtet, dem es mit ausgestreckten Armen nachjagt. So tief scheint es in seine Tätigkeit versunken, als gäbe es nichts auf der Welt als diesen Schmetterling. Rechts neben dem Kind steht eine großgewachsene junge Frau im roten Kleid. Sie hat ihren Kopf leicht gesenkt, ihre Augen blicken traurig, ihr Blick ist nach innen gerichtet. Auf den sinnlichen Lippen trägt sie ein melancholisches Lächeln. Den Mittelpunkt des Bildes nimmt eine andere Frau ein, eine ältere, reifere. Sie lacht, doch ganz anders als das Kind, denn hinter diesem Lachen ist das Bewusstsein des kommenden Todes verborgen. Ihr Lachen ist kein Ertränken des Todesbewusstseins in Heiterkeit, im Gegenteil, es scheint den Tod zu bejahen. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, in Richtung der kommenden Leiden. Eine dritte Frau, sie steht etwas abseits und ist alt, weißhaarig, gebeugt, scheint diese Leiden zu verkörpern. Ihr Gesicht ist zerstört und faltig, ihr Blick erschöpft und müde.

Auf einmal wird die Tür geöffnet, der Maler des Bildes betritt das Atelier. Er stellt sich vor sein Werk und betrachtet es lange, ganz in den Anblick versunken. Er ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit ernstem Gesichtsausdruck und einem Mienenspiel, das ein sensibles Seelenleben spiegelt. Plötzlich leuchtet sein Gesicht auf, als sei ihm eine wunderbare Idee gekommen, als habe er einen wichtigen Entschluss gefasst. Er nimmt die Farbpalette und mischt leuchtend bunte Farben: kirschrot, azurblau, zitronengelb und grasgrün.

„Farbe ist Leben“, sagt er vor sich hin und beginnt, das weiße Kleid der wissend lachenden Frau in der Mitte des Bildes mit geschickten schnellen Pinselstrichen bunt anzumalen. Er lächelt dabei. Als er den Pinsel wegnimmt glüht das Kleid der Frau vor Farben, vor Leben und Heiterkeit. Der Maler betrachtet das Bild nochmals von weitem, er ist zufrieden und setzt seine Signatur darauf. Dann schreibt er den Titel des Bildes auf den Rahmen, der auf einem Stuhl bereitliegt, er schreibt langsam und sorgfältig: „Die Jahreszeiten des Lebens“.

Während er noch schreibt, betritt ein Kind das Atelier, ein Mädchen, das mit seiner launenhaften kindlichen Neugierde schon seit einigen Tagen das Haus des Malers durchstreift. Das Bild weckt zunächst sein Interesse, es steht eine Zeitlang davor, doch plötzlich wendet es sich ab und das Bild, das eben noch Gegenstand seiner Phantasie war, ist ein bedeutungsloses Durcheinander von Farben.

„Onkel, mir ist langweilig!“, ruft es.

„Ich werde dir das Bild erklären, Jana“, sagt der Maler „Schau es dir genau an, siehst du das Kind dort am linken Bildrand?“

Jana schaut das Bild an und nickt, sie ist schlagartig wieder ganz aufmerksam und hört zu, wie nur ein Kind zuhören kann.

„Dieses Kind ist der Frühling. Vielleicht ahnt es, dass vor ihm Winter und Kälte geherrscht hat. Doch je weiter es sich vom Winter entfernt, desto weniger weiß es davon, und desto mehr fürchtet es sich davor. Dieses Kind beherrscht, genau wie du, die Kunst, für den Augenblick zu leben. Siehst du, im Moment gibt es für das Kind nichts anderes als diesen Schmetterling, es kennt keine Sorgen, keine Zukunft, keine Vergangenheit. Deswegen kann es so unbeschwert lachen und sich freuen.“

Es ist nicht zu erkennen, ob Jana den Sinn der Worte des Malers verstanden hat. Sie hört weiterhin gespannt zu, als der Maler in seiner Erklärung fortfährt:

„Die Frau neben dem Kind ist der Sommer: üppig und sinnlich, auch etwas traurig und schwermütig. Sie hat Tod und Winter längst verdrängt und vergessen, hat die Sinnlosigkeit des Lebens kennengelernt. Sie hat das Lachen, das wirklich unbeschwerte Lachen, verlernt.“

„Und die Frau daneben, das ist der Herbst?“, fragt Jana.

„Ja. Im Herbst meines Lebens, da befinde ich mich. Aber ich bin nicht so wie der Herbst, den ich gemalt habe. Ich weiß um Tod und Winter, aber ich kann dem Tod nicht ins Angesicht lachen. Der Herbst, den ich gemalt habe, der bunte lebensfrohe Herbst, der hat etwas von dem Kind gelernt.“

Bei diesen Worten ist der Maler ganz nah an Jana herangegangen, er streicht ihr übers Haar. Jana grinst, ihre Wangen glühen von einem plötzlichen Einfall. „Also erst einmal musst du der Frau auch noch ein buntes Gesicht malen. Und eine rote Knollennase, wie bei einem Clown.“

„Das ist doch lächerlich, Jana.“

„Was soll’s? Wie viel Uhr ist es? Wir gehen doch heut in den Zirkus!“

„Stimmt, das habe ich dir versprochen.“

„Los, gehen wir!“

„Doch nicht jetzt schon. Wir kommen viel zu früh an.“

Aber Jana bettelt so lange, bis der Maler schließlich nachgibt. Zusammen gehen sie durch die herbstlichen Straßen in Richtung des Zirkuszelts. Auf wenigen schlichten Plakaten, die an Stellen angebracht sind, an denen sie kaum erkennbar sind, steht der Name des Zirkus‘: „Zirkus Humor.“ Daher also hat Jana die Idee mit der Knollennase: Auf dem Plakat ist ein trauriger Clown mit roter Nase zu sehen, der sich von dem tristen Hintergrund nur wenig abhebt.

Jana kann es nicht lassen, schnell zu laufen, obwohl der Maler sie immer wieder ermahnt, dass sie viel zu früh ankommen würden. Das Zirkuszelt ist klein und schwarz, zwischen Bäumen verborgen, fast so, als habe der Erbauer es verstecken oder tarnen wollen. Als sie dort angelangt sind, rennt Jana hastig hinein. Und tatsächlich, sobald die beiden sich hingesetzt haben, beginnt die Vorstellung.

Ein trauriger dicker Herr im Frack tritt in die Manege und beginnt in weinerlichem Tonfall zu reden: „Ich bin erfreut über Ihr zahlreiches Erscheinen.“ Erstaunt schaut der Maler sich um. Außer ihm, Jana und dem dicken Zirkusdirektor ist im Zelt nur ein kleiner Herr in schwarzem Anzug und mit Melone auf dem Kopf. Er sitzt vor ihnen, so dass sie nur seinen gekrümmten Rücken sehen können.

„Mit außergewöhnlichem Stolz, meine Damen und Herren, darf ich Ihnen nun den ersten Programmpunkt ankündigen“, fährt der Zirkusdirektor fort. Er unterbricht seine Rede und schluchzt plötzlich auf. Nur mit Mühe scheint er die Tränen zurückhalten zu können. „Entschuldigen Sie, meine kleine Dame und meine beiden Herren, Sie werden sicher den Grund für meine Niedergeschlagenheit erfahren wollen. Nun, es ist so, dass wir wohl in nicht allzu langer Zeit pleite sein werden. Und zwar einfach deswegen, weil niemand mehr sich für unseren illustren kleinen Zirkus interessiert. Alle gehen sie in die aufgeplusterten pompösen Zirkusse mit Riesenzelt und ganzem Orchester. Es ist zum Heulen! Aber ich möchte Sie nicht mit meinen selbstmitleidigen Klagen belästigen. Da Sie nun einmal hier sind, werden Sie auch etwas geboten kriegen.“

Kurz darauf beginnt die Vorstellung. Keine exotischen Tiere, keine Seiltänzer, keine Trapezartisten gibt es in diesem Zirkus. Nur Clowns, traurige knollennasige Clowns. Und Jana, der Maler und der kleine Herr im schwarzen Anzug lachen über sie, mal still in sich hinein, dann wieder laut und schallend.

Dann wird der Maler in die Manege gebeten. Der Clown sagt, er wolle ihm das Lachen lehren.

„Tun Sie mal so, als ob Sie ein Hund wären!“, befiehlt der Clown. „Steht denn ein Hund auf zwei Beinen? Höchstens wenn er Männchen macht. Also los, auf die Knie!“

Doch der Maler lässt sich nicht zu der Posse überreden. „Das habe ich mir gedacht“, sagt der Clown. „Sie nehmen sich selbst viel zu ernst. Wie wollen Sie denn dann jemals das Lachen lernen? Ich weiß, Sie sind ein großer Künstler, ein anerkannter Maler und so weiter. In diesem Zirkus aber sind sie nichts, denn Sie können nicht lachen. Sie werden es nie lernen, wenn Sie sich selbst so ernst nehmen.“

Der kleine Herr im schwarzen Anzug und mit Melone auf dem Kopf ist ebenfalls in die Manege getreten. Er stellt sich vor: „Mein Name ist Charlie Chaplin. Ich darf behaupten, ein Experte auf dem Gebiet des Lachens zu sein. Um richtig lachen zu können, müssen wir all unser Leid angenommen haben. Sie wissen das, Herr Maler, Sie haben es auf ihrem Bild doch sehr schön dargestellt. Ihr Herbst muss bunt sein! Sie wissen, dass es möglich ist, dass Sie im nächsten Moment tot umfallen. Sie wissen auch, dass die Schmerzen, die Hässlichkeit und Müdigkeit des Alters kommen werden. Ist das etwa ein Grund, nicht zu lachen? Im Gegenteil, es ist der beste Grund, den es für das Lachen überhaupt gibt.“

„Ich weiß, ich weiß“, sagt der Maler. „All das weiß ich doch. Deswegen habe ich ja das Bild gemalt. Aber sagt mir: Wie soll ich das Lachen jetzt noch lernen? Ich habe es nie gut gekonnt. Ich bin alt und müde. Gerne, sehr gerne würde ich lachen. Aber ich kann es nicht.“

„Sie sind mir ja schön blöd“, spöttelt der Clown. „Sie fragen uns, was Sie schon lange wissen. Sie behaupten, Sie seien alt und müde, und das ist schwachsinniges selbstmitleidiges Geschwätz. Sie sind schon etwas melodramatisch veranlagt. Glauben Sie etwa, das Kind, dass Sie vor Jahren waren, sei tot? Sie müssen nur ein wenig graben in ihrem Innern, da lacht das Kind noch, und wenn Sie es noch so sehr glauben, es erstickt zu haben.“ Daraufhin fängt der Clown an, ein Gedicht vorzutragen:

Auf dem Grund der Kiste findet er einige harte bunte alte Gummibärchen,

aus der Plastiktüte gefallen, ihre Gesichter zerquetscht von den Spitzen

der gewichtigen Pappkartons, die sie drängen bis in die untersten Ritzen.

Außerdem zerbröckelte vergessene Lebkuchenhäuser wie aus dem Märchen.“

Dem Maler wird klar, dass er die Antwort schon längst gewusst hat. Der Clown hat Sie nur aus einem trüben Teich herausgefischt und in Worte gefasst. Er sieht das bunte Kleid der Frau auf seinem Bild vor sich. Diesen Herbst hat er jetzt deutlich vor Augen. Doch auch die alte Frau vergisst er nicht, und am wenigsten das Kind. Er denkt an Sonnentage im Winter, Enklaven der Wärme in einem Meer von Kälte. Er umarmt den Clown und dankt ihm überschwänglich für seine Erklärung und das Gedicht.

„Ich werde öfter in diesen Zirkus kommen, so klein und unscheinbar er auch ist“, versichert der Maler. „Ihr könnt ihn verstecken wo ihr wollt, ich werde ihn überall finden. Übrigens wird euer Zirkus nie pleite gehen. Es werden sich immer einige finden, die ihn besuchen.“

Dann ist die Vorstellung zu Ende, die Clowns ziehen sich zurück. Charlie Chaplin schüttelt dem Maler die Hand.

„Sie sind mäßig begabt, was das Lachen angeht, aber jetzt hat’s anscheinend auch bei Ihnen geschnackelt. Meinen Glückwunsch!“

Charlie Chaplin verneigt sich umständlich und wackelt dann aus dem Zelt hinaus.

Der Maler und Jana treten gemeinsam den Rückweg nach Hause an. Draußen regnet es, die Straßen sind grau. Doch im Innern des Malers ist Buntheit und Fröhlichkeit, als habe er das schlafende Kind in sich geweckt. Und was es für einen sachten Schlaf hat! Eine gewisse Berührung, ein gewisser Laut, und schon ist es erwacht. Und lacht.

© Michael Barens 2003

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