„Reise ins Ungewisse“ von Melissa-Doreen Kühfuß

Die Autorin Melissa-Dorren Kühfuß hatte mit ihrer Geschichte am Schreibwettbewerb “Reise ins Ungewisse” teilgenommen und damit den zweiten Platz belegt.
Reise ins Ungewisse

said shiripour: das perfekte online business
ad

Reise ins Ungewisse
Ich wachte auf und hatte so ein komisches Gefühl. Unsicher betrachtete ich meine Hände.

Da bemerkte ich, dass ich nur winzige Fingerchen hatte und mein Zimmer riesig groß war. Ich kletterte eine kleine Leiter, die zufällig neben meinem Bett aufgestellt war hinunter und nahm sie vorsichtshalber einmal mit. Mit der Leiter unter dem Arm tappte ich in die Küche, um zu sehen, ob Mutter da war. Aber das war nicht der Fall. Mir fiel auf, dass an den meisten Stellen der Boden so sauber war, dass man sich darin spiegeln konnte, aber in der anderen Hälfte der Küche waren lauter große bunte Linien und Punkte. Ich schaute mich in der sauberen Hälfte an und bemerkte, dass ich einen Schwanz hatte – viel schlimmer noch – ich war eine Maus!

Ich dachte, ich wäre geschrumpft.

„Okay, das ist natürlich auch nicht normal, aber eine MAUS! Das ist wahrscheinlich die Strafe dafür, dass ich Käse hasse und unbedingt eine Katze anschaffen wollte… .“ HALT! Hatte ich gerade „Katze“ gesagt? Na ja, sie wird mich schon wiedererkennen … hoffe ich!

Hinterher wusste ich nicht, wie ich es geschafft hatte, aber irgendwie hatte ich es hinbekommen, auf den Tisch zu klettern. Von dort aus konnte ich erkennen, dass die merkwürdigen Linien und Punkte einen Satz ergaben, der mit Wasserfarben auf den Boden gemalt war.

„Bin gerade einkaufen“, stand da.

„Es ist alles so unwirklich“, sagte ich zu mir selbst. Plötzlich sah ich, dass mitten auf dem Tisch eine Treppe war, die nach ziemlich weit oben führte. Während ich sie hinaufstieg, dachte ich laut: „Na toll, was kommt wohl als nächstes?“ Kaum hatte ich dies ausgesprochen, fiel ich in eine heiße, braune Brühe. „Hätte ich bloß nichts gesagt…!

Aber… diese Brühe war ja … Kaba!

Dunkler, heißer Kaba! Genau so wie ich ihn mag.“ Ich trank ein wenig, dann schwamm ich wieder zum Ufer – oder wie man das bei einer Kabakanne auch immer nennen soll. Ich ging in Vaters Büro, um zu sehen, ob wenigstens er da war. Die Türe stand einen Spalt weit offen, so dass es für mich nicht schwer war, einzutreten. Als ich auf die große schwarze Uhr mit den weißen Zeigern und dem silbernen Rand sah, durchfuhr mich ein Schrecken, wie spät es doch schon war! „Ich muss schon seit einer Stunde in der Schule sein! Oh nein, meine strenge Lehrerin wird mir den Kopf abreißen! Was mach ich jetzt bloß? Diese Schreckschraube von einer Lehrerin, Frau Hildebröck, lässt jeden eine Woche lang jeden Tag 2 Stunden nachsitzen, wenn er zu spät kommt ( und ich spreche aus eigener Erfahrung!).“ Ich vergaß alle merkwürdigen Dinge, sogar, dass ich eine Maus war. Da wir ausnahmsweise keine Hausaufgaben bekommen hatten, hatte ich meinen Schulranzen im Klassenzimmer gelassen. Ich rannte so schnell ich konnte zur Schule. Doch umso weiter ich rannte, umso kleiner wurden all die riesigen Sachen um mich herum (Gebäude und Co.).Als ich

schließlich an der Schule angelangt war, war sie selbst so klein, dass ich die Türe sogar als Maus öffnen konnte. Auf einmal fiel mir wieder ein, dass ich eine Maus war. Was war heute nur für ein Tag? „Ich kann doch als Maus da nicht reingehen, obwohl… ich bin ja heute immerhin schon in einer Kabakanne geschwommen. Also… .“ Ich ging nun doch in mein Klassenzimmer hinein. Komisch! Unsere Lehrerin war ja gar nicht da. Alle anderen waren winzig kleine Menschen. So klein wie Mäuse. Als ich meinen Nebensitzer fragte, was denn los wäre, antwortete er: „ Wir sind alle viel zu früh da. Sie ist noch nicht da, es ist ja auch erst 9.30 Uhr“. Dabei zeigte er mir seine digitale Armbanduhr. „Was? Ich hatte nur knapp 10 Minuten für den Schulweg gebraucht? Normalerweise fahre ich immer mit dem Zug und dafür brauche ich schon 20 Minuten. Außerdem warum „erst“? „Schon“ und nicht erst 9.30 Uhr!“, dachte ich. Sicher hätte ich auch noch weiter über diese sonderbaren Dinge nachgedacht, doch da kam Frau Hildebröck ins Zimmer getänzelt. „Tagchen“, flötete sie äußerst gelassen. Und wie sie angezogen war! Kein langer, altmodischer Rock und auch keine ungemusterte, ebenfalls altmodische Bluse, sondern Bluejeans mit vielen, bunten Stickern und einem ausgeleierten, gestreiften Pulli. Tja ihre Frisur war auch nicht gerade der gewohnte Dutt, nein! Ganz und gar nicht! Sie hatte welliges, stähnchenweise rot gefärbtes Haar und einen Pony, aber keinen gewöhnlichen! Er war nach außen gedreht. Während ich das gewohnte „Guten Morgen Frau Hildebröck“ aufsagte, rief der Rest der Klasse: „Hi, Happy-Hilli! Wie geht´s?“. Merkwürdig, äußerst merkwürdig war das. Aber noch merkwürdiger war, dass sie darauf „Supi! Danke Leutchens.“, antwortete. Plötzlich rief sie:

„Okay, Pause Freunde!“ „Oooooh…“, stöhnten alle, alle außer mir, denn ich schrie: „Juhuuu…!“.

Nach der Pause, als wir kaum alle im Klassenzimmer waren schrie H(appy-)H(illi): „Heim mit euch Kids!“. Wieder stöhnten alle (außer mir natürlich!). Als ich wieder zu Hause war, ging ich in das Zimmer meiner kleinen Schwester. Doch wie alle anderen war auch sie nicht da. Ich stolzierte in ihr Puppenhaus. Hier hatte alles genau die richtige Größe für mich. Ich schaute wie automatisch in den Kühlschrank des kleinen Puppenhauses und er war voll mit Käse! Ganz selbstverständlich aß ich ihn. Komisch, wo ich Käse doch so hasse! Ich ging – immer noch im Puppenhaus- in ein kleines Wohnzimmerchen, wo gerade der Plastik-Fernseher lief, als ob es ein echter wäre. Unglaublich! Alles war heute unglaublich. Als ich meine kleine Entdeckungstour beendet hatte, langte auf einmal eine Katzenpfote durch das Fenster. Ich rannte und rannte und rannte. Doch letztendlich erwischte sie mich. Als sie eine Weile mit „ihrem Opfer“, also mit mir, herumgespielt hatte und gerade dabei war, mich aufzufressen, hörte ich eine Stimme, die dauernd meinen Namen rief. Es fühlte sich so an, als ob die Katze mich schütteln würde. Da saß ich auf einmal wieder im Klassenzimmer und vor mir stand Frau Hildebröck. Ich sagte aus Versehen: „Was ist denn Happy-Hilli?“ Da fuhr sie herum und schrie aufgebracht: Zuerst schläfst du mitten im Unterricht ein und dann gibst du mir auch noch lächerliche Spitznamen! Bis morgen schreibst du mir einen Aufsatz darüber, wie man sich seiner Lehrerin gegenüber benimmt.“ Ich hörte gar nicht zu. Ich checkte alles noch mal durch: Also meine Hände waren wieder normal, Happy-Hil… ich meine Frau Hildebröck war auch wieder ganz die Alte. Eigentlich schien alles wieder in Ordnung zu sein. Na hoffentlich! Noch nie in meinem Leben hatte ich mich gefreut, dass meine Lehrerin so streng war. Aber komisch war der Traum trotzdem. Komisch war auch, auf einmal hatte ich riesengroße Lust auf eine riesengroße Scheibe Käse.

© 2004 by Melissa-Doreen Kühfuß

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen