„Neujahrstraum“ von Marcus Septimus

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Den ersten Platz unseres Schreibwettbewerbs „Erwartungen 2001“ gewann Marcus Septimus mit seiner Geschichte „Neujahrstraum“ und erhielt das handsignierte Buch „Brandmale“ der Erfolgsautorin Ulrike Linnenbrink.

Neujahrstraum 31.12.2000
Wie stets- Für Nadine

Die Lichtung war groß und nahezu kreisrund. Und sie wäre es wohl vollends gewesen, wenn sie nicht im Süden durch eine Felswand ihre natürliche Schranke gefunden hätte. Jene Felswand, der ich mein Gesicht zugewendet hatte. Sie ragte empor, als fände sie kein Ende dort oben, als kratzte sie an das wolkenlose Himmelsgewölbe. Und irgendwo dort oben entsprang ein reißender Fluss, der sich hier schäumend und tosend, berstend und brausend die Felswand herabstürzte. Hinab in eine tiefe Schlucht, die diese Lichtung von Süden nach Norden durchzog, ein kaum zwei Mannsschritt breiter Spalt, der hier wohl seit Urzeiten zu dem ausgespült wurde, was er jetzt war. Eine Schlucht, dutzende Meter tief, eine Kluft die weit unten von dem Strom durcheilt wurde, welcher aus der Höhe stürzte. Ich wagte kurz an den Rand zu treten und mich vornüber zu lehnen, hinab zu schauen, um gleich wieder einige Schritte zurück zu tun.

Die Sonne stand im Osten, zu meiner Linken, und beschien eben diesen Erdflecken, als sei es ihre einzige Aufgabe, mit der feurigen Kraft des Sonnenuntergangs. Lange Schatten warfen die Bäume, die an den östlichen Rand der Lichtung angrenzten. Schatten, die bis fast zu mir und an die Schlucht reichten. Diese Schatten lagen still, wie aufgezeichnet auf dem Lichtungsgras zu meinen Füßen, kein Windhauch, der sie tanzen ließe. Es überkam mich ein Gefühl es Unbehangens, angesichts dieser Situation. Zu meiner Rechten lag die tiefe Schlucht und zu meiner Linken jene Schattengebilde, welche das Gras schwarz färbten, und ihm mit dem Sonnenlicht die Wärme und Nahrung nahm. Minuten vergingen. Die Sonne senkte sich immer tiefer im Osten und die Baumschatten wurden länger und krochen immer näher zu meinen Füßen hin. Ich trat wieder unwillkürlich einen Schritt zurück, einen Schritt zu der Schlucht hin. Tief unten wallte der Fluss und sein Singen drang deutlicher zu meine Ohren. Ich ging einige Meter am Rande des Abgrunds entlang, ehe ich genau im Mittelpunkt der Lichtung stand, dort wo die Schatten als letztes mich erreichen würden. Mich kurz umschauend sah ich, dass sie im Norden und Süden bereits die Schlucht erreicht hatten. Mein Rücken hatte ich nun der Schlucht zugewandt, und ich schaute gen Osten, wo die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln versank, und von wo die Schatten beklemmend näherkrochen.

Mit einmal hörte ich ein Geräusch aus dem Wald vor mir, und mir wurde schlagartig bewusst, dass dies neben dem Rauschen des Flusses das Einzige war. Kein Singen von Vögeln, kein Zirpen von Grillen. Das Unterholz krachte unter Schritten, und von Ferne meinte ich Schüsse zu hören. Es waren keine Schüsse eines Jagdgewehres, vielmehr schallten die Schüsse in einer Folge, wie man es nur von Soldatengewehren kannte. Mit aufkeimendem Entsetzten musste ich feststellen, dass die Schritte näher kamen. Was mich jedoch teils erleichterte war, dass die Schüsse, die immer wieder verstummten, nur um Sekunden später wieder aufzuschreien, in der Tiefe des Waldes verblieben. Dann trat aus dem Waldrand eine Gestalt heraus, eine Silhouette zuerst, deren Schatten von dem der Bäume geschluckt wurde. Ich wollte die Hände heben, selbst nicht wissend, ob um sie in die Höhe zu strecken oder zum Gruße zu erheben, doch sie blieben wie versteinert neben meinen Hüften hängen. Noch einmal tat ich einen kleinen Schritt zurück, ich spürte wie meine Fersen keinen Boden mehr hatten und hörte kleine Steine sich lösen und die Schlucht hinab fallen. Sie klickten wie Murmeln aus meiner Kindheit. Die Gestalt kam langsamen Schrittes näher, und auch die Baumschatten berührten nun fast meine Fußspitzen. Vor mir lag der Wald im blutenden Rot der untergehenden Sonne. Er wirkte krotesk und ferner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Mit jedem Augenblick, den ich genauer hinschaute, meinte ich ihn sogar von mir wegrücken zu sehen, immer weiter. Er wurde unwirklicher, irrealer und zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Die Baumschatten kamen immer näher und mit ihnen die Silhouette des Mannes.

 

Ja, es war die Gestalt eines Mannes. Ich erkannte es nun, als er näher kam, an seinem Gang und seiner Haltung. Ich war mir unsicher, ob er mich sah, zumindest schien er nicht so. Wenn ich jetzt noch einen Schritt zurück tun würde, so müsste ich stürzen. Ich fühlte mein Herz hinter den Schläfen pochen und musste mich selbst daran erinnern zu atmen. Der Mann war bis auf wenige Meter auf mich ran, als er urplötzlich stehen blieb. Ich fragte mich noch, ob er mich jetzt erst gesehen hatte, als er sich umdrehte und zurück auf den blutenden Wald blickte. Nun stand er wie ich, starr und bewegungslos, zurückblickend. Dann tat er etwas für mich völlig Unerwartetes. Er kniete sich mit einem Bein nieder, senkte seinen Kopf auf das andere Bein und faltete seine Hände zum Gebet. Für den Bruchteil einer Sekunde nur, doch genügte es, um mir einen eisigen Schauer über den ganzen Körper laufen zu lassen. Bevor er aufstand grub er seine Hand in den Boden und nahm ein Stück Erde auf, zerrieb es zwischen seinen Fingern, roch kurz daran und steckte es sich dann in die Tasche seiner Hose. Ich wusste nicht wie mir geschah. Dann wendete er sich wieder um und kam auf mich zugeschritten. Drei Meter war er noch entfernt, ich schaute auf den Boden vor mir, die Schatten hatten meine Schuhspitzen erreicht, ringsum war ich schon eingeschlossen. Der Mann kam näher, die Sonne hinter dem Wald nur noch zu erahnen. Meine Mundwinkel zuckten, meine Augäpfel zitterten. Dann war der Mann nur mehr zwei Schritte entfernt und der Schatten seines Helmes überbrückte die letzten Zentimeter von den Baumschatten zu meinen Füßen. Der Soldat würde mich umrennen. Ich strauchelte, verlor den Halt, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten.

Jene Sekunde von der Senkrechte in die Waagerechte dauerte Stunden. Ich wollte mit den Armen rudern, mich an dem Soldaten festhalten, doch immer noch waren meine Arme wie gelähmt. Ich fiel nach hinten, atmete tief ein. Dann sah ich den Himmel über mir, er war schwarz geworden wie ein Schleier aus Seide, dem unzählige, glänzende Pailletten aufgesetzt waren. Ich sah und dachte nichts, als das Firmament. Dann traf ich auf.

Ich lag mit dem Rücken auf einer hölzernen Brücke, meine Augen die ganze Zeit auf den nächtlichen Himmelsdom gerichtet. Wie war mir geschehen ?

Als stünde jemand neben mir, der mich aufforderte, stand ich abrupt auf und sah mich um. Die Brücke überspannte die schmale Schlucht mit ihrem morschen Holz, und als ich so an ihrem Kopf stand, fragte ich mich, ob sie schon die ganze Zeit hier gewesen war. Jedoch war es unmöglich, denn noch immer spürte ich die Haltlosigkeit meiner Fersen, die ich vor wenigen Minuten gefühlt hatte. Doch es blieb mir nicht viel Zeit zum nachdenken. Der Soldat hatte nun auch die Brücke erreicht und betrat sie mit den Schritten schwerer Stiefel. Und jetzt erst wurde mir richtig bewusst, dass dieser Mann ein Soldat war. Er trug eine Uniform, deren Farbe hier in der Dunkelheit jede gewesen sein mochte, sein schweres Gepäck auf den Schultern und ein Gewehr umgehängt. Ich trat auf der kleinen Brücke zu Seite, um ihn vorbei zu lassen, doch er registrierte mich nicht.

Dann, der Soldat hatte mittlerweile das Brückenende erreicht, wurde es langsam wieder hell. Auf eine seltsame Art und Weise erschien mir in diesem Moment an all dem Bisherigen nichts unwirklicher, als dieser jähe Wechsel von Nacht zu Tag. Ich schaute einen Moment von dem Soldat weg nach Westen zu dem Waldrand, zum Himmel, zu den Baumkronen, über denen die Sonne aufstieg. Sie war hell und schön, schöner als ich sie je gesehen hatte, und hüllte den endlosen Wald in den silbrigen Glanz des neuen, frischen Morgentaues. Doch dann wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf den Soldaten gelenkt. Er stand da, blickte ebenfalls in den unbekannten Wald, und hatte die Arm ausgebreitet, wie ein Vogel seine Flügel. Den Kopf in den Nacken gelegt atmete er tief auf, so dass man seinen Atem in der Frische des Tages aufsteigen sah.

Dann, ich glaube ich beobachtete es zuerst bei seinem Helm, geschah etwas Wundergleiches.

 

Es sah aus, als begänne der Helm zu tanzen, er bewegte sich, zog an dem Kinngurt, als wolle er los, und setzte alsbald ein sich zu verwandeln. Es schien, als zerfiel er zu einer weißen Masse, doch ehe er auseinander floss wurde die Masse lebendig, belebt, und formte sich. Formte sich zu einer weißen Tauben, die ihre Flügel auseinander schlug und aufstieg. Ich hatte diesem Schauspiel mit solchem Erstaunen zugeschaut, dass mir beinahe entging, dass die gesamte Uniform des Soldaten diesen Prozess mitgemacht hatte. Unzählige Tauben hatten sich nach und nach aufgeschwungen. Ich sah noch, wie sich der Tornister in eine Taube verwandelte, ehe die Verwandlung vollends abgeschlossen war. Es mochten nun ein dutzend Tauben gewesen sein, die um den nackten Soldaten herumflogen, der keiner mehr war. Dann erblickte ich jedoch, dort auf dem grünen Gras, noch die schwere Waffe liegen, und wunderte mich, wieso gerade sie nicht zur Taube geworden war. Doch fast im selben Augenblick sah ich auch sie zerfließen und tauen. Sie wurde schmäler und schmäler, und mit einmal lag eine langstielige weiße Rose im frischen Gras. Eine Taube landete neben ihr und nahm sie in ihren Schnabel auf, ehe sie sich wieder in die Morgenluft aufschwang. Ich schaute dieser Taube nach, musste mit der flache Hand mir die Augen vor der gleißenden Sonne schützen um ihrem Flug folgen zu können, und war erstaunt, als sie auf mich zugeflogen kam. Sie drehte einen Kreis über mir und dann ließ sie die Rose aus dem Schnabel fallen. Ich streckte meine Arme aus, um sie aufzufangen. Doch ihre Blütenblätter lösten sich von dem Schaft und fielen, jedes einzeln, herab. Die Trautropfen auf den weißen Blütenblättern brachen das Licht der Morgensonne und ließen sie funkeln, wie herabfallende Sterne. Eines nach dem anderen, lautlos niedersinkend, streifte mein Gesicht und meine Schultern. 

Als ich wieder nach vorne schaute waren der Mann und die Tauben verschwunden, und der strahlende Wald lag im frischen Morgen vor mir.

© 2000 by Marcus Septimus

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