Wenn das Sozialamt klingelt

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Johanna Wertschneider arbeitete als Kontrolleurin für das Sozialamt Süd der bayerischen Hauptstadt München und überprüfte im Rahmen ihrer Tätigkeit die Wohnungen von Empfängern des Arbeitslosengeldes II und der Sozialhilfe.

Heute standen vier Wohnungen auf dem Kontrollplan und Johanna machte sich auf den Weg mit ihrem in die Jahre gekommenen Fiat Panda. Ihr Auto stoppte vor einer Erdgeschosswohnung eines von außen her mondän wirkenden Hauses in der von Luxusgeschäften bereicherten Maximilianstrasse.

„Hier soll also ein ALG II Empfänger wohnen“, dachte sich Johanna und klingelte an der Haustür einer Frau Goldschmied. Die Eichentür öffnete sich einen Spalt weit.

„Ja? Was ist?“, fragte eine schwarzhaarige Frau, deren Haar sehr gepflegt wirkte.

„Johanna Wertschneider vom Sozialamt München Süd. Sie hatten einen Antrag auf einen neuen Kühlschrank gestellt.“, begrüßte Johanna die Dame und die Tür öffnete sich. Johanna trat herein und erblickte eine rustikal eingerichtete Wohnung, die eigentlich nicht wie eine Sozialwohnung wirkte.

„Der große Fernseher gehört ihnen oder?“, fragte Johanna stutzig, als sie einen teuren Breitbildfernseher sah.

„Ja, hatte ich mir vor zwei Jahren von meiner Abfindung gekauft.“, antwortete Frau Goldschmied traurig.

„Abfindung?“, bohrte Johanna nach.

„Bis vor zwei Jahren arbeitete ich als Marketingleiterin einer mittelständischen Firmengruppe aus der Baubranche. Die Firma ging wegen der miesen Konjunktur pleite und alle Mitarbeiter wurde mit einer Abfindung von sechs Monatsgehältern entlassen.“, erwiderte die Frau verbittert.

„Aha, okay. Könnten Sie mich mal zu ihrer Küche führen?“, bat Johanna freundlich und folgte ihr in die kleine Küche. Die Frau öffnete den Kühlschrank und zeigte auf die Lebensmittel.

„Sehen Sie, die Lebensmittel besonders die Milch hält sich nicht mehr lange, wenn ich nicht bald einen neuen Kühlschrank bekomme.“, beschwerte sich die Frau und schaute sich den Kühlschrank genauer an.

„Ja, der scheint kaputt zu sein. Ich schreibe es mir mal auf.“, sagte Johanna und trug den Kühlschrank ins Formular ein, welches Sie in der Hand hielt.

„Brauchen Sie sonst noch was?“, fragte die Sozialamtkontrolleurin nach und die Betroffene fuhr sich durch ihr schwarzes schulterlanges Haar.

„Nein!“, sprach Sie und schüttelte ihren Kopf. Johanna verließ die Wohnung und fuhr mit ihrem Kleinwagen zu einem Bungalow am Stadtrand. Sie klingelte an der eisernen Haustür und ein leger gekleideter alter Mann erschien.

„Guten Tag Frau Wertschneider“, begrüßte er sie freundlich und Johanna betrat das spärlich eingerichtete Bungalow von Herrn Schneewald, der sei neun Jahren arbeitslos war und sich damit abgefunden hatte. Denn mit 55 Jahren so dachte er sich, würde ihn keine Firma mehr einstellen wollen obwohl er aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Vertriebsmanager einer internationalen Spedition einen tiefen Erfahrungsschatz vorweisen konnte.

„Wie geht es ihnen Herrn Schneewald?“, fragte Johanna ihn freundlich.

„Och jo, ich will mal nicht klagen.“, antwortete er mit einem typischen hanseatischen Dialekt. Er stammte aus Hamburg aber war dann vor zwölf Jahren nach München gezogen.

„Ja, schön zu hören. Sie hatten ja einen neuen Kleiderschrank beantragt.“, freute sich Johanna und folgte dem frustrierten aber nach außen hin zufriedenen Arbeitslosen ins Schlafzimmer. Dort zeigte er ihr den einzigen Kleiderschrank den er hatte.

„Oh, die Türen sind ja total kaputt.“, stellte Johanna fest als sie sah, dass an beiden Kleiderschranktüren die Scharniere ausgeleiert waren. Sie versuchte die geöffneten Türen zu schließen aber es gelang ihr nicht, weil sie immer wieder aufsprangen.

„Sie sehen ja selbst, ich brauche einen neuen Kleiderschrank.“, sagte er zu der Sozialamtskontrolleurin. Sie schrieb den Wunsch in das amtliche Formular und blieb noch eine Weile in der Küche, zum Kaffeetrinken.

„Leckerer Kaffee, wie geht es ihrer Frau eigentlich?“, fragte die Beamtin freundlich.

„Ihr geht es gut und ist zur Zeit im Supermarkt einkaufen..“, lautete seine knappe Antwort und Johanna trank einen Schluck des Kaffees. Eigentlich schmeckte er bitter und abgestanden aber sie lächelte trotzdem.

„Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in der Region ist echt beschießen..“, kommentierte er verbittert und süßte den Kaffee frustriert mit vier Teelöffeln Zucker.

„Ja aber Sie sollten ihren Frust nicht mit zu viel Zucker abreagieren, denn davon wird man dick und träge…“, bemerkte Johanna knapp. Er nickte zustimmend und stellte die Zuckerdose mit Nachdruck auf den Küchentisch.

„Vielleicht sollte ich mich mit einem Existenzgründerzuschuss selbstständig machen“, schlug er vor.

„Leider können nur Bezieher von Arbeitslosengeld einen solchen Zuschuss beantragen. Sie könnten höchstens mit dem Einstiegsgeld den Sprung in die Selbstständigkeit wagen.“, informierte Johanna ihn über diese gesetzliche Regelung.

„So ein Mist aber auch!!“, regte er sich auf und trank einen kräftigen Schluck Kaffee.

„Beruhigen Sie sich wieder. Ich bin sicher dass Sie bald wieder einen Job finden werden.“, sprach Sie aufmunternd zu ihm

„Da glaube ich nicht dran, schauen Sie sich doch mal die Stellenanzeigen an.“, erwiderte er mies gelaunt.

„Wird schon wieder. Wenn ich mal von einer freien Stelle hören sollte, teile ich es Ihnen sofort mit!“, sagte Sie aufmunternd und genoss den letzten Schluck des schrecklichen Kaffees.

„Ja, machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich finde meinen Weg und komme auch beruflich wieder auf die Beine.“, versicherte er und verabschiedete sich von Johanna.

Nachdenklich gestimmt stieg Johanna in ihren Kleinwagen, nahm ein Sahnebonbon aus der Bonbontüte ihrer Ablage und fuhr zurück zum Sozialamt Süd. Es war mittlerweile 12 Uhr geworden und Mittagszeit. Ihren Wagen parkte Sie vor dem großen vierstöckigen Behördenkomplex, der im vergangenen Jahr für etliche Millionen saniert worden war und nun mit einer glitzernden Außenfassade beeindruckte. An diesem Mittag gab eine Auswahl zwischen Curry-Hähnchenfilet mit Reis, Hering mit Kartoffeln und als letztes Apfel-Pfannkuchen mit Vanillesauce. Johanna entschied sich für den Pfannekuchen und gesellte sich wie immer zu ihrer Kollegin Kirsten Wächter.

„Na, schmeckt es dir?“, begrüßte sie ihre rothaarige Kollegin.

„Naja, hab schon besseres gegessen“, antwortete Kirsten düster und aß eines der drei Curry-Hähnchenfilets eher gelangweilt.

„Den Leuten geht es immer schlechter.“, kommentierte Johanna und Kirsten nickte zustimmend.

„Du bist heute so still. Was ist los?“, fragte Johanna besorgt nach.

„Gestern hat mich mein Freund verlassen…“, erwiderte Kirsten enttäuscht und rührte mit der Gabel im Reis herum. Die ganze Zeit während dem Mittagessen schwieg Kirsten weiter während Johanna nachdenklich aus dem Fenster schaute und dabei den Pfannkuchen Stück für Stück genoss.

© 2005/2008 by Andreas Krämer

Bildnachweis: Antrag stellen von Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / Pixelio.de

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