Abkürzung

Abkürzung

Streit lag in der Luft, seit Tagen schon, doch heute stand ein wichtiger Besuch bevor und das Paar hatte sich für die stundenlange Fahrt zusammengerauft. Stephen hasste solche Tage, doch zum Wohle seiner langjährigen Beziehung zu seiner Christin, biss er die Zähne zusammen und fuhr mit ihr zu ihren Eltern. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, noch drei Stunden Fahrt würden vor Ihnen liegen, als mitten auf der Landstraße, die sie spontan als Abkürzung gewählt hatten, auf einmal der Kleinwagen zum stehen kam. Die Scheinwerfer blitzten kurz auf, dann Finsternis um sie herum.
„Hey, was ist los, Schatz?“, fragte Christin, die eingenickt war und durch das ruckartige Stehenbleiben aus ihren Nickerchen geholt wurde.

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„Verdammt, ich weiß auch nicht, der Wagen war erst vergangene Woche in der Werkstatt zur Jahresinspektion und alles war in Ordnung. Ich steige eben aus“, erwiderte er entnervt, kramte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach hervor und öffnete die Motorhaube. Christin verspürte ein leichtes Frösteln, stieg ebenfalls aus und ging die Hände in ihre enge Jeanstaschen gesteckt zu ihren Freund.

„Was gefunden?“, fragte Christin stirnrunzelnd.
„Nein, der Motor scheint okay zu sein. Könntest du eben schauen, ob wir noch genug Benzin haben? Vielleicht ist der Tank leer?“, bat er und gab ihr einen sanften Kuss auf Mund. In den klaren Sternenhimmel schauend verschwand Christin wieder ins Auto.

„Du hast vergessen zu tanken, wieder einmal typisch für dich. Wie oft habe ich dir gesagt, vor langen Fahrten zur Tankstelle zu fahren. Scheiße…“, entfuhr es ihr.
„Ich habe einen Reservekanister im Kofferraum, schau nach“, rief er. Die dunkelblonde grazil gebaute junge Frau sprang verärgert auf, öffnete den Kofferraum und schwang den Benzinkanister wie ein Glas Wein.
„Furztrocken, mein Lieber. Oh Mann, super echt toll hingekriegt!“, beschwerte sie sich, warf den Kanister in den Kofferraum.
„Ich rufe den Pannendienst“, schlug Christin vor und wählte die gesuchte Nummer aus dem Telefonbuch ihres Handys.
„Was?! Ich glaube mein Schwein pfeift. Kein Netz!“, kreischte Christin, stapfte zu ihren Freund und schaute ihn böse an.
„Könntest du dich bitte beruhigen? Ja ist alles meine Schuld, doch können wir jetzt Ruhe bewahren und die Lage checken? Ich schau mal eben in Google Maps nach, ob hier in der Nähe eine Tankstelle ist“, sprach er aufgeregt, versuchte vergebens ein Netz zu erhalten, als seine Freundin lächelte und mit der Taschenlampe auf ein Schild auf der gegenüberliegenden Seite zeigte.

„Greenville Diner and Gas Station. Eine Meile“, klatschte sie freudig, umarmte ihren Freund und holte den Benzinkanister.
„Du willst ernsthaft diesen Waldweg gehen? Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache“, gab er zu verstehen.
„Angsthase, keine Sorge, wir sind hier in keinem Nationalpark und Sasquatsh habe ich auch nicht gesehen“, scherzte sie grinsend, bei der sich ihre süßen Lachgrübchen zeigten.

„Bei deinem Grinsen kann ich nicht nein sagen. Okay, dann komm!“, nahm ihr den Kanister ab und begleitete sie durch den Waldweg.

Der Lichtkegel der Taschenlampe ließ den Weg nur erahnen, überall lagen Gestrüpp, Äste und Blätter herum. Je tiefer sie in den Waldweg hineingingen, desto kühler und finsterer wurde es. Stephen drückte Christin eng an seinen Körper. Plötzlich ein Knacken, sie blieben stehen. Mit der Taschenlampe leuchtete Stephen in Richtung des Geräuschs, ein dicker riesiger Baum tauchte dabei im Lichtkegel auf, sonst nichts.

„Da ist nichts, los lass uns weitergehen“
„Wenn du meinst“, bibberte Christin.

Wieder ein Knacken, begleitet von einem Fauchen und tiefen Atem.
„Schaaaatz…ich gehe keinen Meter weiter“, verschränkte die Arme und blieb demonstrativ stehen, als das Knacken intensiver wurde und Stephen mit der Taschenlampe rundum die Finsternis erleuchtete. Das Fauchen nahm an Stärke zu, als das Taschenlampenlicht plötzlich erlosch und sie wieder von tiefster Dunkelheit umgeben waren.

Christin klammerte sich eng an Stephen, verspürte einen eisigen Atem im Nacken, blieb wie angewurzelt stehen und wagte sich nicht umzudrehen. Wie von der Tarantel gestochen packte Stephen Sie an der Hand, rannte los immer tiefer in den Wald hinein, verfolgt von näher kommenden schweren Schritten. Auf einmal sahen sie einen Lichtschein und schöpften Hoffnung. Keuchend bibbernd rannten sie dem Licht entgegen und standen plötzlich vor einem alten heruntergekommenen Diner. Das Leuchtschild flackerte, ansonsten herrschte hier eine unheimliche Stille, die wie aus dem Nichts unterbrochen wurde.

„Verlasst diesen Ort, sonst werde ich euer Leben aushauchen“, warnte eine tiefe garstige Stimme hinter ihnen. Eisige Atemluft umhüllte sie, Eiskristalle bildete sich auf ihrer Kleidung und sanken in die Hocke.
„Wir haben kein Benzin“, erklärte Stephen schwach, als aus dem Eisnebel eine schwarze Gestalt mit gleißend blauen Augen auftauchte, sein Kanister nahm und ihm wieder zurückgab.
„Hier habt ihr euer Benzin und jetzt verlasst diesen Ort. Geht zu euren Wagen und verschwindet dahin, wo ihr hergekommen seid…“, drohte die Gestalt, von der eine düstere Stimmung ausging und bei beiden eine tiefe Ehrfurcht auslöste.

Das Paar stand mit klappernden Zähnen auf. Stephen nahm den vollen Benzinkanister und seine Christin an der anderen Hand. Der eisige Atem der düsteren Gestalt verfolgte sie bis zu dem Punkt, an dem der Wagen stand. Schnell rannten sie zu ihrem Auto, füllten den Tank und brausten davon…

Ende

(c) 2018 by Andreas Krämer

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