„Erwartungen 2001“ von Kerstin Seitz

Den zweiten Platz  des Schreibwettbewerbs „Erwartungen 2001“ gewann Kerstin Seitz mit ihrer Geschichte „Erwartungen 2001“ und erhielt den spannenden Roman „Die Geliebte des Tutanchamun“ als Preis von der Autorin Silke Gyadu.

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Erwartungen 2001 von Kerstin Seitz
Ich sah aus dem Fenster. Immer wieder erhellten bunte Raketen den sonst wolkenlosen und tiefblauen Sternenhimmel. Vor dem Hof versammeten sich bereits Menschen um das kommende 21. Jhd. zu begrüßen, dabei war es erst 22:00 Uhr. Dieses Silvester war ein ganz besonderes Silvester für mich, nicht nur, weil das neue Jahrhundert anbrach, nein, dieses Jahr feierte ich den Jahreswechsel zum ersten Mal in „Freiheit“. Dieses Mal musste ich keine Angst haben, dass sich die bunten Raketen am Horizont in rote Feuerzungen verwandelten, dass man plötzlich Schüsse von Maschinengewehren hörte und es wieder einmal hieß:

Raus aus den Häusern! Rein in den Bunker! Hausdurchsuchung! Fliegeralarm!

Nein, dieses Mal war alles anders. Ich hatte es geschafft, aus dem von Hass und Krieg beherrschten Land zu fliehen. Hatte mich befreit. Doch ein Teil meines Ichs war dortgeblieben. Das war der Teil, der mich mit meiner Familie verband, um die ich Tag für Tag bangen musste, weil sie es nicht geschafft haben, aus der „Hölle“ zu fliehen.

Ich hoffte, sie worden einen Weg aus diesem Land finden, einen Weg, der ihnen das Leben bewahren würde. Nachdenklich sah ich weiter aus dem Fenster. Die Menschen unten im Hof tranken heiße Getränke, lachten und sangen fröhliche Lieder. Auch ich würde gerne dort unten stehen, dort unten bei den Menschen. Doch ich konnte nicht. Etwas in mir hielt mich zurück. Es war dieses Etwas, dass glaubte, es sei ungerecht hier sein zu dürfen während meine Familie von Sekunde zu Sekunde um ihr Leben kämpfte.

Aus diesem Grund hatte ich nur einen Wunsch: Es sollte endlich Frieden geben. Frieden und Freiheit. Alle Menschen sollten miteinander leben und nicht gegeneinander. Es war nun beinahe Mitternacht. Ich sah immer noch aus dem Fenster, konnte mich aber nicht auf das Geschehen dort draussen konzentrieren. Meine Gedanken ließen keine Konzentration zu. Ich ging zum Telefon und wählte die Nummer meiner Familie, obwohl ich wusste, dass sie nicht ans Telefon gehen würden. Während ich dem Klingeln lauschte, brach das neue Jahrhundert an. Raketen erleuchteten den wolkenlosen Sternenhimmel. Die Menschen unten im Hof umarmten sich und wünschten sich gegenseitig ein gutes neues Jahr. Ich wusste, dass ich eines Tages auch dort unten stehen konnte. Zusammen mit meine Familie. Plötzlich konnt man am Himmel neben den bunten Raketn eine Sternschnuppe sehen. Sie war ein Zeichen für mich, dass Gott meinen Wunsch gehört hatte.

Ende

(c) 2001 by Kerstin Seitz

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