Linder, Simone: Vampirherz

„Tamara, nun komm endlich. Wenn du noch länger im Bad bleibst, brauchen wir gar nicht mehr losfahren.“ Ihre Freundin Jenny war sehr ungeduldig aber immerhin war es das erste Mal, dass Tamara in eine Discothek ging. Sie war, zwar schon zwanzig Jahre alt aber sie war noch nie ein Partytyp. Doch Jenny bettelte so lange, bis sie entnervt ihr Einverständnis gab. Nun stand sie im Bad und versuchte, sich zu stylen.

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Sie zog ein enges schwarzes Kleid mit Spaghettiträgern an, was ihre schlanke Taille betonte. Ihre braunen, langen, gelockten Haare knetete sie mit Gel, um ihre Mähne im Zaum zu halten. Sie probierte verschiedene Frisuren aus, bis sie sich entschloss, ihre Haare offen zu lassen. Ihre grau-grünen Augen betonte sie mit einem verführerischen Lidstrich und Wimperntusche. Die Lippen schminkte sie mit einem dezenten Braunton. Ein letztes Mal betrachtete sie sich von allen Seiten zufrieden im Spiegel und verließ gutgelaunt das Bad. Jenny, die ungeduldig hinter der Tür wartete, staunte nicht schlecht. „WOW, das ist ja der absolute Hammer!“ sagte sie. „Dankeschön!“ antwortete Tamara verlegen. „Nun laß uns aber los. Samstags ist die Disko brechend voll.“ Jenny zog ihre Stiefel an, verstaute ihr Handy und Portomonade in ihre Handtasche, nahm die Jacke vom Haken und ging zum Auto. Tamara machte es ihr gleich. Da sie nicht wusste, wo das Playa war, ließ sie Jenny fahren. Während der Fahrt saßen sie schweigend nebeneinander. Tamara beobachtete Jenny. Sie war achtzehn Jahre alt, hatte blonde, Schulterlange Haare, die sie mit bunten Klammern hochgesteckt hatte. Sie trug eine schwarze Lederhose und ein enges, schwarzes Top. Sie hatte hellblauen Liedschatten aufgetragen, was zu ihren dunkelblauen Augen einen schönen Kontrast bildeten. Die Lippen hatten sie rot geschminkt. Sie war wirklich hübsch. Als sie nach zwanzig Minuten vorm Playa standen, war der Parkplatz bereits voll. Sie fuhren zehn Mal an den Parkplätzen vorbei als Jenny eine Parklücke entdeckte, in der sie sich hineinquetschen konnten. Sie legte den Rückwärtsgang ein und parkte langsam in die schmale Lücke. „So, auf ins Getümmel!“ sagte Jenny voller Vorfreude. Tamara öffnete die Beifahrertür und löste den Gurt. „Darf ich einer so schönen Dame aus dem Auto helfen?“ hörte sie plötzlich eine tiefe, freundliche Männerstimme hinter ihrem Ohr. Tamara erschrak, drehte sich um und wollte dem unverschämten Mann die Meinung sagen. Doch als sie dem Mann ins Gesicht sah, blieb ihr jedes Wort im Hals stecken. Vor ihr stand ein Bild von einem Mann. Groß, muskulös, lange schwarze Haare und stechend grüne Augen, die ihre Seele bewegten. Sie starrte ihn mit offenen Mund an. Jenny rettete die Situation, indem sie sagte: „Hallo, das ist Tamara.“ Der junge Mann, die beiden Mädchen schätzten ihn auf fünfundzwanzig Jahre, bot Tamara seinen Arm an. Tamara fand ihre Stimme wieder. „Danke!“ sagte sie freundlich lächelnd, nahm seinen Arm und stieg aus. Jetzt konnte sie ihn richtig sehen. Er war ganz in schwarz gekleidet und trug einen langen, schwarzen Ledermantel, was Tamara sexy fand. „Gestatte, mich dir vorstellen zu dürfen. Ich bin Armount.“ Er verbeugte sich vor ihr und hauchte einen Kuss auf ihrer Hand. Tamara wurde rot. Armount sah unverschämt gut aus. Wieder bot er ihr seinen Arm an. Er war ein perfekter Gentlemen und angetan davon hakte sich Tamara bei ihm ein. Zu dritt gingen sie in Richtung Eingang. Jenny grinste Tamara an. Am Eingang nickte der Türsteher den beiden Mädchen lächelnd zu. Als er aber in Armount`s Augen schaute, wich er erschrocken zurück. Sie gingen durch bis zur Bar. „Ich hole uns mal was zu trinken. Tamara, was möchtest du?“ „Eine Cola!“ sagte sie nachdenklich. Sie verstand nicht, warum sich der Türsteher vor Armount so erschrak. „Für mich nichts, danke!“ sagte Armount, nachdem Jenny ihn fragend anschaute. Sie zuckte die Achseln und bestellte eine Bacardi-Cola und ein Wodka Red-Bull. Tamara unterhielt sich derweilen mit Armount. „Wie alt bist du und was machst du beruflich?“ fragte sie ihn. „Lass uns die Zeit nicht mit Fragerei verschwenden. Komm, tanz mit mir!“ Er zog sie auf die Tanzfläche und tanzte, indem er sich hinter ihr stellte, seine Hände auf ihre Hüfte legte und sie dirigierte. Er legte seinen Kopf gegen ihren. Sie roch sein herbes Parfüm. Sie schmiegten sich immer mehr gegeneinander, bis sie sich schließlich engumschlungen hin und her wiegten. Seine Lippen streiften ihren Hals und schlang seine Hände um Tamaras Bauch, was ihren Verstand ausschaltete. „Ich möchte mit dir alleine sein!“ raunte er ihr ins Ohr. Sie konnte nichts sagen und nickte nur mit dem Kopf. Er zog sie von der Tanzfläche, als Jenny plötzlich grinsend vor ihnen stand und Tamara die Cola hinhielt. Sie nahm die Cola an und trank sie in einem Zug leer. Tamara nahm Jenny zur Seite. „Hör mal zu, Armount möchte mit mir alleine sein. Warte nicht auf mich, sondern fahr ohne mich nach Hause.“ Sie gab Jenny den Autoschlüssel. „Na schön aber sei vorsichtig. Armount ist mir unheimlich!“ Jenny wandte sich in Armount. „Bring sie mir unbehalten zurück!“ „Ich werde gut auf sie aufpassen, mach dir keine Sorgen. Tschüß Jenny, es war schön, dich kennenzulernen.“ Tamara wunderte sich. Woher kannte er ihren Namen? Sie hat ihn nie in seiner Gegenwart erwähnt. Aber das war ihr jetzt auch egal. Sie verabschiedete sich von Jenny und ging mit Armount nach draußen. Es war kalt und sie zitterte, denn ihre Strickjacke brachte keine Wärme. Armount bemerkte es, zog seinen Mantel aus und legte ihn Tamara über die Schultern. Er nahm ihre Hand und ging über den Parkplatz. Ein Schauer lief über Tamaras Rücken, denn Armount`s Hand war so weiss und kalt wie die einer Leiche. „Wohin gehen wir?“ fragte sie ihn schüchtern. „Zu meinem Lieblingsplatz!“ Sie gingen durch die dunklen Gassen, bogen in einigen Seitenstraßen und standen schließlich vor dem großen Tor eines alten Friedhofs. Tamara erschauderte. Was wollten sie nachts auf einem gottverlassenen Friedhof? War Armount ein Satanist oder so etwas ähnliches? Armount löste sich von ihrer Hand, ging zu dem Tor und stemmte sich dagegen. Quietschend gab sie nach und ging auf. Armount drehte sich einladend lächelnd zu Tamara, doch sie schaute ängstlich auf den Platz hinter dem offenen Tor und zögerte. Nachdem er ihr seine Hand entgegen streckte und leise und geheimnisvoll „Komm!“ flüsterte, löste sie sich aus ihrer Starre, ergriff seine Hand und ging mit ihm quer über den Friedhof, bis sie vor einer großen Engelsstatue halt machten und sich auf eine Bank setzten. Fünf Minuten saßen sie schweigend nebeneinander.

Es kam Tamara wie eine Ewigkeit vor. Sie sehnte sich danach, von ihn in den Arm genommen zu werden. „Glaubst du an Vampire?“ flüsterte er kaum hörbar und brach somit das Schweigen. Sie schaute ihn verdutzt an und brach dann in schallendes Gelächter aus, das ihr aber im Hals steckenblieb, als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. „Es tut mir leid aber so eine Frage hat mir noch niemand gestellt. Nein, ich glaube nicht an Vampire.“ Armount wurde traurig und schaute zu Boden. Tamara sah ihre Chance gekommen. Sie rückte näher zu ihm und legte ihre Hand um seine Schulter. Er sah sie an und legte seinen Kopf auf ihre Brust. „Glaubst du denn an sie?“ fragte sie ihn zärtlich. „Ja, ich bin einer.“ Tamara schaute ihn verdutzt an. „Das glaubst du doch nicht im Ernst. Außerdem haben Vampire kein Herz und du hast eins.“ Doch, auch Vampire haben ein Herz. Und mein Herz ist einsam. Ich brauche ein Weib.“ Tamara hob Armount`s Kopf und schaute ihn in die Augen. Sie wusste nicht warum aber auf einmal war eine enge Vertrautheit zwischen ihnen. Er nahm ihren Kopf in seine Hände, zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Tamara erwiederte seinen Kuss und presste sich enger an ihn. Armount küsste ihren Mund, ihr Kinn und ihren Hals. Tamara`s Körper zitterte vor Erregung, doch plötzlich spürte sie einen süßen Schmerz. Ihre Gedanken rasten und ihr Herz klopfte wild. Jetzt wusste sie, dass es Vampire gab und das Armount einer von ihnen war. Während er ihr Blut saugte, ritzte er sich mit seinem langen Fingernagel in die Pulsader und hielt den Arm vor ihren Mund. Sie sah, wie das Blut aus den Adern floß. Wie in Trance presste sie ihre Lippen an die offene Wunde und sog sein Blut gierig auf. Ihr wurde schwindelig und sie bekam keine Luft mehr. Armount stand auf und legte sie auf die Bank. Sie legte ihre Hände um den blutigen Hals und röchelte.

Er kniete neben ihr und streichelte ihr Gesicht. Sie wurde bewusstlos und als sie wieder erwachte, war es, als hätte sich die Welt verändert. Sie konnte es sich nicht erklären und schaute Armount fragend an. „Du bist tot Kleines. Jedenfalls dein Körper ist tot aber so ist es mit allen neugeborenen Vampiren. Du musst keine Angst haben.“ Tamara schaute an sich runter. Er hatte recht, denn ihre Haut war bereits blass. Sie stand auf und kam sich vor wie auf Wolken. Armount stellte sich vor ihr, küsste sie zärtlich und sagte dann: „Geh nach Hause, verabschiede dich von Jenny und dann komm wieder her zu mir, mein geliebtes Weib!“ Tamara nickte mit den Kopf, drehte sich um und ging zu ihrer Wohnung ohne einmal aufzusehen. Es kamen ihr Leute entgegen und sie konnte sehen, wer von ihnen ein Vampir war. Zuhause angekommen steckte sie den Schlüssel in die Tür, schloss auf und betrat leise die Wohnung. „Nein, geh weg! Ich will nicht!“ hörte sie Jenny aus dem Schlafzimmer schreien. Tamara rannte schnell ins Zimmer und was sie da sah, ließ ihre Wut aufsteigen. Ein nackter, vermutlich betrunkener Mann lag auf die zappelnde Jenny und versuchte, sie zu vergewaltigen. Tamara sah rot, schrie: „Du verfluchter Bastard!“ schmiss sich auf ihn und ein wilder Kampf begann, doch Tamara, die nun ein Vampir war und Bärenkräfte besaß, gewann schnell die Oberhand. Sie schlug ihn auf den Kopf, warf ihn aus dem Bett und er blieb bewusstlos liegen. Tamara beugte sich über ihn und als sie seine Halsschlagader pochen sah, verlor sie ihre Beherrschung und grub ihre mittlerweile spitzen Zähne in den Hals. Während sie den Mann leertrank, hob sie den Kopf und schaute Jenny an. Sie saß mit weit aufgerissen Augen auf dem Bett und beobachtete mit Entsetzen die Situation. Tamara hörte, wie der Herzschlag des Mannes langsamer wurde und hörte auf, denn sie wusste instinktiv, dass sein Tod sie mit in die Tiefe reißen würde. Jenny versuchte zu schreien, doch es kam kein Ton über ihre Lippen. Stattdessen versuchte sie wegzurennen, doch Tamara hielt sie fest. „Du brauchst keine Angst haben. Ich werde dir nichts tun. Beruhige dich!“ Nach diesen Worten wurde Jenny`s Herzschlag wieder regelmäßiger, doch immer noch sie Tamara entsetzt an. „Ja, ich bin ein Vampir. Armount hat mich zu einem gemacht, um mit ihm als seine Gefährtin durch die Nacht zu ziehen.“ „Aber…. ich dachte immer, Vampire wären lebende Tote und können sich an nichts und niemanden erinnern. Außerdem haben Vampire doch kein Herz!“ „Es stimmt, mein Körper ist tot aber wenn ich mich nicht an dich erinnern würde, hätte ich dann gesagt, dass ich dir nichts tue?“ Das leuchtete ihr ein und sie nickte zögernd. „Und auch Vampire haben ein Herz. Meins hängt an dir und an Armount. Ich bin hier um mich von dir zu verabschieden und werde dann zu ihm zurückgehen.“ „Werden wir uns nie mehr wiedersehen?“

Jenny`s Augen füllten sich mit Tränen. „Auch mir tut es weh, mich von dir zu trennen aber es ist zu gefährlich für uns beide. Auch wenn du mich nicht sehen kannst, ich werde dich oft besuchen. Bitte pass gut auf dich auf. Ich werde dich nie vergessen.“ Tamara stand auf. „Kannst du mich denn nicht auch zu einem Vampir machen?“ „Das liegt nicht in meiner Macht aber auch wenn ich es könnte, ich würde es nicht tun. Ich will, dass du ein wohlbehütetes Leben hast und wenn die Kerze deines Lebens erlischt, du in Ruhe und Frieden stirbst.“ „Oh, in Ordnung aber sei dir gewiss, dass ich dich immer lieb haben werde!“ „Du musst mir eins versprechen! Du darfst niemanden sagen, dass es mich gibt.“ Jenny hob die Hand. „Ich verspreche es dir hoch und heilig!“ Tamara küsste zum Abschied ihre Stirn und verließ die Wohnung. Ein letztes Mal drehte sie sich um. „Paß auf dich auf. Ich werde immer bei dir sein,“ flüsterte sie. Dann drehte sie sich um und ging wieder zum Friedhof. Von weitem sah sie eine Gestalt am Fuß der Engelsstatue liegen. Ihr Herz raste, denn sie wusste, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie rannte zu der Gestalt und erstarrte. Es war Armount und er lag mit einem Pflock im Herzen und abgetrennten Kopf am Boden. Hier waren ohne Zweifel Vampirjäger am Werk. Tamara schrie, beugte sich über ihn und versuchte, ihn wachzurütteln. Als sie merkte, dass es erfolglos war, küsste sie seinen Mund und weinte hemmungslos. Sie kniete neben ihn und wachte über seinen Leichnam, doch als der Tag anbrach, musste sie sich in Sicherheit bringen. Sie lief zu ihrer Wohnung und versteckte sich im Keller. Sie verkroch sich in die dunkelste Ecke und schlief schließlich vor Erschöpfung ein. In der nächsten Nacht ging sie mit verweinten Augen wieder zum Friedhof, in der Hoffnung, Armount lebend auf der Bank sitzend, zu sehen. Doch bei der Statue war nur noch ein kleiner Haufen Asche von dem einst so stolzen Armount zu finden. Wieder brach sie weinend zusammen.

„O mein Liebster, warum musstest du sterben?“ schrie sie in den Himmel gewandt. Doch nur das Heulen des Windes war ihre Antwort. Sie erhob sich und ging wie in Trance zurück zur Wohnung. Sie sehnte sich danach, mit Jenny zu reden und hatte den Finger auf den Klingelknopf, doch sie wusste, dass es zu gefährlich war. Wenn man sie entdeckt, würde man sie beide umbringen. Also ließ sie es sein. Sie irrte durch die Straßen und ernährte sich in dieser Nacht von vier Menschen.
Jede Nacht beobachtete sie Jenny, sah, wie sie heiratete, Mutter und Grossmutter wurde und älter wurde. Manchmal zeigte sie sich ihr und sie unterhielten sich. Sie starb friedlich im Alter von achtzig Jahren.
Seitdem geht sie jede Nacht ziellos durch die Strassen, ernährt sich von jeden, der ihren Weg kreuzt und fragt sich:
„Wozu ist ewiges Leben gut, wenn ein Vampirherz langsam zu brechen beginnt???“

© by Simone Linder

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