„Pioniergeist“ von Ines Braun

Die Autorin Ines Braun hatte mit ihrer Geschichte „Pioniergeist“ am Schreibwettbewerb „Drei Freunde, Fussball, Gewitter“ teilgenommen und damit den zweiten Platz belegt.
Pioniergeist

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Pioniergeist
Fertig! Endlich war es fertig. Wochenlang hatte ich geduldig an dem weichen
Holz geschnitzt und dann mit dem Spezialleim aus dem Hobbyladen die
einzelnen Teile aneinandergeklebt. Noch nicht einmal bei den Segeln hatte
ich die Hilfe der Eltern benötgt, aber mein Vater hatte mir viel von
Expeditionsschiffen erzählt. Er kannte ihre Routen, die Mannschaften und die
abenteuerlichen Fahrten ins ewige Eis und an den Küsten Afrikas. Den
Stapellauf hatte ich zweimal in der Badewanne probiert und als meine Eltern
zuschauen durften, ist nur ein wenig Wasser über die Reling gespritzt, aber
das Schiff schwamm. Dann haben wir es getauft und weil wir keinen Sekt
hatten, ging es eben auch mit einem Schluck Bier aus Vaters Flasche.
“Da ist ja dein Boot gerade rechtzeitig zur Badesaison fertig geworden³,
freute sich meine Mutter und ich mußte ihr erst mal erklären, daß das ein
Expeditionsschiff sei und mit dem Baden gar nichts zu tun hätte. “Vielleicht
solltest du das Schiff vor der ersten Expedition schon mal in einem größeren
Gewässer als der Badewanne ausprobieren?³ Mein Vater hob das Schiff hoch und
prüfte mit kritischem Blick seine Verarbeitung. “Dann wissen wir auch, ob
wir es vor dem Winter nochmal aufs Trockendock holen müssen.³ Er zwinkerte
mir zu.
Gleich am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, obwohl es nach Regen
aussah. “Bleib nicht so lange³, rief meine Mutter noch, als ich die Tür
hinter mir zuzog.

Ich sah die drei sofort. Sie saßen auf der Parkmauer und Ron teilte gerade
Zigaretten aus. Sie waren schon seit langem Freunde und unternahmen alles
gemeinsam. Mich mochten sie nicht. Vielleicht weil ich nicht gut dribbeln
konnte und auch im Laufen nicht zu den Besten gehörte. Ich beschloß, kein
Risiko einzugehen. Noch hatten sie mich nicht bemerkt und ich nahm den
Schleichweg, der zum Palmenhaus führte. Jetzt mußte ich den Umweg um das
Glashaus in Kauf nehmen um zum Teich zu gelangen. Kein Mensch war mehr
unterwegs, die Wolken hatten eine blauschwarze Farbe angenommen und sich wie
brütende Ungeheuer auf das alte Gewächshaus gelegt.
Als die ersten Tropfen fielen sah ich Ron und seine Freunde. Sie hatten sich
ihre Jacken über die Köpfe gezogen und kickten sich im Laufen einen Fußball
zu. Für eine Flucht war es zu spät und so zog ich die schwere Tür zum
Glashaus auf und schlüpfte hinein. Warm war es und von den riesigen Palmen
tropfte lauwarmes Kondenswasser. Ich bog nach rechts ab und schon kurze Zeit
später hörte ich Stimmen. Die Drei waren also auch da. Vorsichtig drückte
ich mich tiefer ins Gebüsch, kroch zwischen zwei Palmen hindurch und fand
bald gute Deckung hinter einem Busch. Dort kauerte ich mich zusammen und
beobachtete, wie der Regen an die Scheiben klatschte. Es wurde immer
dunkler. Einige Pfützen hatten sich draußen auf dem großen Weg gebildet und
die Tropfen schlugen
platzende Blasen. Als Wind aufkam, der selbst die stabilen Bäume direkt
neben dem Palmenhaus zum Wanken brachte, wurde mir etwas mulmig zumute. Ich
hatte im Fernsehen mal gesehen, wie ein ganzes Dach von einem Sturm
hochgehoben und Fensterscheiben wie Esspapier eingedrückt wurden.
Dann donnerte es und kurze Zeit später ließ ein Blitz die Palmen über mir
für einen Augenblick silbern aussehen. “Bloß keine Angst haben³, dachte ich
mir und starrte angestrengt in den Regen. “Bloß keine Angst haben …³
Dann fielen mir die Geschichten ein, die mein Vater erzählt hatte: “Die sind
bei Stürmen über die Ozeane gefahren, die haben Orkane auf dem Meer
überstanden und mit den Ungeheuern aus der Tiefsee gekämpft …³ Ich griff
nach meinem Schiff. Plötzlich sah ich es in einem Sturm vor der Küste
Afrikas. Regen peitschte nieder, Blitze sprangen zuckend aus schwarzen
Wolken und meterhohe Brecher spülten alles von Deck, was nicht niet- und
nagelfest war. Fast wäre ein Matrose über Bord gegangen. Gerade noch
rechtzeitig bekam er die Reling zu fassen und hielt sich, laut gegen den
Sturm anbrüllend, mit eisernem Griff daran fest. Das große Segel riß in
Fetzen und das schlingernde Schiff entkam der Katastrophe nur durch die
außergewöhnlichen Fähigkeiten des Steuermannes. Um alles noch schlimmer zu
machen brach in einer Orkanböe der große Mast. “Mastbruch!³ brüllten die
Matrosen. “Mastbruch!³ brüllten die Offiziere. “Mastbruch!³ brüllte der
Kapitän.
“Mastbruch …³ echote es hinter mir. Ich fuhr herum und sah Ron, der lässig
an eine Palme gelehnt dastand. Er grinste höhnisch und in seinem Mundwinkel
qualmte eine Zigarette. “He Jungs! Guckt mal wer hier ist³, die Zigarette
hüpfte auf und ab und ein wenig Asche rieselte herunter. Draußen donnerte
es. Seine Freunde tauchten zwischen den Palmen auf und böse Vorfreude
spiegelte sich in ihren Gesichtern. Ich stand auf und drückte mich mit dem
Rücken gegen die kühle Scheibe des Glashauses. Mein Herzschlag dröhnte bis
unter die Wipfel der Palmen, als ich mich noch einmal bückte um das Schiff
aufzuheben. “Haste mit Papi zusammen Œn Schiffchen gebastelt?³ die Zigarette
tanzte vor meinen Augen auf und ab und der Rauch stieg mir ins Gesicht.
“Sollten wir uns mal näher angucken …³ Daß meine Chancen mehr als schlecht
standen war mir klar und in dem Augenblick beschloß ich, die Flucht nach
vorne anzutreten. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und blickte Ron, der
einen guten Kopf größer war als ich, fest in die Augen. “Ich wette³, sagte
ich so ruhig wie ich konnte “Ich wette, daß du nicht die obersten Wipfel der
Palmen mit deinem Ball erreichen kannst …³ Ron zog die Augenbrauen hoch,
grinste und schoß den Ball aus dem Stand mit einem gewaltigen Schuß nach
oben. Die Palmen raschelten, als der Ball wieder herunterkam und genau vor
uns landete. “So und nun wette ich mit dir, daß ich dein Schiff quer durch
das ganze, bescheuerte Glashaus hindurch versenken kann …³
Er gab seinen Freunden ein Zeichen und die Beiden packten mich an den Armen.
Während ich mir ausmalte, wie das Schiff gleich, von der Wucht des Balles
getroffen, in Stücke zerspringen würde, nahm Ron es mir ab und stellte es
sorgfältig auf einen großen Stein, der nur ein kleines Stück von uns
entfernt lag. Ich wandte den Kopf um ihn zu beobachten und rechnete mir
keine Chancen mehr aus, mein Schiff retten zu können.
Dann packte Ron den Ball und ging quer durch das Palmenhaus. Er hatte sich
eine gute Schußlinie ausgesucht, aber auch die war nicht ganz perfekt: “He,
Mike, komm mal rüber und stell dich hier vor den Busch, damit die Zweige
nicht im Weg hängen!³ Die beiden ließen mich los und ich rieb mit die Arme.
Dann war es soweit. Ron warf noch einen letzten, konzentrierten Blick auf
sein Ziel, nahm mit drei leichten Schritten Anlauf, holte weit aus und
schoß.
Genau in dem Augenblick sprang ich. Ich brauchte nicht zu überlegen, drückte
mich einfach mit zwei Schritten vom Boden ab, schnellte hoch und hing schräg
in der Luft. Der Ball kam wie in Zeitlupe auf mich zu. Ein Fußball ­ eine
schwarzweiße Schattenlandschaft ­ eine geschundene Haut, die von etlichen
Trainingsstunden erzählte. Ich riß meine Arme nach vorne, spürte das Leder
und die Wucht des Schusses. Dann lag ich auf der Erde, hatte den Ball unter
mir begraben und roch die feuchte Erde ganz nah an meinem Gesicht. Es war
still im Palmenhaus.
Das Gewitter war weitergezogen.

Noch Jahre später spielte ich mit Ron, Mike und Tim in einer Mannschaft. Bis
zum Mittelfeldspieler habe ich es nie geschafft, aber das Trikot mit der
Nummer eins war mir wie auf den Leib geschneidert. Unsere Mannschaft
schaffte spielend den Aufstieg in die Bezirksliga und wir trennten und erst,
als Ron auf einem modernen Forschungsschiff als Matrose anheuerte. Noch
lange habe ich Karten von ihm aus allen Ländern der Welt bekommen, bis
irgendwann Schluß war.
Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

© 2002 by Ines Braun

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