Schorr, Robert: Die Dunkelheit

Das Verlies, Verschlungen von der Dunkelheit, Was bin ich?

Es war dunkel um mich herum, als ich mit schrecklichen Schmerzen auf hartem Steinboden erwachte. Ich wartete, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sah, dass ich mich in einer Art Gefängnis befand. Verwirrt durch die ohnehin sehr seltsame Situation, fiel mir erst gar nicht auf, dass ich mich überhaupt nicht daran erinnern konnte wo und überhaupt, dass ich eingeschlafen war. Ich stand auf und drehte mich einmal um die eigene Achse. Der Raum war komplett aus Steinen erbaut worden und hatte wie es mir schien keine Decke, denn dort wo diese hätte seien sollen war nichts als endlose Dunkelheit. Nicht weniger verwirrend war, dass der Raum keine Ein- und Ausgänge hatte und so fragte ich mich, wie ich hierher gekommen sei. Auf einmal stieg mir ein modriger, beißender Geruch in die Nase und als ich mich umschaute sah ich, dass hinter mir eine halbverweste Leiche lag. Von diesem Anblick wurde mir übel, doch ich musste mich, zu meinem Glück, nicht übergeben. Ich dachte einen schrecklichen Moment lang daran, dass auch ich als Leiche enden könnte, doch dann fiel mir auf, dass sich hinter mir ein Durchgang geöffnet hatte. Ich wusste nicht wo dieser herkam und wohin er führte, aber ich ging hinein und verschwand in der Dunkelheit.

Ich lief durch die Dunkelheit. Sie umhüllte mich. Ich konnte nichts sehen und ich hörte nur das Geräusch meiner unbeschuhten Füße, die auf dem Boden aufkamen. Tap, Tap, Tap. Mein Atem ging schwer, denn es war kaum Luft vorhanden in dem Dunkel in dem ich mich befand. Mir wurde klar, dass ich nicht mehr lange überleben konnte, wenn nicht bald ein Ausgang oder etwas Ähnliches auftauchte.

Ich schleppte mich weiter, doch langsam ging mir die Luft aus. Ich brach zusammen und die Dunkelheit verschlang mich.

Ich wachte auf. Im ersten Moment dachte ich, dass ich tot sei, doch ich lag, zu meiner Verwunderung, immer noch in derselben Dunkelheit. Doch diesmal war ein Luftzug zu spüren, zart strich er mir über mein Gesicht. Doch woher kam dieser Luftzug auf einmal, wo ich doch wegen fehlender Luft zusammen gebrochen war? Und nun drängte sich mir auch wieder die Frage auf, wie ich überhaupt hierhergekommen war. Doch da mir darauf wahrscheinlich keine plausible Lösung einfallen würde, lies ich diesen Gedanken wieder fallen. Ich stand auf und ging in die Richtung, aus der der Luftzug gekommen war. Nach einer Weile fiel mir auf, dass ich keinerlei Hunger oder sonstige Bedürfnisse verspürte. Es war unheimlich, denn ich fing an zu rennen und selbst nach, geschätzten 2 Stunden anhaltendem Rennens, verspürte ich keinerlei Erschöpfung. War ich überhaupt noch ein Mensch? Oder hatte mich die Dunkelheit zu ihrem Sklaven gemacht? Existierte ich überhaupt noch? Hatte ich überhaupt noch eine körperliche Gestalt oder war ich nur noch ein Astralwesen? Es war ein seltsames Gefühl, doch die Dunkelheit verschwieg die Antworten auf diese Fragen.

Das Buch, Die Tür, Das Licht

Ich lief weiter in die Richtung aus der der Luftzug kam. Ich rannte sogar. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren aber es mussten Stunden, wenn nicht Tage gewesen sein, aber ich sah keinen Ausgang. Es war wie in einem Alptraum, mit dem einzigen Unterschied, dass ich nicht aufwachen würde. Mir lief der Schweiß die Stirn herunter, obwohl mir weder sehr warm war, noch das ich erschöpft war. Es war Angstschweiß. Ich hatte Angst, ich befand mich in einem Gang der stockdunkel war und zudem nicht enden wollte. Auf einmal verschwand der Luftzug, er war weg und ich stand wieder orientierungslos in der Leere dieser Dunkelheit. Ich ließ mich fallen, aber ich kam nicht auf dem Boden an, ich fiel und fiel. Auf einmal sah ich ein schwaches Licht unter mir. Ich versuchte mich zu drehen und es gelang. Ich fiel weiter und weiter. Das Licht wurde immer heller und plötzlich wurde es so hell, dass selbst das schließen der Augen nichts brachte. Ich war geblendet und ich fiel weiter und weiter. Was war hier los? Krach, ich war auf einem Boden gelandet und wurde ohnmächtig. Als ich aufwachte, war um mich herum nichts weiter als Dunkelheit, doch meine Augen gewöhnten sich schnell daran und ich sah zu meinem Schrecken, dass ich mich in dem Raum befand in dem losgelaufen war. Aber das konnte nicht sein denn ich war niemals bergauf gerann, stets geradeaus und immer weiter weg, doch auch in diesem Raum lag die Leiche, die mir beim ersten Mal schon aufgefallen war. Und warum war ich überhaupt durch den Boden gefallen? Und dieses Licht. Ich wartete darauf das sich der Gang öffnete durch den ich aus diesem Raum entkommen war, doch nichts passierte. Würde ich nie mehr hier rauskommen? Da sah ich, dass in der Ecke ein kleines Buch lag. Ich war mir sicher, dass bis zu diesem Zeitpunkt nichts dort gelegen hatte. Ich nahm das Buch in die Hand und sah, dass ein Stift darunter lag. Ich sah mir das Buch an. Es war sehr klein und doch sehr schwer und es hatte keinen Titel. Ich schlug das Buch auf und es stand etwas darauf: „Willkommen, in meinem Reich, dem Reich der Dunkelheit“.

Die Schrift verschwand. Ich nahm den Stift und schrieb: „Wer bist du?“ Nichts passierte. Ich schrieb darunter: „Bist du ein Freund oder ein Feind?“ Wieder nichts. Ich gab es auf und schlug das Buch zu. Ich drehte mich um und es verschlug mir den Atem. In der Wand war auf einmal eine Tür aufgetaucht, eine richtige Tür aus Holz und auf ihr standen zwei Worte: „Ein Freund.“ Also war dieses Wesen mir wohl gesonnen – oder es spielte mit mir. Es war mir egal und so ging ich durch die Tür.

Hinter der Tür war Licht, aber es war nicht hell. Diese Begebenheit war sehr sonderbar und unerklärlich. Es war ein riesiger Raum und auch in diesem konnte man die Decke nicht sehen. Langsam ging ich bis ans andere Ende, an dem sich eine weitere Tür befand. Es war eine schwere Holztür die mit vielen, seltsamen Zeichen verziert war. Ich drückte die Klinke herunter und versuchte sie aufzumachen, doch sie war verschlossen. Ich drehte mich um und sah, dass die Tür durch die ich gekommen war, verschwunden war. Ich drehte mich wieder um und auch die verschlossene Tür war verschwunden.

Ich war wieder in einem Raum. Ohne Türen. Doch es war nichtmehr die Dunkelheit die mich nun umschlang, es war Licht. Es gab keine Schatten in diesem Raum. Und auch ich warf keinen Schatten. Es gab keine ersichtliche Lichtquelle. Das Licht war einfach. Ich setzte mich auf den Boden und dachte nach. Ich versuchte den letzten erlebten Tag zu rekapitulieren, doch es gelang mir nicht. Ich wusste nicht mehr, wer ich war und woher ich kam. Ich wusste gar nichts mehr. Auch das Licht gab mir keine Antworten. Ich bemerkte, dass ich immer noch das Buch in der Hand hielt und sah es mir noch einmal an. Ich schlug es erneut auf und erstarrte. „Glaube ihnen kein Wort, sie sind nicht deine Freunde.“, stand in schnörkeligen Lettern auf der ersten Seite, wo zuvor noch etwas anderes Gestanden hatte. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Dieses Buch musste einer übernatürlichen Macht gehören. Niemand hätte etwas in das Buch hineinschreiben können, ich hatte mich die ganze Zeit daran festgekrallt. Ich hörte ein Geräusch hinter mir und vor Schreck ließ ich das Buch wieder zufallen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich mich langsam umdrehte. Doch dort war nichts. Und das war das wirklich erschreckende. Das Licht war auf einmal verschwunden und ich befand mich wieder in der endlosen Dunkelheit.

Atemlos, Orientierungslos, Herzlos

Ich konnte es nicht sehen, doch ich spürte es. Ich war nicht allein. Etwas befand sich in diesem Raum. Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinunter, als mich eine kalte Hand streifte. Ich sprang auf, doch ich sah niemanden. Auf einmal spürte ich warmen Atem an meinem Ohr. Jemand flüsterte mir zu: „Komm mit mir…“. Das Atemgeräusch verstummte, ich war allein.

Ich wusste weder ein, noch aus. Mein Herz schlug immer schneller. Klopf, Klopf, Klopf. „Komm mit mir…“ hatte es gesagt, dieses Wesen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, doch eines war mir klar. Ich musste mitkommen, es war meine einzige Chance hier heraus zu kommen. Und ich ging.

Ich lief wieder durch die Dunkelheit. Immer weiter, niemals stehen bleibend. Bis ich wieder eine Tür entdeckte. Sie sah genauso aus, wie die Tür, die mich aus dem Steinraum herausgeholt hatte. Ich ging hindurch und jäh wurde mir klar, ich befand mich auch wieder in genau demselben Raum. Doch in der Mitte des Raumes lag ein Messer. Es war genau in die Mitte des Musters auf dem Steinboden gelegt worden, so als ob man gewollt hätte, dass ich es nehme. Und ich nahm es. Doch als ich es in der Hand hielt, sah ich es. Die Dunkelheit kam auf mich zu, der Raum schien immer kleiner zu werden. Und als die Dunkelheit bei mir angekommen war, kam eine riesige Hand aus ihr heraus und stach mir das Messer in mein Herz hinein. Ich konnte hören, wie es aufhörte zu schlagen. Die Dunkelheit umschloss mich.

Nicht-Erwachen

Die Tür hatte offen gestanden, als sie die Wohnung betreten hatte. Eigentlich wollte sie sich

für ihr Verhalten am vorigen Tag entschuldigen. Als sie ihn fand, stieß sie einen

markerschütternden Schrei aus. Er lag auf dem Boden des Wohnzimmers. Eine Hand

umschloss noch das Messer, welches er sich ins Herz gerammt hatte, in der anderen Hand

hingegen hielt er ein Buch. Sie kniete sich neben ihn und fing an zu weinen Sie hatte niemals damit gerechnet, dass er sich das Leben nehmen würde. Natürlich, er war in den letzten Tagen sehr aufgebracht gewesen, doch sie hatte sie immer versucht ihn aufzuheitern. Als das alles nichts half, hatte sie ein wenig überreizt reagiert, doch sie hätte nie so etwas gedacht. Sie wusste um seine Depressionen und dennoch… Ihr fiel das kleine Buch auf, welches er umklammert hielt. Sie löste es aus seinem Griff. Es hatte keinen Titel. Sie schlug die erste Seite auf. Darauf stand: „Glaube ihnen kein Wort, sie sind nicht deine Freunde.“, in seiner schnörkeligen Handschrift geschrieben. Die Dunkelheit hatte ihn zu ihrem Sklaven gemacht und nicht wieder losgelassen.


© 2008 by Robert Schorr

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen