„Herbstzeit“ von Doreen Orthmann

Die Autorin Doreen Orthmann hatte mit ihrer Geschichte am Schreibwettbewerb „Bunter Herbst“ teilgenommen und damit den ersten Platz belegt.
Ich liebe den Herbst

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Herbstzeit
Ich liebe den Herbst. Er liebt mich auch. Er hat es mir einmal gesagt. In einem warmen Windhauch, der noch ein bisschen nach Sommer und schon ein wenig nach überreifen Äpfeln roch hat er es mir zugeflüstert als ich mit wehenden Haaren und schwingenden Schritten durch seinen satten, gelben Wald lief.

Die Sonne schien noch warm durch die Zweige mit den langsam abwärtstrudelnden Blättern und ich lehnte an einem Baumstamm, umfing die Eiche wie einen noch warmen Leib, dem noch jugendliche Kraft innewohnt und den doch schon leise Melancholie umflort, denn noch ist da die volle Lebenskraft und doch weiß er um seine Sterblichkeit. Der Winter ist nur ein Gedanke, doch er ist da, vorerst vage und doch drängender kommend, bis der weiße Tod den Wald mit aller Grausamkeit erstarre lässt.

Tief steckte ich meine Nase in die Spalten der Rinde und sog den Geruch nach Holz und feuchte Erde ein. Und während ich seine Bäume umarmte, die Füße ins rotgelbe Laub wühlte hörte ich seine Stimme sanft und melodisch im Wind. „Ich“, rief er, „liebe dich auch!“ „Ich liebe dich zurück, und hätte ich Hände, ich würde dich umarmen und liebkosen wie du meine Bäume liebkost“.

Ich schloss die Augen und gab mich der Stille hin. Als ich sie wieder öffnete sah ich ihn, oder zeigte er sich mir? Er hockte im Geäst der Eiche und blinzelte zwischen den Zweigen zu mir herab. Seine Augen waren wie braune Haselnüsse und sein Haupt schmückte rotes Eichenlaub. Es war so dicht wie eine rotbraune Hecke und ab und zu fiel ein Blatt zu Boden als wolle er mich grüßen. Borkig und grün war sein Leib und gelbe Ahornblätter gaben ihm Finger. Wie dünne Äste waren seine Arme und lange Wurzeln seine Füße. Er streckte sich zu mir herab und mit leisem Rascheln strich er über meine Wangen und meinen Mund.

Dann war er verschwunden um gleich darauf hinter den nächsten Ast wieder hervorzuschauen. Ständig wechselte er den Ort, blieb nie an einer Stelle. Satte Lebenslust sprach aus seinen Augen, doch war auch ein Schatten in ihnen, als würden sommerliche Kraft und herbstliche Weisheit dicht nebeneinander liegen. Ständig veränderte sich seine Miene, sie war verspielt und freundlich, ernst und versonnen.

„Ich liebe dich, weil du bei mir bist. Ich liebe dich, weil du dich nicht von Frühling und Sommer hast forttragen lassen. Ich liebe dich, weil du mich liebst“.

Seine Stimme perlte in mein Ohr wie leiser Regen, und sie roch nach dem ersten Apfelwein, gewonnen aus den prallen, süßen Früchten, die schwer und voll an Zeigen hängen, die sich biegen unter der goldenen Last.

„Ich liebe dich, weil du zu mir gekommen bist“, rief er leise.

Ich fuhr mit den Händen durch sein rotes Laub und sah in ihm den Liebsten, jenseits der jugendlichen Frühlingswinde, sprunghaft und ständig die Richtung wechselnd wie ein junger Mann. Ich sah in ihm den Liebhaber, jenseits des vollen, kräftigen, übersatten Sommers mit der Sicherheit und Unverrückbarkeit des Augenblicks. Ich erblickte den Liebsten, sein Haar wird langsam grau und in den Augen liegt Angst, dass bald auch die letzen Spuren von schwarz verschwinden. Ich fühle seine Sehnen und Muskeln, stark noch und hart und doch schon ein ganz leises Zittern darin.

Ich liebe den Herbst, seiner vollen Herbstlichkeit wegen und seiner lebenshungrigen Gier, die fesselnder ist, weil sie entzündet wird durch das Wissen um seine Vergänglichkeit. Er hat nicht mehr die unendliche Zeit von Frühling und Sommer. Er hat Herbstzeit, die schönste Zeit, die so intensiv ist wie nichts vorher.

Ich liebe den Herbst zurück und wie ein leise herabfallendes Blatt entsteht in mir die Gewissheit, dass er mich auch dann noch lieben wird, wenn auch ich selbst einmal herbstlich bin.

© Doreen Orthmann, 11.01.2003,

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