Der Chat

Mirko gehörte zu den Menschen, welche eher schüchtern zurückhaltend gegenüber anderen Leuten waren. Zwar hatte er mit seinem Job als Bürokraft in einem mittelständischen Systemhaus für seine Verhältnisse ein recht gutes Einkommen und eine kleine Dreizimmerwohnung bewohnte er aber so richtig glücklich war er nicht, weil ihm zum wahren Glück noch eine Freundin fehlte.
Seine zwei besten Freunde sah er auch nur alle paar Wochen, weil sie recht entfernt wohnten und man sich daher nur einmal im Jahr sehen konnte. Ein fehlendes Auto und Führerschein machten die Treffen jedes Mal zu einem fahrtechnischen Problem, denn die Zugverbindungen und Zeiten waren ziemlich mies. Zudem arbeiteten seine zwei Freunde wodurch Treffen nur am Wochenende möglich waren aber er kannte sie seit der gemeinsamen Schulzeit und dass waren schon gute zwölf Jahre. Früh am Morgen stand Mirko auf, machte sich frisch und las bei seinem leckeren Müsli die Tageszeitung.

„Drei Millionen Arbeitslose und Nordkorea provoziert den Süden. Schlimme News aber ich habe genug eigene Probleme.“, dachte Mirko, als er die Schlagzeilen in der Zeitung las und blätterte weiter. Dann fiel sein Blick auf eine interessante Kleinanzeige.
„Besuchen Sie unser neues Single-, und Flirtportal. Kostenlose Anmeldung und die Chance ihre künftige(n) Freund(in) kennenzulernen.“, las Mirko und begab sich sofort zu seinem Notebook, wo er die beworbene Webseite aufrief und sich dort schnell anmeldete, denn es war schon 8:00 Uhr und das Systemhaus öffnete bereits in einer guten halben Stunde.
Mirko verließ seine Wohnung und fuhr mit seinem Mountainbike zum vier Kilometer entfernten Systemhaus, welches in einem Industriegebiet lag. Der Chef war bereits da und Mirko wie immer der erste von drei Angestellten, die das schmucke Geschäftshaus betraten.
„Guten Morgen Herr Steinfeld“, begrüßte Mirko seinen Chef, der mit einem Kunden telefonierte und daher nur kurz zurück grüßen konnte. Mirko setzte sich an seinen PC-Arbeitsplatz gegenüber dem Chef und schaltete den Rechner ein. Auf dem Flachbildschirm erschien das Logo von Microsoft Windows 7 und Mirko startete das Warenwirtschaftssystem Tobit.
Einen faustdicken Ordner mit PC-Ausdrucken der neuen Verkaufspreise holte er aus einer Schublade hervor. Er trug die Daten der rund 500 Produkte, welche das Systemhaus Steinfeld im Angebot hatte, in das Warenwirtschaftssystem ein.
In den folgenden dreißig Minuten trudelten seine Arbeitskollegen ein, grüßten ihn und gingen ihrer Arbeit nach. Gegen 10:45 Uhr rief der Chef wie täglich zu einer kleinen Frühstückspause auf und Mirko setzte sich mit seinen Kollegen an einen Esstisch in der gemütlichen Kleinküche des Unternehmens.
Er trank den Pfefferminztee und genoss dabei den mitgebrachten Erdbeerquark.
„Na Mirko, was macht die Freundin?“, fragte Sebastian, welcher Systemtechniker war und sehr arrogant wirkte.
„Die Richtige ist mir noch nicht begegnet.“, antwortete Mirko knapp und Hülya, die Webdesignerin grinste verschmitzt. Mirko mochte Hülya wegen ihrer schönen nussbraunen Augen aber Sie war schon eine lange Zeit vergeben.
„Probier doch mal das Netz aus. Immerhin gibt es jede Menge Singleportale dort.“, schlug Patrick, welcher Programmierer war, freundlich vor. Just in diesem Moment platzte der Chef in die Runde und rief zum Ende der Pause auf. Herr Steinfeld nahm die Pausenzeiten sehr genau.
Hülya klopfte Mirko aufmunternd auf seine Schulter und begab sich genauso wie er wieder zu seinem Arbeitsplatz. Sebastian trottete den beiden hinterher gefolgt von Patrick. Der kugelrunde Programmierer tippte ihm auf die Schulter. Sein Arbeitskollege blieb stehen. „Was ist denn?!“, fragte Mirko leicht gereizt während Sebastian schmunzelnd an ihn vorbei ging. „Ich habe beim Surfen im Internet ein Angebot für ein kostenloses Girokonto gefunden. Kannst ja mal schauen. Spart gutes Geld“,sagte Patrick und drückte ihm einen Notizzettel in die Hand. Mirko nahm den Zettel entgegen, bedankte sich verdutzt und begab sich zu seinem Arbeitsplatz. Die Webseite würde er nach Feierabend besuchen.


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Nach drei Stunden gegen 14:30 Uhr war Mirko mit der Aktualisierung der neuen Verkaufspreise fertig und freute sich schon auf den Feierabend. Die restlichen zwei Arbeitsstunden verflogen wie im Fluge und Mirko fuhr mit seinem Mountainbike zurück zu seiner Wohnung. Dort angekommen schob er eine Thunfisch-Pizza in die Mikrowelle, aß diese genüsslich und trank dazu ein Glas Kakao. Jetzt war er für einen Chat gestärkt und begab sich zu seinem Rechner, wo er seine Mails abrief und sich anschließend mit seinem Usernamen Radelfan ins Singleportal einloggte. Zuerst ergänzte er seine persönlichen Angaben wie Hobbys, Wohnort, Alter und Vorname. Seine Anschrift blieb allerdings für die anderen User unsichtbar. Dann surfte er durch die Chaträume und blieb im Raum „Feuer & Flamme“ hängen. Es waren ein paar Dutzend Chatter im Raum und erblickte dort eine Userin mit dem Namen Sonjamaus. Mirko mochte den Vornamen Sonja und klickte schließlich auf ihren Usernamen. Ein kleines blau umrandetes Fenster erschien und der Privatchat begann:

Radelfan: Hallo Sonjamaus!
Sonjamaus: Hi Radelfan!
Radelfan: Ich heiße Mirko und du?
Sonjamaus: Ich bin Sonja und 22 Jahre alt. Wie alt bist du denn?
Radelfan: Bin 19 Jahre alt und seit gut zwei Jahren wieder Single.
Sonjamaus: Da bist du sicher sehr liebebedürftig *grins*
Radelfan: Ja, kann man sagen. Ich suche nicht zwingend sondern lasse den Zufall entscheiden.
Sonjamaus: Den Zufall? Aha. Ich bin seit acht Monaten Single. Welche Hobbys hast du denn so und wo wohnst du?
Radelfan: Ich wohne in Plettenberg und meine Lieblingshobbys sind Radtouren und Schwimmen.
Sonjamaus: Du kommst aus Plettenberg? Hey, dass ist ja bei mir ganz in der Nähe, denn ich komme aus Heggen und fahre ebenfalls gerne mit dem Rad.
Radelfan: Da können wir uns ja mal zu einer Radtour treffen. Freu.
Sonjamaus: Ja, klar gerne. Freue mich schon drauf aber zuerst möchte ich dich besser kennenlernen.
Radelfan: Verstehe, ich möchte dich auch erst ein wenig weiter beschnuppern.
Sonjamaus: Okay. Freu. Du? Ich muss jetzt leider aus dem Netz, weil ich noch für mein BWL-Studium büffeln muss.
Radelfan: Schade. Können wir uns denn morgen wieder treffen?
Sonjamaus: Klar, sagen wir so um 21 Uhr?
Radelfan: Freue mich schon auf unseren morgigen Chat. Bis morgen Sonja!
Sonjamaus: Man sieht sich. Bis morgen Mirko!

Mirko fand Sonja sympathisch und freute sich schon auf den morgigen Chat. Er wollte sein Notebook schon ausschalten, als ihm der Notizzettel einfiel dem ihm der übergewichtige Patrick gegeben hatte. Im Browser gab er die Webadresse ein und landete auf der Internetseite. Es war tatsächlich ein guter Tipp, denn Mirko war seit Jahren bei er örtlichen Sparkasse und zahlte horrende Kontoführungsgebühren. Am gleichen Abend richtete er ein Gratis-Girokonto bei einer der empfohlenen Banken ein. Mit Sonja traf er sich nun regelmäßig im Chat und zwar acht Wochen lang. An einem Samstag-Nachmittag verabredeten sich die beiden zu einer Radtour rund um Plettenberg. In einer Ruhepause setzte er sich mit ihr auf eine Bank, wo er ins Tal schauen konnte und küsste Sie zärtlich auf den Mund. Sonja lächelte und traf sich von nun fast täglich mit ihm, soweit es ihr Studium zuließ und die Zwei wurden wenige Wochen später ein glückliches Paar.

© 2005/2011 by Andreas Krämer

Bildnachweis: „Display-Maus“ von Andreas Krämer

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