Grimm, R. Vanessa: Aus dem Leben einer Maus

Es war einmal eine kleine Maus, die lebte in einem winzigen Löchlein am Fuße einer Schule.


ad

Im Sommer war es dort angenehm kühl, im Winter aber fror die Maus, und so sahen wir sie grade in diesem Augenblicke hinter der massiven Holztüre lauern, um einen unwissend netten Menschen abzuwarten, der eben diese zu öffnen vermag und sie schnell ins Gebäude huschen konnte.

Drinnen war es warm, aber voller Schüler und Lehrer, die dem kleinen Tier wahrhaftig wie Riesen erschienen. Leider waren es sehr unmitfühlende Riesen, die in Gesprächen vertieft unbeschwert umher stampften, und um ein Haar wäre das Mäuschen zu Tode getrampelt worden. Durch eine Lücke konnte sie einen Fenstersims und eine darunter stehende Bank am anderen Ende des Korridors erkennen.

Waghalsig rannte sie durch das Gewirr aus Füßen, die größer waren als sie selbst, und erreichte auf wundersame Weise das Fenster unbeschadet. Mit einem Satz sprang sie auf den Sims, wo sie auf den Hinterbeinen stehend mit ihren roten Augen kritisch umherblickte.

„Hey, was bist du denn für eine wundersame Maus?“

Unter ihr kauerte ein kleiner Junge, für einen der Riesen schien er winzig. Er rappelte sich schwerfällig auf und streckte sich, um die Maus auf de Fenstersims zu erspähen.

„Habe keine Angst, kleine Maus. Ich bin der einzige, der dich bemerkt hat, und ich werde wohl auch der einzige bleiben.“ Er lächelte sie an.

„Sie sind so dumm im Kopf, dass sie alles andere im Sinn haben, als dich kleine Maus zu erblicken.“

„Weißt du, kleine Maus, eigentlich sind die gar nicht so böse. Sie sind nur so versessen auf das Große vor ihnen, dass sie das kleine, das Lebendige, fast zu Tode treten.“

Die Maus saß auf dem Schoß des Kindes. Die Bank, auf der der Junge saß, war dreckig und feucht vom Schnee, der schon wieder zu schmelzen begann.

Er gab ihr ein Stück Brot und Käse. Doch sie war ganz still und regungslos, und beobachtete mit regem Interesse, wie hunderte von Kindern einen unglaublichen Spaß dabei hatten, sich zu beschmutzen und erbärmlich vor Kälte zitterten. Eines davon schaute kurz zu ihnen herüber, und blickte gerade Wegs durch sie hindurch in eine Welt weit abseits jeden matschigen Schnees. Doch der Augenblick war sofort verflogen, schon bewarf es einen seiner Mitschüler mit einem braunen Schneeball.

„Manchmal meine ich, ich sei unsichtbar. So wie du es bist. Vielleicht sind wir ja ein und das selbe“, sagte er immerzu lächelnd.

Bald klingelte es erneut, die Kinder strömten durch die jetzt weit geöffneten Türen der Schule in das Warme. Der Junge und die Maus waren nun ein Teil des Stroms, wenn auch immer noch vollkommen unbemerkt, sie gingen zusammen in das Klassenzimmer und wurden gemeinsam missachtet.

Die Maus war wieder sehr interessiert an den ganzen Formeln und Zahlen an der Tafel, er aber langweilte sich.

„Hast du nicht Lust, mit mir die Welt zu sehen, mein Freund? Ich will dir so viel Verschiedenes zeigen, das noch kein so kleines Tier jemals in einem Leben gesehen haben kann.“

Sie blickte ihn aus ihren roten Augen durchdringend an, bis sie schließlich nickte und auf seine Schulter sprang.

„Aber“, wisperte die Maus dem Menschen zu, „ich sage dir, ich habe viel mehr gesehen, als du dir als Mensch jemals vorstellen kannst. Und ich sage dir auch, dass unsere gemeinsame Reise kein Ende haben wird.“

Da stand er strahlend auf, ging aus der Tür, und zwei Tage in der Vergangenheit gab eine Mutter eine Nachricht an das Gymnasium, wegen der noch heute Mitschüler und Lehrer in Tränen ausbrachen.

Als die tote Maus eines Tages zu der gealterten Schule zurückkehrte, standen immer noch am gleichen Ort die zahlreichen Blumen und Kerzen, und selbst der riesige Blutfleck auf dem grauen Steinboden weit unter dem Turmfenster war noch nicht vom Regen verwaschen worden.

(c) 2008 by Vanessa R. Grimm

1 Kommentar

Kommentar hinterlassen